Loslassen und Grenzen setzen lernt man am besten in Indien

Geschrieben von: Paula Bemmann-Wöschler (07.05.2008)

Das Kliff, auf dem ich sitze, ist ein Traum, aber ich bin immer noch genervt, von mir und den Dingen, die hier in Indien einfach so anders sind. In meinen Ohren hallen die begeisternden Erzählungen von Freunden nach. Nach drei Wochen Rundreise kann ich diesen im Moment rein gar nichts abgewinnen. Bin ich zu alt und spießig geworden oder für dieses Land einfach nur zu dünnhäutig? Ich ärgere mich über meine Unlockerheit und mein Unvermögen, mich selbstbewusst abzugrenzen.

Wie Fliegen einen großen leckeren Hundehaufen umschwirren sie uns, egal wo wir auftauchen. Als Europäer ziehen wir unweigerlich das Interesse auf uns und egal, wohin wir kommen, stehen wir schnell im Mittelpunkt. Dann sind wir in Nullkommanichts umringt von lauter Erwachsenen, die sich in unserer Wahrnehmung wie Kinder verhalten. Jeder will der erste sein und versucht, uns gegen die Konkurrenz abzuschirmen. Ausdauernd und freundlich bietet man uns eine günstige Rikscha, ein billiges Hotel, ein ganz tolles Restaurant oder eine wirklich sensationelle Guidetour nach der anderen an. Drei „Neins“ pro Kopf, bevor einer wieder abdreht. Das so entstandene Platzvakuum zieht unweigerlich den nächsten an und von vorn beginnt das gleiche Spiel.
 
Es fällt mir so schwer, mich hierauf einzulassen. Mich klar, deutlich und bestimmt abzugrenzen, war noch nie meine Stärke. Mich beschleicht jedes Mal zudem ein Unbehagen, wenn ich in der Aufmerksamkeit anderer stehe, einfach so, ohne mein Zutun, ohne eine Leistung erbracht zu haben. Aber hier bin ich es, ob ich will oder nicht. Die Kinder winken uns zu, viele Erwachsene wollen uns die Hand schütteln. Wir werden ungeniert beobachtet und es wird offen über uns gelacht. Inder zeigen ihre Emotionen so pur, fast ungefiltert und äußern ihre Neugierde hemmungslos wie bei uns nur die Kinder.
 
Ich bin auch neugierig, will fragen, mir Fremdes erklären lassen oder einfach nur beobachten, aber mein Misstrauen, dann erneut zum Kauf von Dingen, die ich nicht will, genötigt zu werden, hält mich zurück. Ich bin es überhaupt nicht gewohnt, so „distanzlos“ angesprochen zu werden und es kostet mich jedes Mal eine unglaubliche Kraft, nein zu sagen, obwohl mich jemand charmant und offen anlächelt. Für mein Gefühl, muss ich auch viel zu hart reagieren, um meinen Unwillen kund zu tun. Zwangsläufig stellt sich ein schlechtes Gewissen ein, extremer reagiert zu haben als gewohnt. Ständig bin ich im Morgen, plane die nächsten Schritte, mache mir Sorgen, ob auch alles klappt: Wird noch ein Zimmer im ausgesuchten Hotel frei sein? Hoffentlich kommen wir nicht zu spät in die Stadt, im Dunkeln finden wir schwerer ein Hotel. Entspricht das Hotel auch der Beschreibung im „Lonely Planet“? Halten die Moskitonetze? Wie viele „Nein, wir fahren zu dem genannten Hotel und nicht zu einem anderen.“ benötigt der Rikschafahrer das nächste Mal? Werde ich 16 Stunden Busfahrt in diesem Vehikel und mit unserem wild hupenden Raser von Busfahrer überleben?
 
Inder würden sich nie so viele Gedanken machen, sie tun es einfach und dann schauen sie, was passiert. Sie scheinen wirklich im „Hier und Jetzt“ zu leben. All ihre Energie und Aufmerksamkeit ist auf den einen Moment konzentriert. Gestern sprach uns beispielsweise ein Rikschafahrer an. Er wollte uns unbedingt in die nächste Pilgerstadt fahren. Zufällig wollten wir auch dorthin. Sein Eröffnungspreis war fast zu niedrig. Statt uns zu freuen, wurden wir misstrauisch. Normalerweise wird fast immer um fast alles gehandelt. Der Eröffnungspreis hat oft rein gar nichts mit dem eigentlichen Preis zu tun und kann das x-fache von diesem betragen. Der Rikschafahrer wurde immer aufgeregter und unruhiger. Hibbelig sprang er von einem Bein aufs andere. Seine Stimme überschlug sich fast vor Erregung. In der Stadt gäbe es gleich einen Elefantenumzug mit 55, wirklich 55 (!), Elefanten. Er fährt uns hin, alles im Preis inbegriffen! Nur müssten wir uns beeilen. Wirklich, wirklich, ein riesiges Fest sei heute schon den ganzen Tag gewesen und jetzt fängt gleich die Parade der Elefanten an. 55 Elefanten! Schnell, schnell, schnell!... Wir willigten ein und ernteten ein überglückliches Strahlen. Die nächsten 15 km versicherte er uns wieder und wieder, dass es tatsächlich 55 Elefanten wären. Wäre es möglich gewesen, hätte er mit seiner Rikscha vor Vorfreude Purzelbäume geschlagen. Wir waren froh, dass er trotz Aufregung einigermaßen die Straßenspur hielt. Bis zum Schluss waren wir misstrauisch, dass er uns sonst wohin schleppen würde. Aber wir hielten tatsächlich in einem Pulk wartender Menschen am Straßenrand. Die Häuser waren geschmückt und alle waren vor Aufregung ganz kribbelig. Jetzt waren auch wir gespannt und tatsächlich, der Rikschafahrer hatte nicht übertrieben. 55 Elefanten inklusive fünf Babyelefanten zogen bunt geschmückt an uns vorbei. Es war atemberaubend wie groß diese Kolosse sind, wenn sie direkt neben einem stehen. „Babyelefant, Babyelefant!“, der Rikschafahrer war immer noch ganz aus dem Häuschen. Wie ansteckend, wir mussten uns einfach mit ihm freuen. Aber keine Viertelstunde später fetzten wir uns mit ihm, denn er wollte nun doch mehr Geld für die Fahrt. Wir fühlten uns betrogen und bestätigt in unserem Misstrauen. Während ich langsam wie der wütende Wadenzwicker unserer Nachbarn klang, beschlich mich das Gefühl, dass er nur mal ausprobieren wollte, ob mehr drin ist. Warum auch nicht? Er lenkte kurz wieder ein und dann bedankte er sich fast überschwänglich. Mit den Worten: „Best friends.“, trennte er sich von uns und fuhr offensichtlich guter Dinge davon.
 
Diese Achterbahnfahrt der Gefühle ist nur schwer für mich zu händeln. Ich fühle mich überfordert. Zugegeben, ich tendiere auch zu Hause dazu, gerne einmal von einer Stimmung zur entgegen gesetzten zu fallen. Aber hier in Indien nimmt es für mich unvorbereitet extreme Ausmaße an. Ich habe es nicht mehr „im Griff“, bin auf der Hut, ständig bereit, mich Unvorhergesehenem wie auch immer zu stellen. Auch nach Wochen habe ich immer noch keine Ahnung, wie ich mich dem Fremden gelassener gegenüber verhalten könnte. Gelernt habe ich aber immerhin das Nein-Sagen, zumindest für Deutschland wird es reichen...

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