Wie Sie Ihrem Wort Geltung verleihen – Glaubwürdigkeit

Geschrieben von: Hans-Ulrich Schachtner (04.12.2008)

1. Glaubwürdigkeit im Coaching- und Beratungsgespräch
 
Milton H. Erickson wurde einmal von einem jungen Psychiater gefragt, warum er keine repräsentativere Praxis habe. Ein Mann von seinem Format müßte sich doch eine Sekretärin, großzügigere Räume und modernes Mobiliar leisten. Erickson gab zur Antwort: »Als ich anfing zu therapieren, sah es hier sogar noch weit bescheidener aus. In diesem Raum war nichts außer einem Gartentisch und zwei Klappstühlen, allerdings . . . ich war da.«

Erickson verzichtete auf Prestige und Äußerlichkeiten, er hatte wirksamere Methoden, seinem Wort Geltung zu verleihen. Diese Fähigkeit ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine effektive Therapie und jede Kommunikation. Die besten Interventionen bewirken nichts, wenn sie nicht auf den Kontext und die Persönlichkeit des Therapeuten abgestimmt sind.
 
Durch den persönlichen Austausch und vielen Gesprächen mit innovativen, unkonventionellen Therapeuten wie Milton H. Erickson, Frank Farrelly oder Harry Boyd fand ich drei Faktoren, von denen abhängt, ob das Gegenüber Ihrem Wort Bedeutung beimißt:
 
1) Ihre Glaubwürdigkeit
2) Ihre Fähigkeit das Steuer in der Hand zu behalten (Führung)
3) Die Unvoraussagbarkeit Ihrer Reaktionen
 
Glaubwürdigkeit
 
Bevor ich auf Methoden eingehe, die Ihre Glaubwürdigkeit erhöhen, möchte ich zwei Beobachtungen weitergeben:
a) Die Menschen, die heute Beratung suchen, bringen andere Grundeinstellungen mit als noch vor 2o oder 30 Jahren. Sie sind weit selbstbewußter und weniger autoritätsgläubig; sie haben weit mehr Vorinformationen über Beratung, Coaching und Therapie und kennen oft schon die Methoden und Rituale gängiger Beratungspraxis aus dem Fernsehen. Sie überlassen sich nicht mehr willig oder kritiklos der Führung eines Beraters.
 
Was nützt es, wenn Ihr Gegenüber Sie “nett” findet, wenn Ihre Glaubwürdigkeit dabei auf der Strecke bleibt? Wenn Sie ihm “unconditional regard” (unbedingte Wertschätzung) zeigen, wenn er doch instinktiv weiß, dass er den sprichwörtlichen Tritt in den Hintern braucht, um sich aufzuraffen, das längst Fällige endlich zu tun.
 
Der Berater wird dann für das Gegenüber glaubwürdig, wenn er sich auf dessen Welt- und Selbstsicht einstellt und ihn dort abholt, wo er momentan steht.
 
Eine kleine Geschichte soll das veranschaulichen:
 
Ein Psychiater wird in den Notaufnahmeraum gerufen, um sich eines Mannes anzunehmen, der auf alle Fragen mit dem Satz reagiert: »Ich bin tot« Das Interview verläuft etwa folgendermaßen:
Psychiater: »Guten Tag, ich bin Dr. Bianco.«
Patient: »Ich bin tot.«
Psychiater: »Wie heißen Sie?«
Patient: »Ich bin tot.«
Psychiater: »Nun, was haben Sie für ein Problem?«
Patient: »Ich bin tot.«
Psychiater: »Wo wohnen Sie?«
Patient: »Ich bin tot.«
Psychiater: »Hat Sie jemand hierher begleitet?«
Patient: »Ich bin tot.«
An diesem Punkt holt Dr. Bianco den Chefarzt an und erzählt ihm, wie er erfolglos versucht hatte, die Vorgeschichte des Patienten zu erfahren. Der Chefarzt kommt und geht auf den Patienten zu: »Hallo, ich bin Dr. Morris.«
Patient: »Ich bin tot.«
Der Chefarzt reagierte: »Ich weiß, daß Sie jetzt tot sind, aber wie hießen Sie denn, bevor Sie starben?«
Von hier an gab der Patient eine detaillierte Vorgeschichte und beantwortete alle Fragen, die ihm der Chefarzt stellte (Fay, 1978, S. 137).
 
Das Eis ist gebrochen, sobald sich der Therapeut der Sichtweise des Klienten anschließt, und sei sie noch so extrem oder abstrus. Ein drastisches Beispiel dafür stammt von Milton H. Erickson:
 
Eine 31-jährige Frau rief Erickson an und bat um Hilfe, fügte aber hinzu, sie sei sich sicher, dass er sie nicht empfangen würde. Als sie in seinem Büro ankam, sagte sie: »Ich hab's ja gleich gewußt, dass es keinen Sinn hat, ich gehe am besten wieder. Mein Vater ist tot, meine Mutter ist tot, meine Schwester ist tot, und mir ist so gut wie nichts übriggeblieben.«
 
Erickson ging das Problem auf folgende Weise an:
»Ich nötigte das Mädchen sich hinzusetzen und erkannte nach einer Weile intensiven Nachdenkens, dass man mit ihr nur unfreundlich oder brutal kommunizieren könne. Ich würde Brutalität einsetzen müssen, um sie von meiner Aufrichtigkeit zu überzeugen. Sie würde jede Freundlichkeit falsch verstehen und könnte einer höflichen Sprache keinen Glauben schenken. Ich müßte ihr unmißverständlich klarmachen, dass ich ihr Problem verstehe und richtig einschätze und dass ich keine Angst davor habe, offen, frei, leidenschaftslos und ehrlich mit ihr zu sprechen.
 
Ich nahm kurz ihre Vorgeschichte auf und stellte dann die beiden entscheidenden Fragen: »Wie groß sind Sie?« und »Wieviel wiegen Sie?« Mit dem Ausdruck größten Unbehagens antwortete sie: »Ich bin einen Meter fünfzig groß und wiege etwa zweieinhalb Zentner. Ich bin ein fader dicker Fettwanst. Niemand will mich anschauen, höchstens mit Abscheu.«
 
Diese Bemerkung verschaffte mir einen passenden Einstieg, so daß ich zu ihr sagte: »Sie haben nicht ganz die Wahrheit gesagt. Ich werde mit einfachen Worten sprechen, so daß Sie über sich Bescheid wissen und sehen, daß ich über Sie Bescheid weiß. Dann werden Sie glauben, wirklich glauben, was ich Ihnen zu sagen habe. Sie sind keineswegs ein fader dicker Fettwanst. Sie sind der fetteste, häßlichste, abstoßendste Kübel Schweineschmalz, den ich je gesehen habe, und es ist widerlich, sie anschauen zu müssen. Sie haben doch die höhere Schule geschafft! Sie haben etwas Lebenserfahrung! Und trotzdem sitzen Sie hier: einen Meter fünfzig groß und zweieinhalb Zentner schwer. Ich habe noch kein häßlicheres Gesicht gesehen. Ihre Nase hat man ihnen aufs Gesicht gequetscht, die Zähne sind krumm. Ihr Unterkiefer paßt nicht auf den Oberkiefer. Und dieses Mondgesicht! Ihre Stirn widerlich niedrig. Nicht mal Ihr Haar ist anständig gekämmt. Und dann das Kleid, das Sie da tragen! - Tupfen, Hunderte und Tausende von Tupfen. Sie haben keinen Geschmack, schon gar nicht, was Kleidung anbelangt. Ihre Füße quellen über den Rand Ihrer Schuhe. Mit schlichten Worten: Sie sind eine Katastrophe. Sie brauchen, weiß Gott, Hilfe. Und ich bin bereit, Ihnen diese Hilfe zu geben.
 
Ich glaube, daß Sie jetzt wissen, daß ich keine Hemmungen habe, Ihnen die Wahrheit zu sagen. Denn zuerst einmal müssen Sie die Wahrheit über sich erfahren, bevor Sie das Notwendigste lernen können, um sich selbst zu helfen. Aber ich bezweifle, ob Sie das verkraften können. Weswegen sind Sie denn gekommen?« (Haley, 1973, S. 48).
 
Dieses schockierende Beispiel gehört sicherlich zu den Ausnahmen, aber haben nicht die meisten unserer Klienten eine in manchen Punkten übertrieben negative Selbstsicht?
 
Wir hören in den ersten Stunden oft eine Fülle von Selbstabwertungen, z. B.: »Ich bin zu ängstlich, zu faul, zu ungebildet; ich bin unattraktiv, langsam oder zu hektisch usw.«
 
Die »normalen« Reaktionen von Freunden und Bekannten auf solche Äußerungen sind beschwichtigende Bemerkungen, die von gutem Zureden bis zu heftigem Widerspruch reichen. Als Therapeuten wissen wir, wie wenig nützlich und kurzlebig diese »Hilfen« sind, weil der Klient schon nach kurzer Zeit wieder den Zuspruch von außen braucht. Wir erreichen weit mehr, wenn wir uns der Sichtweise des Klienten anschließen, sie vielleicht sogar noch übertreiben.
 
Beispiel: Eine Klientin, die zurückgezogen lebt, weil sie sich für unattraktiv hält, sagt im Erstgespräch: ». . . und außerdem ist meine Nase unschön; sie ist zu groß.«
Therapeut (mit gespieltem Schaudern): »Mein Gott, jetzt, wo Sie es sagen, sehe ich das erst so richtig. Das ist ja ein Riesending, was Sie da im Gesicht haben. Das ist ja zum Fürchten! Eigentlich müßten Sie dafür einen Waffenschein beantragen!«
Klientin (lachend): »So schlimm sieht sie nun auch wieder nicht aus!«
 
Der Therapeut erzielt durch diese Reaktionsweise - nennen wir sie »paradoxe Authentizität« (Der Therapeut übertreibt, was der Klient über sich selbst denkt, signalisiert dabei aber nonverbal, dass er nicht ernst meint, was er sagt (durch Schalk in den Augen)) - drei verschiedene Effekte:
 
1. Er zeigt durch seine Worte, daß er keine Angst hat, die Dinge beim Namen zu nennen. Er bemüht sich nicht um »schonende Behandlung« und redet nicht um den heißen Brei herum. Das stärkt seine Glaubwürdigkeit.
 
2. Er führt gleich zu Anfang Humor als Bestandteil der Therapie ein. Das erweitert seinen Handlungsspielraum und eröffnet Möglichkeiten, auf die wir später noch eingehen werden.
 
3. Durch Übertreibung bringt er den Klienten dazu, seine negativen Selbstaussagen abzuschwächen, realistischer zu denken, und oft auch dazu, Positives über sich selbst zu sagen.
 
Der Therapeut gewinnt auch an Glaubwürdigkeit, wenn er zeigt, daß er nicht von den Normen »sozialen Wohlverhaltens« kontrolliert wird.
 
Ein Klient, der am Wochenende anrief, um eine wichtige aktuelle Entscheidung mit mir durchzusprechen, sagte zum Abschluß: »Ich hoffe, ich habe Sie damit nicht zu sehr belastet?“
Therapeut (gespielt aufgebracht): »Belastet? Sie haben meinen Tag ruiniert! Wahrscheinlich liege ich noch grübelnd die ganze Nacht wach und bin am Morgen wie gerädert!«
Klient (lachend): »Na, so schlimm wird's wohl nicht werden.«
 
Klient: »Ich kann Ihnen die Rechnung leider erst nächsten Monat bezahlen; ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus.«
Therapeut (seufzend): »Tja, dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als den Gürtel enger zu schnallen.«
 
Wir neigen dazu, unsere Klienten für zerbrechlicher zu halten, als sie sind. Durch eine zwar wohlwollende, aber unsentimentale Behandlung spüren sie, dass der Therapeut ihnen zutraut, sich zur Wehr setzen und sich selbst helfen zu können:
 
Klientin (mit tränenerstickter Stimme): »Könnte ich bitte ein Kleenex haben?«
Therapeut (schaut überlegend an die Decke, pausiert, mit zögerndem Tonfall): »Nun . . . ich weiß nicht. Einerseits fürchte ich, dass ich, wenn ich Ihnen ein Kleenex gebe, Ihre Neigung zu dependentem Verhalten verstärke; andererseits denke ich: Was soll's, gib ihr ein Kleenex, sonst rotzt und heult sie Dir noch die ganze Couch nass!«
Klientin (greift selbstsicher nach den Tüchern): »Nun, während Sie überlegen, nehm' ich mir eines, ob es Ihnen gefällt oder nicht« (schneuzt sich laut) (Farrelly, S. 1 79)
 
Durch dieses Verhalten zeigt der Therapeut, dass er sich nicht an angepasste soziale Konventionen hält, wodurch auch sein Lob und seine Anerkennung mehr Gewicht bekommen; er hat Schmeicheln nicht nötig. Aber auch wenn der Klient einmal seine Anerkennung nicht annimmt, weiß er zu reagieren:
 
Therapeut: »Sie haben wirklich enorme Fortschritte gemacht!«
Klient (zweifelnd): »Glauben Sie wirklich?«
Therapeut (abwiegelnd): »Nein, natürlich nicht, das hab' ich doch nur gesagt, um Sie bei Laune zu halten. In Wirklichkeit war die Lage nie so ernst wie jetzt!«
 
Solche Reaktionen empfindet der Klient meist natürlicher, authentischer als platte Versicherungen. Richtig angewandt, wird der Rapport durch paradoxe Authentizität verstärkt. >Richtig angewandt< heißt in diesem Zusammenhang: Der Therapeut vermittelt Achtung und Wohlwollen für den Klienten durch seine non-verbale Kommunikation, widerspricht dieser gleichzeitig aber (scheinbar) durch seine verbalen Aussagen. Dieser Widerspruch bewirkt bald, dass der Klient sich von Worten nicht mehr erschrecken läßt, sich mehr auf die non-verbale Kommunikation verläßt und dann um so sicherer ist, dass er dem Therapeuten vertrauen kann.
 
Vielleicht werden manche Leser finden, dass Humor und Lachen in der Therapiesituation nicht angebracht sind angesichts der Leiden der Klienten. Dem möchte ich entgegenhalten, dass
 
a) die meisten Leiden unserer Klienten nicht direkt von ihren Lebensumständen ausgelöst werden, sondern erst durch ihre Interpretation dieser Umstände und ihre Reaktion darauf.
 
b) der Humor eine wichtige Funktion in der Therapie erfüllt: er stellt eine indirekte Suggestion für Zuversicht dar. Eine scherzhafte Attitüde einem Problem gegenüber ist nämlich nur dann angebracht, wenn man sicher sein kann, dass alles einen guten Ausgang nehmen wird. Damit suggeriert der Therapeut dem Klienten Zuversicht, ohne seinen bewußten Widerstand zu wecken.
 
Wir nehmen den Klienten ernst, nicht aber seine verzerrte Welt- und Selbstsicht. Um da keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen, sollte der Therapeut sicherheitshalber immer nach dem Klienten lachen und auch etwas weniger laut als dieser. Paradoxerweise fühlt sich der Klient bei dieser Reaktionsweise oft ernster genommen und mehr gefordert als bei einer traditionellen »verständnisvollen« Vorgehensweise. Der Klient merkt bald, dass er im Therapeuten jemanden gefunden hat, der ehrlich zu ihm ist, der es nicht nötig hat ihm schön zu tun, der bereit ist, ihm auch einmal die ungeschminkte Wahrheit zu sagen. Von einem echten Freund erwarten wir doch auch, dass er uns sagt, wenn wir unangenehmen Mundgeruch haben. Wenn der Klient merkt, dass wir nicht zimperlich mit ihm umgehen, kann auch er seine soziale Fassade fallen lassen und sich wohler und sicherer mit uns fühlen.
 
zum zweiten Teil der Trilogie "Führung"
zum dritten Teil der Trilogie "Unvoraussagbarkeit"

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