Angst und Freude als Motivationsfaktoren

Geschrieben von: Michael Blochberger (06.10.2009)

Frage ich Führungskräfte oder den engagierten Nachwuchs nach ihren beruflichen Ängsten, so stoße ich regelmäßig auf Ablehnung und Unverständnis, statt eine ehrliche Antwort zu bekommen. Obwohl der Druck auf die Mitarbeiter enorm ist und stetig weiter zunimmt, ist es im Business absolut tabu, Ängste zuzugeben. Alle reden vom Stress, unter dem sie leiden. Aber Angst? Über so etwas spricht man nicht, wenn man seine Chancen im Unternehmen wahren will! Dabei werden die Stresshormone (Nor)Adrenalin, Dopamin und Cortisol in jeder Belastungssituationen ausgeschüttet und das wird durch Ängste ausgelöst.

Angst ist eine der wichtigsten Triebfedern für unsere tägliche Leistungsbereitschaft. Ohne Angst gäbe es keine Disziplin, kein Pflichtbewusstsein, keinen Ehrgeiz und keine Spitzenleistungen. Nur tritt Angst oft in Kombination mit anderen Gefühlen auf und das macht es uns leicht, sie zu negieren und zu verdrängen. Wenn wir aber lernen wollen, uns und andere über Emotionen zu führen, dann müssen wir uns über die differenzierten Formen der Angst bewusst werden und wir müssen verstehen, welche konstruktiven und freudigen Gefühle notwendig sind, um die individuellen Ängste in Motivation, Leistungsbereitschaft umzuwandeln.
 
Die Versagensangst macht sich im beruflichen Alltag durch Unsicherheit, Hilflosigkeit oder Entscheidungsschwäche bemerkbar. Viele Menschen leben täglich mit dieser Angst, keine Fehler machen zu dürfen oder einer Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Das macht sie im Normalfall zu sehr gewissenhaften und detailverliebten Mitarbeitern, die vielleicht nicht die Schnellsten sind, aber eine perfekte Arbeit abgeben. Dahinter steckt die Angst, nicht zu genügen, die sich bis zur Depression steigern kann, wenn sie nicht durch positive Gefühle aufgefangen wird.
 
Menschen mit Versagensängsten fehlt es in der Regel an Selbstsicherheit und Selbstwert, weshalb sie sich von der Anerkennung und dem Vertrauen anderer abhängig fühlen. Sie suchen die Gemeinschaft, weil sie hier Sicherheit finden und die beste Leistung bringen. Ihr überzogener Anspruch an sich selbst, macht es ihnen schwer, mit den Ergebnissen ihrer Arbeit zufrieden zu sein. Sie stellen sich gern selbstkritisch infrage und billigen sich keine Fehler zu. Aber: Nobody is perfect! Deshalb müssen sie lernen, ihre überzogenen Ansprüche zurückzuschrauben, Selbstvertrauen zu entwickeln und sich von der Bestätigung durch Vorgesetzte und Kollegen zu lösen. Und so wollen sie geführt werden: Mehr Lob als Kritik, Wertschätzung und persönliche Nähe.
 
Die Existenzangst zeigt sich in der vielseitigen Ablehnung von Veränderung, Innovationen, in der Angst vor einer ungewissen Zukunft bis hin zur Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Menschen, die am Bewährten besonders festhalten, trauen dem, was kommen könnte, nicht über den Weg. Das macht sie zu Vertretern konservativer Werte wie Disziplin, Pflichtbewusstsein und Ordnung und zu wichtigen Leistungsträgern im Unternehmen. Menschen, die durch Existenzangst geprägt sind, sind in der Regel hoch motiviert. Ihre Angst macht ja eine dauernde Leistungsbereitschaft notwendig, ganz nach dem Motto, solange ich etwas leiste, brauche ich keine Angst zu haben, meinen Arbeitsplatz zu verlieren.
 
Stolz auf die eigene Leistungsfähigkeit ist deshalb das positive Gefühl, das die Existenzangst in Motivation umzuwandeln vermag. Nur kann das auf Dauer trügerisch sein, wenn die Freude an der Arbeit zu kurz kommt. Menschen, die von Existenzangst geprägt sind, neigen nämlich dazu, das Genießen zu vergessen und sich in ihrem Pflichtbewusstsein zu verlieren. Ihre Hauptaufgabe ist es also, die eigene Balance zwischen Pflicht und Spaß zu finden, um nicht auszubrennen. Und so sollten diese Menschen auch geführt werden: Druck nehmen, Freude geben und Flexibilität fördern.
 
Die Konfliktangst ist der Versagensangst nicht unähnlich. Sie äußert sich in mangelndem Gefühlsausdruck, unterdrückten Aggressionen, der Unfähigkeit, nein sagen zu können bzw. Grenzen zu setzen, bis hin zu einer angepassten, unterwürfigen Arbeitshaltung. Wer die Konflikte scheut, wird schnell zu einem verlässlichen Mitarbeiter, der einem Team Ruhe und Sicherheit geben kann. Er fällt aber eher durch Ausdauer als durch übermäßigen Ehrgeiz auf. Dahinter steckt die Angst, nur über Pflichtbewusstsein und Gehorsam die Anerkennung und Zuwendung zu bekommen, die man sich wünscht.
 
Wer Konflikten aus dem Weg geht, ist in der Regel selbst motiviert, arbeitet aber häufig mit einer unterschwelligen Frustration, die Kraft und Leistungsfähigkeit kostet. Die positiven Eigenschaften, die den Konfliktscheuen antreiben sind Hilfsbereitschaft, Harmoniebedürfnis und Humor. Er zieht seine Befriedigung aus der Anstrengung und weniger aus dem Ergebnis. Deshalb ist auch er oft abhängig von der Beurteilung durch Vorgesetzte. Seine Aufgabe ist es, Grenzen setzen zu lernen sowie offen und selbstbestimmt Konflikte einzugehen, um Frustrationen zu vermeiden. Eine gesunde Mischung von Kritik und Wertschätzung in einem guten Betriebsklima kann den Konfliktscheuen zur weiteren Leistungssteigerung motivieren.
 
Die Angst vor Abhängigkeiten kennzeichnet die Menschen, die der Langeweile, dem Stillstand und zu engen Verpflichtungen entfliehen wollen. Im Gegensatz zu den Kollegen mit Existenzangst suchen diese Charaktere in der Veränderung, der Innovation und in allem Neuen ihre Bestätigung. Das macht sie zu sehr flexiblen, entscheidungs- und risikofreudigen Mitarbeitern, die andere gerne antreiben, sie schnell verängstigen oder das Interesse verlieren, wenn es nicht voran geht. Fehlt diesen Personen die Dynamik, lehnen sie die Verantwortung ab, denn Routine und Verzicht sind nicht ihre Stärken.
 
Die wichtigsten Emotionen, die aus der Angst vor Abhängigkeit eine besondere Leistungsfähigkeit entwickelt, sind Ehrgeiz, Einfluss und Genuss. Es liegt also in der Natur dieses Charakters, sich selbst zu motivieren und sich diese Gefühle eigenverantwortlich zu verschaffen. Eine Herausforderung für diese dynamischen Personen ist es aber, Geduld, Demut und Toleranz zu entwickeln und nicht auf Kosten anderer zu leben. Wer solche Menschen führen will, muss sie vor immer neue Herausforderungen stellen und sie offen mit den Bedürfnissen anderer konfrontieren, damit sie lernen, Rücksicht zu nehmen: Sie lieben es, sich zu messen. Aus Konflikten ziehen sie Freude und Bestätigung. Nur wenn man sie in ihre Schranken weist, kann man sie mit ihren Ängsten konfrontieren.
 
Die Balance von Angst und Freude

Nur in eindeutigen Krisen sind diese Ängste so klar definierbar wie oben beschrieben. Meist überlagern sich mehrere Ängste und beeinflussen unser Handeln, ohne dass es uns bewusst werden muss. Die Definitionen sind aber hilfreich, um konstruktiv Einfluss zu nehmen und die Ängste nicht überhand nehmen zu lassen.
 
Um optimal motiviert zu sein, braucht es nämlich eine gesunde Balance zwischen den individuellen Ängsten und den entsprechenden positiven Gefühlen, die wir unter dem Begriff "Freude" zusammenfassen können. Dort wo Angst und Freude in der Balance sind, wird die Leistungsfähigkeit am höchsten sein. Ist eines von beiden dominant, dann geht Motivation und Leistungsbereitschaft verloren. Daraus ergibt sich ein Bild, das an die Gausssche Normalverteilungs-Kurve erinnert: Die Linie zeigt die Abhängigkeiten von "Leistung" im Spannungsfeld der lebenswichtigen Emotionen, nämlich Angst und Freude, die sich eben nicht ausschließen, sondern immer gemeinsam wirken.
 
Bei den Menschen, die nur ihre Bedürfnisse und Freuden befriedigen, ohne Angst zu haben, erleben wir eine wachsende Trägheit und Selbstzufriedenheit und deren Leistungsbereitschaft sinkt gegen Null. Umgekehrt werden Menschen, die ohne Freude an der Arbeit nur durch Angst getrieben werden, zunächst demotiviert, später blockiert sein, weil ihnen der Sinn ihrer Tätigkeit genommen wird. Bei manchen Menschen mag die Leistung durch angstschürende Repressalien kurzfristig zu erpressen sein. Letztendlich führt dies aber zu panischen Reaktionen, zu einem erhöhten Verschleiß der Arbeitskraft, zum Kollaps oder zur Kündigung.
 
Wir sind alle selbst dafür verantwortlich, unser Leben so zu gestalten, dass sich Angst und Freude möglichst die Waage halten, also Arbeit auch Vergnügen bereitet. Wenn uns das gelingt, schöpfen wir aus schier unversiegbaren Ressourcen und bleiben auf Dauer leistungsfähig.
 
Die Führungskräfte unter uns haben zusätzlich die Aufgabe, die Bedingungen ihrer Mitarbeiter so zu verbessern, dass auch diese optimal motiviert sind: Für die Einen heißt das, nicht deren Ängste zu schüren, sondern ihnen Anerkennung und Bestätigung geben, Freude schenken und Dankbarkeit zeigen. Für Andere kann das heißen, dass man deren Ängste verstärken muss, indem man ihnen ihre Grenzen aufzeigt und sie zu Rüchsichtnahme und Toleranz bewegt.
 
Dieses virtuose Dirigieren von Lob und Kritik, Anschieben und Bremsen, Geben und Nehmen gelingt um so besser, je offener und ehrlicher wir unsere eigene Balance zwischen Angst und Freude vorleben und unseren Mitarbeitern so als selbstbewusstes Vorbild dienen können.
 
Links zum Thema Angst und Persönlichkeit:
Der Choleriker
Der Zwanghafte
Der Depressive
Der Schizoide

Zwei Trainings zum Thema:

Mit Gefühl und Empathie zu mehr Erfolg

Resilienz für Führungskräfte – mit der Karriere leben