Emotionale Intelligenz: Das neue Wissen von der Ohnmacht des Verstandes

Geschrieben von: Michael Blochberger (12.08.2009)

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Mit diesem Sprichwort haben schon meine Eltern versucht, meinen Wissendurst und meinen schulischen Ehrgeiz zu fördern. Trotz aller Anstrengung und Paukerei wurde ich aber nie mehr als ein mittelmäßiger Schüler. Vieles von dem, was man mir einzutrichtern versuchte, hatte ich am nächsten Tag schon wieder vergessen. Vor allem bei Vokabeln und mathematischen Formeln war mein Verstand schnell überfordert.

Ich bin ein Mensch, der Erfahrungen und Erlebnisse braucht, um Zusammenhänge zu begreifen. Beeindruckende Versuche im Chemie- oder Physikunterricht, die Auseinandersetzung mit einem Drama von Schiller oder eine politische Diskussion in Gemeinschaftskunde. Das waren Themen, die mich emotional bewegten. Die damals entstandenen Gefühle und Bilder brannten sich in mein Gedächtnis ein. Ich habe sie nie mehr vergessen und kann noch heute mögliche Schlussfolgerungen oder Regeln davon ableiten.

Schon damals war mir bewusst, dass ich eine emotionale Bindung zum Lehrstoff benötigte, um ihn für mich nutzbar zu machen. Nur war ich der Meinung, das sei lediglich mein persönliches Problem.

Heute dämmert mir, dass mein schulischer Leidensweg, unsere anhaltende Bildungsmisere und die Führungsdefizite im deutschen Management die gleichen Ursachen haben könnten: die Überschätzung des Einflusses von Intellekt und Ratio auf unser Handeln, unseren Erfolg und unser Leben insgesamt. Seit Aristoteles leben wir in der Tradition der Polarisierung. Er war es, der die menschliche Seele in die Vernunftbegabte und die Vernunftlose unterteilte. Seither versuchen wir, die animalischen Triebe und Gefühle mit Vernunft zu zähmen, und sind damit nicht wirklich weiter gekommen als die alten Griechen.

Viele Philosophen haben seitdem versucht, dem Zusammenwirken von Ratio und Emotion auf die Schliche zu kommen. Emanuel Kant legte mit der "Kritik der reinen Vernunft" Ende des 18. Jahrhunderts den Grundstein für unser wissenschaftlich-rationales Denken. Aber er erkannte schon damals das komplexe Zusammenspiel von Sinnlichkeit und Verstand und somit auch die Grenzen der Vernunft. Obwohl wir mit Hilfe des Verstandes unserer natürlichen Wahrnehmung widersprechend feststellen, dass die Erde sich um die Sonne dreht und nicht umgekehrt, sprechen wir auch heute noch von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Wir haben die wissenschaftliche Realität hingenommen, leben aber weiter nach den falschen Interpretationen unserer sinnlichen Wahrnehmung.

Der starke Einfluss, den unsere emotionale Befindlichkeit auf unser berufliches und privates Handeln hat, will irgendwie nicht zu unserem Selbstbild von der überlegenen menschlichen Spezies passen. Wenn unser Gehirn so viel komplexer als das anderer Säugetiere ist, warum fällt es uns dann nicht leichter, eine Fremdsprache zu erlernen, im Kopf Schach zu spielen oder die Relativitätstheorie zu begreifen?

Die Veröffentlichungen des Verhaltensforschers Prof. Dr. Gerhard Roth von der Universität Bremen geben darauf beeindruckende Antworten, die uns zu einem Umdenken zwingen. Seinen Ausführungen zufolge ist der allergrößte Teil des menschlichen Gehirns eben nicht mit logischem Denken beschäftigt, sondern damit, Gefühle zu verarbeiten, sie zu bewerten, mit bisherigen Erfahrungen zu vergleichen und folgerichtige Entscheidungen zu treffen, ohne dass uns das bewusst wäre. Entscheidungen entstehen demzufolge in automatisierten Prozessen, in denen unendliche Datenmengen in Bruchteilen von Sekunden abgeglichen werden, ohne dass wir Einfluss darauf nehmen können.

Unser Bewusstsein, das in einem vergleichsweise kleinen Teil des Gehirns, dem präfrontalen Kortex, hinter der Stirn liegt, ist mit solchen Datenmengen schlicht überfordert. Um nicht „den Verstand zu verlieren“, werden wir über das Vorbewusstsein mit vorsortierten Erinnerungen gefüttert. Unser Bewusstsein ist demnach oft nur das ausführende Organ eines emotional gesteuerten Gefühlsspeichers von unbegrenzter Kapazität.

Primäres Ziel unserer Gehirnarbeit ist also nicht die bewusste Verarbeitung der Fakten, um objektiv richtig zu entscheiden, sondern das Erzeugen eines guten Gefühls auf Basis unserer bisherigen Erfahrungen. Wir handeln nach einem individuellen Erfahrungs- und Überlebensmuster, von dem der Verstand gar nichts wissen muss. In der Regel sind wir damit sehr erfolgreich: In wissenschaftlichen Versuchsreihen konnte nachgewiesen werden, dass emotional getroffene Entscheidungen aufgrund der unbewussten aber umfangreicheren Datenmenge eine geringere Fehlerquote aufweisen als ein rationales Abwägen weniger bewusster Fakten. Der Nachteil dieser Denkmuster: Haben wir in der Vergangenheit in einer Sache negative Erfahrungen gemacht, werden wir uns solange dagegen entscheiden, bis wir unser Verhalten durch positive Erfahrungen revidieren können.

Endlich kann die Hirnforschung belegen, was lange zu ahnen war: Wir handeln nicht logisch sondern psychologisch! Unserem Bewusstsein bleibt lediglich die Aufgabe, Gefühle zu hinterfragen, deren Ursachen zu verstehen und überholte Ängste durch positives Erleben zu überwinden. Verstand hat der, der seine Psyche erkannt hat. Erst wenn uns bewusst ist, wie unser Unbewusstes arbeitet, können wir Einfluss auf unser eigenes Handeln und auf das Handeln anderer nehmen.

Zum Scheitern verurteilt sind also diejenigen, die weiterhin glauben, unabhängig von ihren Gefühlen entscheiden und handeln zu können. Wer seine Emotionen auszublenden versucht, verbaut sich den Zugang zu seinem Unbewussten und reduziert sich somit auf sein ihm bewusstes Teilwissen. Verkopfte Menschen verlieren die Verbindung zu sich selbst und ihrer inneren Persönlichkeit. Das ist verantwortungslos für das eigene Leben, schädlich für jede zwischenmenschliche Beziehung und besonders hinderlich in der Führungsverantwortung. Sie müssen akzeptieren, dass auch für sie Gefühle die entscheidende Triebfeder ihres Lebens darstellen. Wer nicht Opfer seiner emotionalen Programmierungen werden will, muss seine eigene Gefühlswelt und die der anderen begreifen lernen, um Einfluss darauf nehmen zu können.

Der Verstand ist begrenzter als wir lange gedacht haben. Beginnend mit den griechischen Philosophen haben wir uns eingebildet, unser Intellekt befähige uns dazu, uns über die Natur zu stellen und die Welt nach unserem Vorbild zu gestalten. Nach unzähligen Kriegen, grenzenlosem Elend und schreiender Ungerechtigkeit müssen wir feststellen, was uns bewegt, ist nicht der Verstand, es sind die emotionalen Kräfte – im Bösen wie im Guten. Hier scheint mir die größte Herausforderung der Menschheit zu liegen: Die Wurzeln destruktiver Emotionalität freizulegen und allen emotionalen Perversionen dieser Welt wie Gier, Hass, Gewalt, Unterdrückung und Sadismus vorzubeugen. In Wirtschaft, Gesellschaft und Politik brauchen wir den Raum für die positiven Gefühle und Wertevorstellungen. Wenn die Mehrheit unserer Politiker und Führungskräfte so viel psychologisches Bewusstsein hätte, wäre unsere Welt schon eine andere!

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