Herausforderung Freier Fall

Geschrieben von: Paula Bemmann-Wöschler (06.10.2009)

Heute ist der große Tag! Heute werde ich im Tandem springen! Warme Sonnenstrahlen kitzeln mein Gesicht. Blauer Himmel und kaum ein Wölkchen, wohin mein kritischer Blick aus dem weit geöffneten Fenster auch fällt. Ein aufgeregtes Prickeln der Vorfreude verdichtet sich aber plötzlich zu einem drückenden faustdicken Kloß in meiner Magengrube. Wer hatte bloß die bescheuerte Idee zu diesem Wahnsinn? „Möllemann, Möllemann...“ hämmert es in meinem Hirn. Ich fuchtle wie wild mit meinen Armen um meinen Kopf. Dann atme ich die spätsommerliche Morgenluft mehrmals tief und langsam ein. Innerlich verfluche ich mich bereits, dass ich diesem Wahnsinn zugestimmt habe. Ich werde meiner Angst aber nicht erliegen und kneifen.

Apropos kneifen: „Vielleicht ziehen ja doch noch Wolken auf oder ein Herbststurm entwickelt sich spontan über der Pfalz?“, höre ich mich plötzlich zu mir selber reden. „Oh Mann, Paula!“, denke ich, „Jetzt lass dir doch von deiner Angst nicht den Spaß verderben. Die werden schon genügend Sicherheitsvorkehrungen getroffen haben, schließlich machen die das ja nicht zum ersten Mal.“ Die Autofahrt zum Flugplatz zieht sich hin. Erwartungsangst macht sich langsam in mir breit. Wie manch anderer neige ich dann auch dazu, mich gedanklich in Horrorszenarien zu ergehen: Was ist, wenn ich vor Angst hysterisch werde und in Ohnmacht falle? Eventuell würde man mir das als sensiblem Frauenzimmer ohne Gesichtsverlust nachsehen. Ein Blick in den Spiegel der Sonnenblende zeigt mir jedoch die hohe Unwahrscheinlichkeit dieses Szenarios. Mein Gesicht ist vor Aufregung krebsrot, daraus schließe ich, dass die momentane Höhe meines Blutdruckes unmöglich eine Ohnmacht zulassen würde. Vielleicht schnappe ich stattdessen über und kralle mich am Türrahmen des Flugzeugs fest, damit wir nicht raus springen können? Bei diesem Gedankengang wird mir langsam schlecht. Aber auch dies ist rational betrachtet mehr als unwahrscheinlich. Ich bin eher introvertiert. Bei Stress verstumme ich, reduziere meine Aktivität und minimiere so den Einfluss von Außenreizen auf mich. Ganz anders meine extrovertierte Freundin Anna. Hat sie Angst und Stress, plappert sie wie ein Wasserfall, agiert sich durch Übersprungshandlungen aus und spürt überhaupt nicht mehr, dass sie damit ihrer Umgebung tierisch auf die Nerven geht. Und wenn ich mir vor Angst in die Hosen mache? Das wäre total peinlich! Zum Glück fahre ich gerade auf das Flugplatzgelände und sichte meine wartenden „Leidensgenossen“. Ich möchte gar nicht wissen, auf welche Schreckensbilder mein Gehirn bei länger andauernder Fahrt noch gekommen wäre.
 
Zum Glück ist jetzt Action. Wir erhalten die Einweisung. Jeder Handgriff sitzt bei unseren Begleitern. Das gibt mir schon einmal Sicherheit. Ich darf alles anfassen sowie untersuchen und finde geduldige Ohren für alle meine Fragen. Dann üben wir die Landung. Meine Freunde und ich witzeln viel und lachen. Das erleichtert ungemein. Die Stimmung wird gelöster und ich spüre, wie ich meine Schultern, die ich bei Anspannung gerne hoch ziehe, allmählich zusammen mit meinen Armen locker hängen lassen kann. Mir wird erst wieder mulmig zumute, als ich in einen Hosenanzug nebst einem Gurtsystem gesteckt werde. Wie erwartet, bringe ich allmählich keinen Ton mehr über die Lippen. Meine Kehle ist wie ausgetrocknet, mechanisch lasse ich alle Vorkehrungen über mich ergehen. Anders Anna, meine extrovertierte Freundin. Wild gestikulierend rennt sie von einer Ecke in die andere und in Nullkommanichts ist der Hangar ausgefüllt mit ihrer überdrehten Stimme. Obwohl ich vorbereitet darauf bin und Anna – normalerweise – sehr mag, beginnt sie mir schrecklich auf die Nerven zu gehen. Ein untrügliches Zeichen, dass meine Ruhe nach außen täuscht.
 
Wir warten auf der Wiese. Es ist ein Treiben wie am Fließband. Hoffentlich hat mein Tandem-Profi überhaupt noch Lust, wenn ich endlich an die Reihe komme. Jetzt spüre ich wieder meine Angst. 100 Jahre früher und ich wäre tatsächlich standesgemäß einfach in einem hysterischen Anfall in Ohnmacht gefallen. Heute sind wir Frauen emanzipierter und müssen unseren Mann stehen. Es hat alles seine Vor- und Nachteile! Mir ist schlecht und ich bin unruhig und hibbelig. Zum Glück ist Anna schon mit dem Flugzeug in der Luft. Ihre Aufgedrehtheit könnte ich jetzt nicht mehr ertragen. Ich warte mit anderen in voller Montur am Flugfeldrand bis wir an der Reihe sind. Gebückt rennen wir zum Flugzeug und werden zu zwölft in dieses winzige Gefährt gequetscht. Dann starten wir und heben ab. Ich kann gar nicht wirklich raus sehen. Höher und höher steigen wir. Bei 400 Meter Höhe würde ich gern aussteigen. Mein Tandem-Profi meint daraufhin lächelnd zu mir, dass diese Höhe tödlich wäre, wir müssten höher. Ich würge und bekomme einen Schweißausbruch, mir ist kalt und ich bin bleich, meine ich zumindest. Tapfer lächle ich gequält in eine vor mich gehaltene Fotokamera. Plötzlich geht alles ganz schnell. Ich werde festgeschnallt an meinen Profi und denke nur noch: „Hoffentlich hält das auch!“ Was wird es für ein Gefühl sein, sich gespitzt selbst in den Boden zu rammen, falls die Gurte vorher gerissen sind? Wird er versuchen, mich zu retten, um die Flugschule vor schlechter Publicity zu schützen? Gesetzt, er wollte mich retten, wäre das überhaupt möglich? Ich werde sterben und dann ist meine Katze obdachlos! Warum habe ich mich nur auf so ein bescheuertes, lebensmüdes Unterfangen eingelassen? ... Wieder jagt ein Horrorszenario das nächste. Dann öffnet sich die Tür und ein Duo nach dem anderen springt hinaus. Wir sind das letzte.
 
Demütig robben wir auf den Knien aneinander festgeschnallt zur offenen Tür. „Gleich werde ich ohnmächtig!“, denke ich. Leider nicht. Kein Schrei, keine wilde Gestikuliererei – wo bleiben bloß meine Überlebensgeister?! Der Typ hinter mir zählt eins, zwei, drei und wirft sich seitlich nach draußen und ich hänge draaaaaaaaan, verdammte Scheiße! Ich will um Hilfe schreien, aber beschließe kurzerhand, mich zu wundern, dass es so schweinegeil ist in dieser Höhe. Der Boden ist surreal unendlich weit entfernt von uns, mit geöffnetem Mund und einem Höllenlärm vom Luftwiderstand um mich herum rasen wir nach unten. Ich kann völlig problemlos atmen und staune wie ein kleines Kind über mein Körpergefühl bis ich endlich bemerke, dass der Typ über mir, an dem ich glücklicherweise tatsächlich noch hänge, wohl schon längere Zeit auf meine Schulter klopft. Ach ja, Arme und Beine nach oben! Geht doch! Meine Angst ist weg. Vielleicht stehe ich auch unter Schock. Ach egal. Der freie Fall ist einfach nur gigantisch!
 
Durch die Reibung der Luft habe ich das Gefühl, als würde ich surfend durch die Lüfte getragen. Weil zudem die Fallbeschleunigung konstant bleibt (Physik-Leistungskurs lässt grüßen), fühlt es sich auch nicht beängstigend wie ein Sturz ins Bodenlose an. Außerdem sind 4.000 Meter so hoch, dass der Boden uns zwar näher kommt, aber eben nicht erschreckend schnell, sondern langsam. Vor Überschwang hätte ich Lust, Purzelbäume zu schlagen. Weil ich aber fest an meinem Tandempartner hänge und mich auch nicht wirklich trauen würde, bleibt mir nur, mit offenen Augen zu staunen. Dann ist es auch schon vorbei mit dem freien Fall. Schade!
 
Ich hänge am Fallschirm. Um mich herum ist Stille. Ein schönes Gefühl, so zu schweben. Langsam dringt ein Zwitschern an meine Ohren. Wir drehen ein paar Schleifen, bis mein Magen zu rebellieren beginnt. Zum Glück habe ich oben keinen Purzelbaum geschlagen! Ich versuche mich zu entspannen, um nicht brechen zu müssen. Jetzt noch die Landung. Geschafft! Auf dem Hosenboden sitzend bin ich wieder heil auf der Erde! Dann schreite ich noch etwas wackelig, aber stolz wie Oscar über die Wiese. Wie toll, dass ich mich meiner Angst gestellt habe. Was für ein gigantisches Erlebnis! Davon werde ich noch meinen Urenkeln erzählen.