Persönlichkeit und Ausstrahlung: Wer träumt nicht vom eigenen Charisma?

Geschrieben von: Paula Bemmann-Wöschler (07.05.2009)

Seine Träume zu realisieren und dabei mit Leichtigkeit andere Menschen für die eigenen Ideen zu gewinnen und zu begeistern, ist eine Kunstfertigkeit, die nur wenige beherrschen. Glauben Sie? Dies ist gar nicht so schwierig, gibt man sich offen, wie man ist.

Steht die eigene unverwechselbare Persönlichkeit in Einklang mit dem individuellem Stil und dem persönlichen Auftreten, zeige ich mich authentisch, fällt es mir leicht, meine Begeisterung und Power nach außen zu tragen. Andere empfinden mich dann als charismatisch und schreiben mir und meinen Vorhaben Erfolg zu. Nicht ich überzeuge mit Versprechungen oder Druck andere Menschen, sondern andere spüren meine innere sichere Überzeugung und genau dies gibt ihnen wiederum die Sicherheit, mir zu folgen.
 
Ich sitze in einem Kreis von 10 Teamleitern, „getarnt“ als neue Assistentin, und lasse die Szenerie auf mich wirken. Ich bin geschockt und habe große Mühe, mir mein Entsetzen nicht anmerken zu lassen. Ja, „meine Chefin“ steht unter Beobachtung, denn sie ist seit einem halben Jahr in einer neuen Rolle als Abteilungsleiterin. Es gibt Probleme mit ihrer Durchsetzungskraft und deshalb hat das Unternehmen mich als Coach engagiert. Nur verdammt noch einmal wo ist SIE – diese herzliche, sozial kompetente und kraftvolle Frau mit einer Intuition und einem scharfen Verstand, der seines gleichen sucht? Ich war begeistert von ihrem Charme und ihrem Esprit im Vorgespräch. Diese Frau von letzter Woche hatte eine Vision, klare Vorstellungen und eine zugewandte aufmerksame Art mit anderen umzugehen.
 
Und jetzt spüre ich sie gar nicht mehr. Als hätte sie sich plötzlich aufgelöst, Null Präsenz, sie ist einfach weg! Blass, unsicher und verschlossen wirkt sie auf mich. Ihre Augen verstecken sich hinter einem Schleier, kraftlos ist sie auf ihrem Stuhl zusammen gesackt, ihre Gestik und Mimik hat sie auf ein Minimum reduziert und ihre Stimme ist leise, piepsig und monoton. Sie hat Glück, unter ihren Teamleitern gibt es nur zwei laute und dominante Alphatiere, die ihr scheinbar noch wohl gesonnen sind. Sie halten sich sichtlich bemüht im Hintergrund, vielleicht aber nur deshalb, weil sie bereits die eigentliche Führung übernommen haben. Noch suchen sie nicht die offene Konfrontation, aber ich höre bereits das Zischen des Feuers, das sich über die Zündschnur zum Pulverfass frisst.
 
An ihrer Reflexion im anschließenden Vier-Augen-Gespräch erkenne ich, dass ihr ihr Verhalten und ihre Gefühle weitestgehend bewusst sind. Über die Wirkung auf mich, die ich ihr ehrlich spiegle, ist sie dennoch erschrocken. Jetzt ist sie auch wieder die selbstsichere, kritikfähige Frau von voriger Woche. Im Zweierkontakt, beobachtbar auch mit ihren Mitarbeitern, strahlt sie eine gänzlich andere Sicherheit aus als in der Führungsrolle vor einer Gruppe. Sie bestätigt mir, dass sie viel Sicherheit über Fachkompetenz und Erfahrung gewinnt und sich in neuen, für sie ungewohnten Situationen schnell unsicher und fehl am Platz fühlt. Meine Äußerung, dass sie sich einfach nur so zeigen soll, wie sie ist, löst Irritation und ein wenig Ärger bei ihr aus.
 
Dabei kann ich ihre Verhaltensweise sehr gut nachvollziehen, bekam ich doch neulich etwas Ähnliches von meiner Freundin zu hören, nachdem ich mich vor ihrem pubertierenden Sohn „unerwartet“ ins Boxhorn jagen ließ. Ich war über meine Wirkung nach außen so überrascht, dass ich mein Verhalten in dieser Situation stärker unter die Lupe nahm. Ich entdeckte einen alten Glaubenssatz aus meiner Vergangenheit: „Mit Jungs in diesem Alter komme ich nicht klar.“ und ich erinnerte mich, dass ich bereits mit einem flauen Gefühl im Magen bei ihr zuhause ankam. Was in den nächsten Minuten eintraf, kennt jeder unter der wohlklingenden neudeutschen Bezeichnung „self fulfilling prophecy“.
 
„Ich kann nicht steuern und gehe daher in Gruppen unter.“, ist der Glaubenssatz meiner Klientin, den wir gemeinsam herausfinden, und der sie in einer selbstsicheren Ausstrahlung ihrer Führungsqualitäten, die sie zweifelsohne besitzt, immer wieder massiv hemmt. Er ist einer ihrer wesentlichen Stolpersteine, der in Verbindung mit ihren Ängsten, dem eigenen Leistungsanspruch nicht zu genügen und die Leistungserwartungen anderer nicht zu erfüllen, sie regelmäßig unbewusst sich selbst sabotieren lässt.
 
Es gibt drei Ebenen in unserer Persönlichkeit, auf denen unsere Selbstsicherheit basiert. Das Eisberg-Modell ist ein schönes Bild zur Verdeutlichung. Denn das obere sichtbare Viertel – im Bild die Spitze des Eisberges, die über dem Wasser heraus lugt – ist die Selbstsicherheit, mit der wir uns nach außen zeigen und mit der uns andere wahrnehmen. Es ist unser Einsatz für die eigenen Interessen ohne die Rechte anderer dabei zu verletzen, es ist der Grad, mit dem wir unser Leben selbst gestalten. Wer selbstsicher ist, steht nicht unter dem Zwang, sich immer durchsetzen oder von anderen in seinen Ansichten und seinem Tun bestätigt werden zu müssen. Wie selbstsicher wir uns sind, zeigt sich in unserer Ausstrahlung, unserem Auftreten und in dem, was wir und wie wir etwas sagen. Unter dem Wasser für das Auge der anderen verborgen und nur indirekt beobachtbar liegen die drei Basis-Ebenen: Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen. Sie speisen unsere Selbstsicherheit oder eben nicht.
 
Meine Klientin ist sich ihrer selbst sehr gut bewusst, denn sie kennt ihre Gedanken, spürt ihre Gefühle und kann ihr Handeln genau in der Gruppenleitungssituation beschreiben. Allerdings benötigt sie die Bestätigung anderer, um sich selbst wert zu fühlen. Ihr Gespür für die eigene Würde und ihre Zuversicht, den Widrigkeiten des Lebens zu trotzen, sind stark abhängig von der äußeren Leistungsanerkennung. Sie kann sich nicht grundsätzlich selbst leiden und liebevoll betrachten. Fehler, die ihr unterlaufen, empfindet sie daher als Angriff auf ihren Selbstwert und stellt sich sofort als ganze Person infrage. Diese enge Kopplung von Selbstwert an eine erbrachte Leistung entspringt ihrem Elternhaus. Klassenbeste zu sein war gerade gut genug, um sich als Kind von ihren Eltern angenommen zu fühlen. Ihre Eltern haben es nicht vermocht, ihr ihre Liebe bedingungslos zu zeigen. So fällt es ihr schwer, lediglich ihr Verhalten als fehlerhaft zu sehen. Aber nur mit dieser Erkenntnis kann sie die Chance wahrnehmen, sich weiterzuentwickeln, zu lernen, etwas anders zu machen und sich damit adäquater und erfolgreicher in der Gruppenleitungssituation zu verhalten.
 
Ein gutes Selbstwertgefühl fördert wiederum unser Selbstvertrauen. Denn nur, wenn wir auf unsere Kräfte und Fähigkeiten bauen und diese auch erfolgreich einsetzen können, wissen wir aus Erfahrung, dass Verlass auf unsere Stärken ist. Schwierigen Situationen fühlen wir uns dann nicht mehr hilflos ausgeliefert, sondern erleben sie als Herausforderung. Dies lässt uns selbstsicher für unsere eigenen Interessen eintreten, was andere wiederum als sichere Ausstrahlung wahrnehmen können.
 
Dieses Modell hat meiner Klientin sehr geholfen zu verstehen, welche der drei Ebenen ihr in einer bestimmten Situation eine selbstsichere Ausstrahlung unmöglich macht. Mit Selbstreflexion und dem Abgleich ihres Selbstbildes mit einer Fremdeinschätzung ist sie in der Lage, ein immer umfassenderes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Mit einem konstruktiven Umgang mit Fehlern und Niederlagen kann sie ihr Selbstwertgefühl steigern. Indem sie ihre Erfolge feiert und sich dieser vor neuen Situationen immer wieder vergegenwärtigt, gewinnt sie zunehmend mehr Selbstvertrauen in ihre Fähigkeiten und kann aufhören, sich klein zu machen, um aus der Schusslinie zu flüchten. Und das beginnen jetzt auch andere in ihrem Auftreten und ihrer Ausstrahlung wahrzunehmen.
 
Es gibt Menschen, die sehr selbst-bewusst sind, ein hohes Selbstwertgefühl besitzen, sich selbst stark vertrauen und dadurch eine große natürliche Selbstsicherheit ausstrahlen. Sie werden gemeinhin als charismatisch bezeichnet. Das Geheimrezept charismatischer Menschen ist, dass sie ihre eigene unverwechselbare Persönlichkeit liebevoll annehmen und für andere sicht- und hörbar machen. Sie folgen ihren Bedürfnissen und ihrem eigenen Lebensweg, ohne andere zu kopieren und ohne sich mit anderen ständig zu vergleichen. Zudem gehen sie das Risiko ein, Fehlentscheidungen zu treffen und nicht immer zu wissen, wohin der Weg sie führt.
 
Es ist also nichts, was nicht jeder von uns auch in seinem eigenen Leben umsetzen könnte. Aber man weiß nie, wozu man wirklich fähig ist, bevor man aufsteht, um es zu versuchen. Fassen wir uns ein Herz und stehen wir vor uns und anderen einfach offen zu dem, wer wir sind!

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