Wie Sie Ihrem Wort Geltung verleihen – Unvoraussagbarkeit

Geschrieben von: Hans-Ulrich Schachtner (14.02.2009)

Alles Leben ist stetiger Wandel. Diese Erkenntnis legt uns nahe, stets auf die Zeichen zu achten, die uns anzeigen, dass es nötig geworden ist, dass wir umdenken oder uns neue Routinen zuzulegen. Das tun jedoch die wenigsten Menschen. Im Gegenteil, wir suchen ständig nach Sicherheit, d.h. der Möglichkeit, alles beim Alten zu lassen und unsere liebgewonnenen Gewohnheiten, unsere Denk- und Verhaltensweisen beibehalten zu können. Schließlich ist es anstrengend, umzulernen.

Außerdem geben uns die Gewohnheiten (und Laster) das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Wenn diese Haltung zu Problemen führt, weil sie nicht mehr zeitgemäß ist, Störungen oder auch Krankheit oder Schmerz verursacht, dann kommen diese Personen zu uns, zu ihrem/ihrer Berater/in.

Das heisst aber nicht automatisch, dass sie offen für Veränderung jeder Art sind. Auch jetzt werden sie noch versuchen, möglichst viel vom bisherigen Status quo beizubehalten. Das äußert sich manchmal auf eine fast paradoxe Weise. Wenn nämlich das, was wir Berater vorschlagen, dem Klienten bekannt oder gewohnt vorkommt, wird es schnell abgetan: „Jaja, das kenn‘ ich schon!“ oder „Das hab‘ ich auch schon versucht, aber das funktioniert nicht“. Wenn der Klient unsere Vorschläge auf diese Weise abtun kann, wird unser Wort bald insgesamt „abgetan“, d.h. es hat keinen Wert, weil es keinen Neuigkeits-Wert hat.
 
Wie können wir dem vorbeugen? Indem wir ihn zum Umdenken veranlassen – durch Unvoraussagbarkeit!
 
Unvoraussagbarkeit
 
Der dritte wichtige Faktor, der dem Wort des Therapeuten Geltung verleiht, zielt darauf ab, den Klienten aus seinem bisherigen Bezugsrahmen zu drängen und ihn zu veranlassen, umzudenken und eine neue Haltung zu sich und seinen Problemen einzunehmen. Zu diesem Aspekt traf Milton H. Erickson die klare Aussage: »Die Unvoraussagbarkeit des Therapeuten zwingt den Patienten in neue Denkmuster und Verhaltensweisen« (persönliche Mitteilung, 1978).
 
Wenn einem Klienten die Worte des Therapeuten schon sattsam bekannt sind, wird er sie leicht abtun, vor allem, wenn sie ihn an Ratschläge erinnern, die er von anderen Leuten auch schon bekommen hat, oder wenn er glaubt, dass sie ihm ohnehin nicht helfen werden. Wenn es dem Therapeuten nicht gelingt, zumindest ein neues Element in die Interaktion mit dem Klienten einzubringen, das diesen verblüfft, überrascht, nachdenklich stimmt, dann findet wahrscheinlich auch keine Therapie statt.
 
Bei einem voraussagbaren Therapeuten bekommt der Klient kaum Impulse zur Veränderung. Seine üblichen Abwehrmanöver, mit denen er schon die Ratschläge von Verwandten und Freunden neutralisiert hat, reichen aus, um auch den Therapeuten in seiner Wirksamkeit schachmatt zu setzen. Wenn ein Klient auf die Intervention oder Erklärung des Therapeuten reagiert mit: »Das hat meine Freundin auch schon gesagt«, dann kann er sicher sein, dass er auf dem Holzweg ist. Die Reaktion des Therapeuten muss den Klienten verblüffen oder verwundern, damit sie ihn aufrüttelt und berührt. Nur dann wird sie auf ihn Wirkung haben. Wenn nämlich keine seiner vorgefertigten Reaktionen auf die Situation paßt, fängt er an, umzudenken.
 
Vielleicht kennen Sie aus Ihrer eigenen Praxis ebenfalls Sätze von Klienten, auf die sich oft nicht gleich befriedigende Reaktionen finden lassen. Zu solchen Sätzen zählen z.B. ein nachdrückliches »Verstehen Sie mich?« nach jedem vierten Satz, oder »Ich möchte ja gerne. . . (morgens aufstehen, mehr Sport treiben, für meine Prüfung lernen), aber ich kann einfach nicht!« »Sagen Sie mir doch, warum bin ich so?« oder »Was raten Sie mir, soll ich das tun oder lieber bleiben lassen?« oder »Man kann doch niemandem trauen, finden Sie nicht auch?« usw.
 
Solche rigiden Verhaltensmuster stellen eine therapeutische Herausforderung dar. In diesem Fall nützen wir dem Klienten, wenn wir sie unterbinden und ihn zu angemesseneren Denk- und Verhaltensweisen provozieren.
 
Manche Klienten wissen recht gut, dass sie von anderen als schwierig angesehen werden, vielleicht sogar, dass sie anderen auf die Nerven gehen, dass sie andere manchmal »austricksen« und täuschen, und vor allem, dass sie andere in sogenannte »Spiele« hineinziehen können, die für den anderen (oder beide) mit schlechten Gefühlen enden. Wenn der Therapeut solche Spielchen durch seine Reaktionen im Keim erstickt, ist der Klient erleichtert, oft sogar dankbar, auch wenn er das erst viel später zugeben mag.
 
Hierzu benötigt der Therapeut ein möglichst großes Verhaltensrepertoire. Er braucht mehr als nur die Rolle eines verständnisvollen Therapeuten.
 
Erickson kurierte einmal einen Patienten, indem er ihn beleidigte. Dieser stammte aus Preußen und war sein Leben lang tüchtig und arbeitsam gewesen. Nach einem Schlaganfall aber konnte er ohne Hilfe nicht mehr gehen. Es dauerte zwanzig Minuten, bis ihn seine Frau vom Auto bis ins ebenerdige Buro Ericksons gebracht hatte. Im Laufe der Sitzung begann Erickson ihm alles mögliche an den Kopf zu werfen. Er sei ein Nazi, ein Drückeberger, ein Simulant usw. Bis zum Ende der Stunde steigerte der Mann sich so sehr in Wut, dass er schließlich aufstand und ging – zwar unter größten Anstrengungen, aber ohne jegliche Hilfe. Er wollte es diesem Doktor zeigen. Schließlich hat ein Preuße seinen Stolz.
 
Wie man mit Humor eine kritische Situation entschärft, zeigte Frank Farrelly, als ein Klient ihm drohte: »Und wenn ich mich umbringe, dann wird Ihr Name in Fachkreisen für immer beschmutzt sein!« Farrelly (nonchalant): »O nein, das brauchen Sie nicht zu glauben. Früher habe ich das auch mal geglaubt, aber wenn sowas mal im Laufe der Jahre passiert ist – ach, Sie glauben ja gar nicht, wie reizend meine Kollegen dann zu mir sind. Normalerweise sagen sie dann sowas wie: „Er hätte sich sowieso früher oder später umgebracht – niemand hätte ihn davon abhalten können«, oder: »Ich finde das echt stark von dir, dass du den Mut hattest, mit ihm überhaupt zu arbeiten, Frank, ich hätte da viel zuviel Angst gehabt.« Und sie legen beruhigend den Arm um mich und sagen: »He, Frank, alter Freund, lass dich von mir zum Kaffee einladen. Magst du ihn mit Zucker und Sahne?« Und ich sage dann (mit gepreßter, tränenerstickter Stimme, unter schwerem Schlucken): »Ja... aber... nur... ein... Stück... Zucker, ja? (gibt vor, sich Tränen aus den Augen zu wischen). Und dann (wechselt im Tonfall von tränenerstickt zu fröhlich) geht es mir gleich wieder viel besser, und zum Mittagessen ist alles schon wieder vergessen. Und sogar die Familien danken mir immer ausnahmslos, und sagen: »Sie haben Ihr Bestes getan, und wir sind Ihnen dankbar.« Oder sie sagen: »Er schläft jetzt bei Jesus« - was sich zwar ein bißchen schwul anhört - aber . . . nein, ich würde es nie zulassen, dass Ihre Sorge um meinen Ruf Sie von einem Selbstmord abhält.« Klient (rot im Gesicht, beißt sich auf die Lippe, kann sich nicht mehr halten vor Lachen): »O.K., O.K., ich hab's begriffen« (Farrelly, 1974, S. 166).
 
Eine Rolle ist besonders hervorzuheben: die Rolle des Advocatus diaboli, bei der der Therapeut die negative Seite des inneren Dialogs seines Klienten vertritt und ihn mit Begeisterung zu Faulheit, Nachlässigkeit, Nichtstun und Egoismus zu überreden sucht.
 
Wenn ein Klient sich viele Sorgen um die Zukunft macht, ermutige ich ihn, auch noch die Vergangenheit und die Gegenwart in diese Sorgen einzubeziehen. Nur wenn ihm auch das noch leicht von der Hand ginge, hätte er Aussicht auf das begehrte Neurotikerdiplom. In seinen Schilderungen und Phantasien kann der Therapeut sogar humorvolle und skurrile Aspekte ins Scheinwerferlicht rücken und erreicht dabei, dass der Klient lernt, auch über sich selbst zu lachen.
 
Einem Klienten, der stets kurz vor dem Ziel »schlapp machte«, beschrieb der Therapeut folgende »Zukunftsszene«:

Therapeut (schaut ins Leere, als würde er eine Vision haben): »Ich sehe gerade ein Bild vor mir! Ich sehe ein Altersheim, einen düsteren Raum, und einen kleinen alten Mann, der am Stuhl festgebunden ist, weil er ein unanständiger alter Mann war und die Krankenschwester in den Po gekniffen hat. Sein Haupt ist gebeugt und er murmelt vor sich hin: »Ich hätte es weit bringen können im Leben, wirklich weit, wenn ich nur. . . wenn ich nur. . .«
 
Worauf der Klient sich die Hand vors Gesicht hält und ruft: »Uhh, das ist ja schrecklich, Schluss damit, bitte!« (Farrelly, 1974, S. 190).
 
Der Therapeut kann durch Überzeichnen und Verzerren die einseitige Sichtweise des Klienten auflockern und bereichern. Er kann
a) die Symptome umdeuten, d. h. ihnen einen anderen Stellenwert oder eine andere Bedeutung geben,
b) das Symptom verstärken (»Sie brauchen es und sollten es sogar noch häufiger tun«),
c) die Symptome auf unsinnige Weise »erklären«, vor allem wenn sich der Klient mit einer fruchtlosen Suche nach psychogenetischen Erklärungen davon abhält, sich mit den aktuellen Fakten auseinanderzusetzen und häufig klagt:
 
Klientin: »Sagen Sie mir, warum bin ich so geworden?< Therapeut (mit »Expertenmiene«) »Nun, das ist vollkommen klar: Zuerst haben Sie schon mal krumme Chromosomen abgekriegt, dann hat Ihre Erziehung Sie fürs Leben ruiniert, und den Rest hat dann noch die Umwelt aufgefressen. Was haben wir da noch für Chancen, Sie zu verändern« (Farrelly, 1974, S 74).
 
Wenn der Klient immer wieder um Erklärungen bittet oder Versicherungen haben will, veranlasst der Therapeut ihn am wirkungsvollsten zum Umdenken, indem er dessen stereotype Muster mit unerwarteten Reaktionen durchbricht. Ein vergleichendes Beispiel kann das veranschaulichen:
 
Ein Klient fragt zum fünften Male in einer Sitzung: »Glauben Sie, dass ich verrückt bin oder es werden könnte?«
Antwort 1: »Sie haben diese Frage schon wiederholt gestellt. Dieser Gedanke muss Sie wirklich sehr beunruhigen.« Wir versuchen, ihm sein Verhalten bewusst zu machen, in der Hoffnung, dass er durch Aussprechen seiner Gefühle und durch bewusste Steuerung das irrationale Verhalten in den Griff bekommt.
Antwort 2: »Jetzt hören Sie endlich auf, immer dieselbe Frage zu stellen! Ich sagte Ihnen doch schon fünfmal, dass Sie nicht verrückt sind und es wahrscheinlich auch nie werden!« Der Therapeut äußert zwar authentisch seinen Unmut, veranlasst aber den Klienten nicht zum Umdenken, eher dazu, sich anzupassen.
Antwort 3: »Ich glaube nicht, dass Sie verrückt sind, aber ich glaube, dass Sie es werden können, wenn Sie sich nur ein bißchen Mühe gäben!«
 
Wenn wir auf eine irrationale Frage rational eingehen, verleihen wir ihr Glaubwürdigkeit und Bedeutung. Das aber bestätigt sie als begründet. Wenn wir seine Frage ernsthaft beantworten, muss der Klient annehmen, dass an seiner Befürchtung etwas dran ist.
 
Dazu ein Beispiel von Allen Fay: Ein Klient, der durch falsche sexuelle Aufklärung fehlinformiert war, besprach das Thema Masturbation in einer Sitzung und sagte: »Ich onaniere dreimal am Tag. Glauben Sie, dass das zu viel ist? Könnte mir das schaden?« Wir hatten das Thema schon öfter besprochen, und er wusste gut genug, dass es nicht schaden würde. Ich wiederholte die beruhigenden, korrektiven und informativen Äußerungen, die ich schon früher gebracht hatte, worauf er sagte »Und wie ist es bei viermal?« Da mir plötzlich klar wurde, dass ich im Begriff war, auf sein Spiel einzugehen, antwortete ich: »Das ist immer noch nicht schlimm, aber ich kann Ihnen jetzt schon versichern, dass bei fünfmal die allerschlimmsten Konsequenzen drohen, wie Blindheit, Wahnsinn, völlige Auflösung der Persönlichkeit...« Er fing an zu lachen. Auf diese Weise hatte ich ihn wirksamer beruhigt als durch bloße Wiederholung der schon gegebenen Informationen (Fay,1980, S. 59).
 
Durch Humor und Lachen gewinnt der Klient Distanz zu seinen Problemen. Die unerwarteten Reaktionen des Therapeuten verhelfen ihm zu einer neuen Sichtweise und regen ihn zum Nachdenken an. Der Therapeut wird dann wieder ernsthaft, wenn der Klient seine Irrationalität aufgibt und überzeugend anfängt, etwas für sich zu tun.
 
Eines möchte ich hier noch betonen: die Irrationalität des Therapeuten darf nicht zynisch, nicht abwertend oder geringschätzig wirken! Seine nonverbale Kommunikation sollte deutlich ausdrücken: »Ich schätze Sie, und ich kümmere mich um Sie, und habe nicht vor, Sie dadurch zu beleidigen und unser Gespräch abzuwerten, indem ich auf Ihre irrationalen Muster ernsthaft eingehe und sie damit bestärke. Ich traue Ihnen zu, dass Sie selbst Lösungen finden, auch ohne die Krücke meines Zuspruchs!«
 
Wenn der Therapeut das beachtet, werden sich die Klienten ernster genommen fühlen als bei einem Therapeuten, der Ratschläge und Erklärungen gibt, die der Klient ohnehin selber weiß.
 
Natürlich können auch die irrationalen Reaktionen des Therapeuten für den Klienten zur Erwartung werden. In diesem Fall ist es nützlich, den Klienten herauszufordern, seine neuen Sichtweisen und Erkenntnisse in die Tat umzusetzen. Dabei wird der Therapeut halbherzige Reaktionen zunächst frustrieren, damit der Klient angespornt wird, seine Ziele mit mehr Nachdruck zu verfolgen. (Unser Motto dabei ist: „Wenn die Reaktion noch zu schwach ist, frustriere sie, dann wächst sie am Widerstand!“)
 
Klient: »Mir ist vieles klargeworden, und ich habe eingesehen, dass vieles an mir liegt.«
Therapeut: »Einsichten, Einsichten; davon haben Sie doch schon genug geliefert! Aber wozu? Einsichten, die nicht zu Taten führen, sind wertlos. Nur eine Art von Selbstbefriedigung!«
Klient: »Ich habe immerhin meinen Schreibtisch aufgeräumt und auch schon angefangen, mich auf die Prüfung vorzubereiten!«
Therapeut: »Ja ja, das kenne ich schon: Erst mal das Zimmer aufräumen, dann den Schreibtisch aufräumen, dann einen Kaffee kochen, ein Zigarettchen rauchen, und während Sie vor dem Buch sitzen, eine halbe Stunde Fingernägel saubermachen und Nasenbohren. Überschrift Prüfungsvorbereitungen! Dass ich nicht lache.«
Klient (schwach protestierend): »Ein bisschen mehr hab' ich schon gemacht!«
 
Indem sie sie am eigenen Leib verspüren, lernen die Klienten, die Technik der unerwarteten Reaktion auch selbst einzusetzen. Dabei lösen sie manchmal schon lange bestehende Kommunikationsprobleme:
 
Eine 30-jährige Klientin litt darunter, dass es immer Streit gab, wenn sie ihre Mutter besuchte. Wenn diese ihr dann von den Nachbarskindern vorschwärmte, davon, was die alles erreicht hätten, wie stolz deren Eltern auf sie sein könnten, und vor allem, wie dankbar sich diese Kinder ihren Eltern gegenüber zeigen würden, stieg in der Klientin eine solche Wut auf, dass sie stets ihre guten Vorsätze vergaß und fürchterlich mit der Mutter stritt. Wir sprachen das Problem durch, und als die Klientin nach Weihnachten wieder in die Praxis kam, erzählte sie, dass kein böses Wort zwischen ihr und der Mutter gefallen wäre. Immer wenn die Mutter anfing, von den Kindern ihrer Nachbarn zu schwärmen, reagierte sie mit ernsthafter Anteilnahme: »Mutter, du tust mir so leid. Du hättest wirklich eine tüchtigere und dankbarere Tochter verdient als mich. Ich weiß selbst nicht, woher ich diese Art habe!« Mutter und Tochter konnten wieder miteinander lachen und den alten Groll begraben.
 
Es gibt unzählige Beispiele für den therapeutischen Nutzen paradoxer, unerwarteter Reaktionen, die aber nur dann wirksam sind, wenn sie von Wohlwollen getragen und mit Humor gewürzt sind. So gesehen, wäre es nicht verwunderlich, wenn die Therapie der Zukunft Lachen und Humor als hauptsächliches therapeutisches Agens einsetzt.
 
zum ersten Teil der Trilogie "Glaubwürdigkeit"
zum zweiten Teil der Trilogie "Führung"

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