Die Folgen emotionaler Dummheit

Geschrieben von: Michael Blochberger (09.10.2008)

US-Banken-Kollaps

Sie waren die Götter des Finanzimperiums, die Chefs von Lehman Brothers, Merrill Lynch, Bear Stearns und Morgan Stanley. Ihr Wort war Gesetz in der Bankenwelt. Auf ihr Wissen und ihre Erfahrung setzten Banker und Anlageberater Jahrzehnte lang ihr Vertrauen. Und jetzt müssen wir erkennen, dass diese Profis 5 Minuten vor 12 noch keinen Überblick über den Zustand ihrer Konzerne haben? Ein einmaliges Beispiel für die Grenzen unserer Intelligenz und die Folgen emotionaler Dummheit.

Immer wenn ich Börsennachrichten sehe, bekomme ich Bauchschmerzen. Nicht weil die Aktienkurse wieder gesunken sind, sondern weil ich es unerträglich finde, den Brokern und Fonds-Managern bei der Arbeit zuzusehen. Es ist offensichtlich: Diese Menschen stehen unter extremem Stress. Oft steht die nackte Angst in ihren Augen, sie schreien und zappeln um ihr Leben. So benehmen sich Menschen, die krank sind und keine Hoffnung mehr haben. Souveränität und Sicherheit drückt sich anders aus.
 
Wie kann ein Mensch unter solchen Bedingungen gute Arbeit machen? Wie kann ein Mensch unter dieser Belastung noch sachlich fundierte Entscheidungen treffen? Der Banken-Kollaps beweist: Panik und emotionales Chaos regieren die Finanzsysteme. Wir legen unser Geld in die Hände von Verrückten, die so tun, als wüssten sie, was sie machen. Aber aus ihrem Verhalten können wir schließen, dass sie am Ende ihrer Belastbarkeit und ihrer Kompetenz stehen.
 
Angst ist eines der Ur-Gefühle, das uns genetisch in die Wiege gelegt wurde. Angst ist das perfekte Frühwarnsystem, das uns in Gefahrensituationen blitzschnell dazu befähigt, zu überleben. Die Stresshormone Cortisol und Adrenalin versetzen unsere Muskeln in Bruchteilen von Sekunden in Alarmzustand und geben ihnen die Kraft zur Flucht oder zum Angriff. Aber Dauerstress fordert nicht nur gesundheitliche Opfer.
 
Eine unangenehme Begleiterscheinung beider Hormone ist, dass andere Körperfunktionen, wie die Sinnesorgane und die Verdauung, in den Sparmodus versetzt werden, um alle Konzentration für den "Überlebenskampf" zur Verfügung zu haben. Das heißt, in extremen Stresssituationen ist das Gehirn nur schwer in der Lage, komplizierte Sachverhalte aufzunehmen und zu verarbeiten.
 
Das erklärt vielleicht, warum dauergestresste Menschen, wie die Fonds-Manager der Investmentbanken, zwar extrem belastbar sind, in kritischen Momenten aber vermehrt Fehlentscheidungen treffen. Unter dem Druck ihre Stresshormone kämpfen sie wie unter Scheuklappen, um das Licht am Ende des Tunnels zu erreichen, verlieren dabei aber völlig den Überblick und ihren Spürsinn. Nicht mangelnde Intelligenz, sondern ihre Gier und ihre emotionale Dummheit bringen unsere Finanzsysteme an den Abgrund.
 
Ein System, das darauf aus ist, Ängste zu unterdrücken, um daraus mehr Profit zu erwirtschaften, spielt mit uns Russisch Roulette. Viele Manager – besonders die amerikanischen Fonds-Manager – sind darauf dressiert, ihre Ängste auszublenden und den starken Mann zu markieren. Das geht so lange gut, bis in einer Krise der kreative Geist gefordert ist. Hier versagen sie kläglich, weil sie verlernt haben, Distanz zu gewinnen, die Perspektive zu wechseln und auf ihre Gefühle zu hören.
 
Emotionale Intelligenz heißt, seine Emotionen erfolgreich zu managen. Und eine der wichtigsten Kompetenzen ist der Umgang mit unserer Angst. Wer sich ausschließlich von seinen Ängsten leiten lässt, vermeidet jedes Risiko und wird sich nicht weiterentwickeln. Wer aber seine Ängste immer auszublenden versucht oder übergeht, gefährdet sich und seine Umgebung. Es geht also um den selbstbewussten und verantwortlichen Umgang mit den eigenen Ängsten.
 
Der erfolgreichste Hedgefonds-Manager von Bear Staerns, Ralph Cioffi, hat das nicht getan. Er äußerte schon vor 18 Monaten gegenüber einem Kollegen seine große Angst vor den Finanzmärkten und den Folgen seiner Spekulationen. Trotzdem puschte er bis zum Schluss seine überbewerteten Hypotheken-Fonds und führt seine Firma wie parallelisiert in den Untergang.
 
Ralph Cioffi ist das Paradebeispiel eines unersättlichen Managers, der als Stressjunkey dem Größenwahn verfällt. Sein ganzes Wissen nützt ihm nichts, weil er seine Angst nicht wertschätzt und seiner Gier unterliegt. Auch sein Chef James Cayne ist feige und demonstriert seine emotionale Dummheit: Er spielt lieber Golf als der Gefahr und seiner Angst ins Auge zu sehen und die Firma zu retten. So wird die bisher größte Finanzkrise an der Wallstreet ausgelöst, von der wir bis heute noch nicht wissen, wohin sie uns führen wird.
 
Aber eines wissen wir schon sicher, dass wir alle etwas daraus lernen können. Vielleicht brauchen wir diesen großen Knall um aufzuwachen? Vielleicht wird so das Ende des coolen Managers eingeläutet, der so überlegen scheint, aber sich schnell als emotionale Niete erweist? Vielleicht vertrauen wir in Zukunft wieder mehr den offenherzigen Menschen, die ihre Gefühle zugeben und deshalb viel bodenständiger und vertrauenswürdiger sind.
 
Das hat mir schon gut gefallen, als Horst Seehofer am Dienstag nach seiner Wahl zum CSU-Parteivorsitzenden vor laufenden Kameras zugab, dass er gewaltigen "Bammel vor der Größe seiner bevorstehenden Aufgaben" habe. Solch ehrliche Worte machen doch nach dem Huber/Beckstein-Drama wieder Hoffnungen! Der Mann weiß wenigstens, wovon er redet! Lasst uns vermehrt auf unsere Gefühle achten. Sie sind oft der beste Ratgeber, den wir haben!

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