Welche Rolle bevorzuge ich im Team? Eine Selbsterfahrung

Geschrieben von: Paula Bemmann-Wöschler (03.10.2007)

Alleine arbeite ich effektiver, aber ganz alleine fühle ich mich nicht wohl. Die Arbeit macht mir Spaß, wenn ich mich mit anderen absprechen und gemeinsam Ideen entwickeln kann. Ich genieße die Momente, in denen „die gesponnenen Fäden“ zusammen laufen – seien es die verschiedenen Wissensfragmente in meinem Kopf oder meine Kontakte zu Menschen, deren Fähigkeiten für eine Problemlösung gerade gefragt sind. Nach dem Austausch brauche ich aber auch wieder meinen Freiraum. Ich möchte selbstständig und eigenverantwortlich arbeiten, mir Zeit nehmen, die Dinge sorgfältig und gewissenhaft umzusetzen. Nur wie lässt sich diese, meine Arbeitsweise in eine Rolle „packen“?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, nehme ich an einem Trainingstag teil, der ganz im Zeichen der eigenen Interaktion und Rolle jedes Einzelnen in einer Gruppe steht. Zugegeben, es ist nicht mein Team, wir haben daher keinen ganz realen Abgleich. Aber, wenn meine Persönlichkeit ausschlaggebend für die Bevorzugung eines oder mehrerer bestimmter Rollenverhaltensweisen ist, dann werde ich meine typischen Verhaltensweisen auch in mir fremden Gruppen zeigen. Die Trainingsteilnehmer kenne ich jedoch zum größten Teil, den einen mehr, den anderen weniger gut.
 
Der Tag beginnt mit einer kurzen Präsentation der Teamrollen nach Belbin. Dr. R. Meredith Belbin, ein englischer Psychologe, erforschte über Jahrzehnte Managementteams in unterschiedlichen Branchen und entwickelte eine Teamrollentheorie, die Aufschluss gibt, warum auch hochkarätig besetzte Teams erfolglos sein können und was zu bedenken ist, um erfolgreiche Teams zu entwickeln. Eine Übersicht mit einer Kurzbeschreibung zu den verschiedenen Teamrollen nach Belbin können Sie sich gerne downloaden. Zur Bestimmung der Teamrollen steht auch ein eigens dazu entwickeltes Testverfahren zur Verfügung.
 
Weil wir als Teilnehmer aber nicht in einem Team zusammen arbeiten, versuchte jeder für sich während der Präsentation der verschiedenen Teamrollen, diejenigen Rollenanteile herauszufinden, die wir selbst bei uns beobachten. Für den „Weichensteller“ und „Umsetzer“ steht das TUN im Vordergrund, für den „Macher“ und „Koordinator“ das WOLLEN, für den „Neuerer“ und „Beobachter“ das DENKEN und für den „Perfektionisten“ und „Teamarbeiter“ das FÜHLEN (siehe Übersicht zum Download, der Spezialist hat eine Sonderrolle und kann mehreren Schwerpunkten je nach seiner Ausrichtung zugeordnet werden). Die Trainer fragten erst nach der eigenen Einschätzung eines jeden und man holt sich danach eine Fremdeinschätzung eines anderen Teilnehmers ab, der einen sehr gut kennt. Fast alle von uns bevorzugen zwei Rollen und zeigen Tendenzen auch zu einer dritten Rolle. Diese Rollen-Bandbreite ist notwendig, um sich unterschiedlichen Bedingungen anpassen zu können. Meist hat jedoch eine Rolle die oberste Priorität. Und noch etwas Interessantes ist zu beobachten: bildet man die Summe zu den jeweils genannten Rollen, wird die Rollenverteilung im Team ersichtlich. In unserer Gruppe überwiegen die „Tuer“, dicht gefolgt von den „Denkern“ und „Fühlern“. Kaum vertreten sind die „Woller“, nämlich die Macher und Koordinatoren. Ich bin gespannt, welche Auswirkungen dies auf unsere Team-Übungen hat.
 
Meine Neugier wird sofort befriedigt. Es geht raus zu unserer ersten Outdoor-Übung. Wer jetzt befürchtete, er müsse durch den Schlamm robben, sich aus 10 Meter Höhe in die Tiefe stürzen oder ähnlich schreckliche Dinge erfahren, wurde angenehm überrascht. Die Trainer setzen Outdoor für die Teamentwicklung ein, um die Prozesse in der Gruppe sowie das typische Verhalten und die typische Kommunikation jedes Einzelnen im Zusammenspiel mit anderen erfahrbar und reflektierbar zu machen. Und dafür – wie wir erleben konnten – sind „einfache“ Übungen meist die effektivsten.
 
Wir stellten uns auf eine Wiese, bekamen zwei Seile unterschiedlicher Länge gezeigt, wurden mit Brillen unseres Augenlichtes beraubt und erhielten unsere Instruktion. Jeder durfte noch eine Frage stellen, dann wurden wir eine Stunde „unserem Schicksal“ und unseren Persönlichkeiten und damit Teamrollen überlassen. Die Trainer beobachteten uns durch die Videokamera und warfen nur ab und zu die bereits verstrichene Zeit ein. Da standen wir nun, einer unbekannten Situation und Aufgabe ausgesetzt, mit mehr oder weniger festem Willen, das vorgegebene Ziel zu erreichen, einem starken Rollenanteil der „Tuer“ in unserem Team, denen es immer zu langsam ging, die liebend gern einfach losgelegt hätten, egal, ob sie die optimale Lösung verfolgten oder nicht, und einem fast ebenso starken Rollenanteil der „Fühler“ und „Denker“, die erst einmal alle einbinden, sich wohl fühlen sowie analysieren und planen mussten, bevor man die kostbare Zeit auf unüberlegte Weise verschwendet.
 
Wir waren unserem eigenen komplizierten Denken ausgeliefert, unserem Drang, jetzt einfach loszulegen und zu schauen, ob es funktioniert, unserem Mitteilungs- und Beachtungsbedürfnis, der Schwierigkeit, dass ja keiner sieht, ob die anderen zustimmend nicken und ich in meiner Kommunikation berücksichtigen muss, dass wir alle blind sind, der Schwierigkeit, Verantwortung zu übernehmen oder auch mal abzugeben, solange zu hinterfragen, bis ich das vereinbarte Vorgehen tatsächlich verstanden habe…
 
Wir haben die Aufgabe nicht geschafft. Führungs- und koordinationslos waren wir über die Wiese geirrt, unser Ideengeber hatte so komplizierte und „geschwollene“ Erklärungen abgegeben, dass es außer ihm keiner wirklich verstand und wir nur begannen, weil sich die „Tuer“ durchgesetzt hatten, daraufhin war ein Teil von uns in die innere Kündigung gegangen und hatte nur noch abgewartet… Oh, wie waren wir frustriert! Nicht nur das selbst „Drin stecken“ und Erleben der Situation, sondern vor allem die anschließende Video-Reflexion war für viele (neue) Erkenntnisse und dem Wieder-Erleben längst bewältigt geglaubter Verhaltens- und Kommunikationsmuster gut, die für uns alle sehr hilfreich für das eigene Rollenverhalten in den „eigenen“ Teams war.
 
Mit dem Bewusstsein meiner bevorzugten Teamrollen fällt es mir heute zunehmend leichter, meine Stärken im Team auszuspielen und den anderen in denjenigen Rollen ihren Freiraum zuzugestehen, die mir selbst nicht liegen. Es ist faszinierend, wie viel Achtsamkeit und Verständnis füreinander im Team entstehen, wenn allen die bevorzugten Rollen der anderen bewusst sind.

Möglichkeiten der Teamentwicklung