Mein Gott, ist der Kleine schon selbstbewusst!?

Geschrieben von: Michael Blochberger (05.06.2008)

Über den Wert von Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein
   
Es erfüllt mich mit Stolz, meinen gerade elfjährigen Sohn zu erleben, wie er mit seinen schulischen Herausforderungen umgeht. Jetzt, wo die Lehrer in der 5. Klasse die Messlatte höher legen und Leistungsdruck aufbauen, muss er sich täglich neu beweisen: Wo er lieber spielen würde, fordern wir seine Einsicht, für die kommende Klassenarbeit zu pauken.

So quält er sich auch an manch sonnigem Nachmittag durch Matheaufgaben, Rechtschreibung oder Englischvokabeln. Das tut ihm weh, solange er sich in Fehler verstrickt oder Zusammenhänge nicht begreift. Aber wenn er am Ende seine Sicherheit findet, ist der Schmerz wie weggeblasen. Am nächsten Morgen geht er mit Lust zur Schule und freut sich wirklich auf die Klassenarbeit.
 
Ich bin beeindruckt! Woher nimmt er diese Motivation? “Das ist sein Selbstbewusstsein!” meint meine Frau in mütterlichem Stolz. Ich finde das etwas übertrieben. Selbstbewusst hieße, er wäre sich seines Handelns schon bewusst. Aber Tatsache ist ja, dass wir ihn noch zur Arbeit drängen müssen.
 
Für mich ergibt sich seine Einsicht erst aus dem gehorsamen Tun. Im Üben findet er die Sicherheit und das Vertrauen zu sich selbst. Er erlebt Schule als einen konstruktiven Lern-Prozess: Da ist zunächst das mühsame, oft schmerzhafte Sammeln von Wissen. Dann die Erfahrung, mit Disziplin aus sich heraus erfolgreich sein zu können. Und schließlich die Bestätigung seiner Fähigkeiten, durch gute Noten.
 
Bestätigung führt zu Selbstvertrauen und Selbstsicherheit
 
Seine hohe Motivation, seine Freude an der Schule zieht er aus seinen positiven Erfahrungen. Er entwickelt seine innere Stärke, erkennt seinen Selbstwert. Ganz im Gegensatz zu meiner Schulzeit. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass es mir in dem Alter schon keinen Spaß mehr gemacht hat, weil ich früh erkennen musste, dass ich zu Latein und Grammatik trotz exzessiven Übens keine ausreichende Befähigung besaß. Oder fehlte mir nur Bestätigung?
 
Kann man trotz geringer Begabung auch Selbstvertrauen entwickeln? Ich denke, doch! Wichtiger als die Fähigkeit an sich scheint mir der Einfluss der Eltern auf die Entwicklung des Kindes. Schon im frühkindlichen Verhältnis der Mutter zum Baby entwickeln sich die Anlagen zu einer Unter- bzw. Überschätzung des Selbstwertes.
Vergleiche:
Der Choleriker
Der Zwanghafte
Der Depressive
Der Schizoide

Aufgrund dieser Anlagen benötigt ein Kind in der Entwicklung und in der Pubertät mehr oder weniger Zuwendung bzw. Kritik. Lehrer können dies nicht wirklich leisten. Die Eltern sind gefragt, ein Klima der Wertschätzung und Anerkennung zu schaffen, für das Fordern und Fördern zu sorgen und positive Erfahrungen zu ermöglichen.
 
Das erfordert ehrliches Engagement und Hinwendung, was mir als Vater manchmal schwer fällt, weil ich glaube, andere Prioritäten setzen zu müssen. Wer sich da überfordert sieht, kann die Entwicklung eines positiven Selbstwertgefühls erschweren oder gar verhindern. Aber viele Wege führen zum Selbstvertrauen, solange der Wille zur Selbstbestimmung nicht gebrochen wird und die Heranwachsenden eigene Erfahrungen machen können.
 
OK. Unser Sohnemann ist also gerade dabei ist, sein Selbstvertrauen zu entwickeln. Aber was heißt dann Selbstbewusstsein? Ist das nicht das Gleiche?
 
Selbstbewusstsein ist die Summe aus Selbstwert und Außenwirkung
 
Menschen, die ein positives Selbstwertgefühl zeigen, werden allgemein als selbstbewusst bezeichnet. Selbstbewusstsein bedeutet aber viel mehr, nämlich sich seiner Selbst bewusst sein. In einem scheinen sich alle einig: Selbstbewusstsein definiert sich als Selbsterkenntnis in einem sozialen Umfeld. Während ein Mensch mit einem positiven Selbstwert mit sich selbst zufrieden sein kann, erfährt er Selbstbewusstsein erst im bewussten Vergleich mit anderen und durch deren Anerkennung.
 
Als besonders selbstbewusst gilt ein Mitmensch, wenn er eigenwillig und selbst bestimmt handelt und sich bewusst gegen eine konforme Mehrheit stellt. Das erfordert neben Selbstsicherheit auch die Fähigkeit zur Selbstreflexion und zur unabhängigen Entscheidung.
 
Selbstbewusstsein kann also nur entstehen, wenn ich bereit bin, mich infrage zu stellen, wenn ich meine Kompetenzen relativieren kann und im gesellschaftlichen Umfeld bewusst Stellung beziehe. Selbstvertrauen kann der Entwicklung von Selbstbewusstsein dienen, das ist aber nicht zwingend Voraussetzung.
 
Selbstbewusstsein entsteht durch Akzeptanz der eigenen Schwächen
 
Während Selbstwert eine Folge positiver Erfahrungen und erlebter Stärke zu sein scheint, benötigt das Selbstbewusstsein offensichtlich auch Erfahrungen auf der Schattenseite des Lebens. Das Durchleben von Niederlagen, das Erkennen der eigenen Schwächen und deren Akzeptanz relativieren unser Selbstbild und stärken unser Bewusstsein.
 
Menschen mit geringem Selbstwert empfinden in der Regel einen höheren Leidensdruck, haben früh gelernt, mit Niederlagen umzugehen und an sich selbst zu zweifeln. Wenn sie nicht resignieren, können sie alte Erfahrungen revidieren und am positiven Fremdbild wachsen.
 
Während Menschen, die aufgrund ihres Selbstbildes zur Selbstüberschätzung neigen, von ihren Mitmenschen oft als überheblich empfunden werden. Sie sind eher am Äußeren orientiert, neigen zu Schuldzuweisungen und verzögern ihre Entwicklung zu mehr Tiefe und echtem Bewusstsein.
 
Es kommt also auf die richtige Balance zwischen Eigenständigkeit und Beziehungsfähigkeit an, zwischen Bestätigung und Infragestellen, zwischen Sieg und Niederlage. Selbstbewusstsein erwächst aus dem Bewusstsein des Innen zum Außen. Das braucht viel Erfahrung und Selbstverständnis. Dinge über die unser Sohn mit 11 Jahren noch nicht verfügen kann.
 
Was kann ich als Vater dazu leisten? Ich bin ständig im Zwiespalt: Wie viel Lob kann unser Sohn ertragen? Wie viel Kritik benötigt er? Wann muss ich ihm helfen? Wann muss er auf die Nase fallen? Wir können ihm einen liebevollen Rahmen bieten, seine Erfahrungen muss er selber machen.
 
Aber vielleicht ist gerade das die wichtigste Erkenntnis: Eine fehlerfrei Erziehung gibt es nicht und ohne Erziehungsfehler ist eine persönliche Entwicklung kaum möglich. Ohne die Fehler meiner Eltern wäre ich auch nicht da, wo ich jetzt bin.