Cool bleiben – oder Empathie zeigen?

Geschrieben von: Michael Blochberger (09.10.2008)

Als Führungskraft haben wir zu funktionieren. Wir haben gelernt, mit der entsprechenden Technik unsere Mitarbeiter zu motivieren, ihnen Feedback zu geben, gemeinsam geschäftliche Ziele zu vereinbaren und vor allem keine Gefühle zu zeigen. Unsere Aufgabe ist es, ein positives Vorbild zu sein. Da sind alle unkontrollierten Emotionen fehl am Platz, heißt es. Also verstecke ich meinen Ärger, meine Angst und meine Trauer hinter einer Maske, solange, bis es nicht mehr geht...?

In echten Konflikten, Krisen oder Niederlagen gelingt es uns kaum noch, unsere Emotionen zurückzuhalten. Dann nehmen sie sich den notwendigen Raum und brechen durch. Dann zeigen wir unseren wahren Charakter:

  • Hysteriker brüllen ihre Wut hinaus, ängstigen ihre Umgebung und zerstören in wenigen Augenblicken das Vertrauen, das Mitmenschen zu ihnen aufgebaut haben.
  • Sensible brechen in Tränen aus, irritieren ihre Mitmenschen, die das nicht gewohnt sind, und sorgen so für allgemeine Verunsicherung.
  • Paniker werden krank, apathisch oder laufen weg und hinterlassen ihren Kollegen das Chaos

Solche emotionalen Ausbrüche sind für die Gemeinschaft schädlich und sie schaden der Sache. Sie entstehen aber nur in dieser Heftigkeit, weil die Gefühle lange vorher unterdrückt wurden und sich aufgestaut haben. Gefühle wie Wut, Trauer oder Angst haben immer eine Ursache und die können wir viel früher erkennen und anpacken, wenn wir uns trauen, offen mit unseren Gefühlen umzugehen und lernen, sie schon im Entstehen zu äußern.
 
Das ist aber leichter gesagt als getan. Seit der Kindheit haben vor allem die Jungen erfahren, dass das Zeigen von Gefühlen als kindliche Schwäche interpretiert wird. Weil wir erwachsen werden wollten, mussten wir lernen, unsere Gefühle zu unterdrücken. Cool sein ist bis heute eine der höchsten Ansprüche unserer Jugend. Aber cool sein ist nur ein hilfloser Versuch, mit der Überforderung durch die Gesellschaft zurecht zu kommen. Cool sein und keine Gefühle zeigen ist nichts anderes als Ausdruck mangelnden Selbstvertrauens.
 
Auch die Mehrzahl der Führungskräfte ist heute überfordert und versucht, mit den an sie gestellten Ansprüchen zurecht zu kommen. Hohe Zielvorgaben, Wettbewerbsdruck und Mitarbeiterführung schaffen eine konfliktträchtige Atmosphäre. Der Stress ist hoch, das Risiko zu versagen immer präsent. Keiner hat mir beigebracht, wie ich als Führungskraft mit meinen Gefühlen umzugehen habe. Also greife ich auf die bekannten Muster aus der Jugend zurück: COOL BLEIBEN!
 
Aber coole Manager sind out. Coole Manager haben es schwer, Kollegen und Vorgesetzte zu überzeugen. Coole Manager können Mitarbeiter nicht motivieren und begeistern. Coole Manager können nicht auf die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen eingehen. Ihnen fehlt die notwendige Empathie. Wer seine eigenen Gefühle unterdrückt, hat es schwer, Einfühlungsvermögen für andere entwickeln. Deshalb fehlt dem coolen Manager die emotionale Bindung zu seinen Mitarbeitern. Die Folgen: Keine echte Anerkennung, weniger Vertrauen, wenig Sicherheit, kaum Engagement.
 
Das sind aber genau die Qualitäten, die wir benötigen, um die wirtschaftlichen Veränderungsprozesse der Zukunft erfolgreich zu meistern. Die empathische Führungskraft wird DAS Erfolgs-Modell der Zukunft werden. Um dahin zu kommen, gilt es, Dogmen aufzubrechen, Vorurteile zu überwinden und neue Standards zu setzen.
 
1. Gefühle sind Stärke!
 
Gefühle zeigen können ist eine große Stärke, auch wenn die Mehrheit der Gesellschaft das Gegenteil behauptet. Dafür gibt es unzählige Beispiele: Der Freudenschrei beim Sport, die Freudentränen eines Olympiasiegers oder die geäußerte Angst eines Politikers sind Zeichen eines lebendigen, selbstbewussten Auftretens. Sie schaffen Anerkennung und Vertrauen und: Sie bewegen uns! Wir lassen uns durch Emotionen führen.
 
Welche Kraft und Wirkung Gefühle haben können, erleben wir auf unseren Trainings, wo scheinbar coole Führungskräfte innerhalb von wenigen Tagen den Mut entwickeln, ihre Gefühle zu zeigen und dafür  mehr Vertrauen, Verständnis und Anerkennung bekommen.
 
2. Bildung heißt Erfahrung machen!
 
Ein Bildungssystem, das fast ausschließlich auf die Vermittlung von Fachwissen setzt, ist überholt. Seit über 30 Jahren ist es auch wissenschaftlich bewiesen, dass die geistig-intellektuelle Wissensvermittlung extrem ineffektiv ist, weil wir nach wenigen Stunden über 90% der Inhalte wieder vergessen haben. Durch die stupide Konzentration aufs Fachliche behindern wir zusätzlich die Entwicklung von Emotionaler und Sozialer Kompetenz.
 
Der Mensch lernt am effektivsten, indem er mit sich und anderen Erfahrungen macht. All diese Erfahrungen werden als dauerhafte Bilder im Gehirn abgespeichert und bleiben abrufbar. Auf unseren Seminaren konsumieren die Teilnehmer deshalb keine Vorträge, sondern erleben ihre Erkenntnisse im praktischen Handeln und reflektieren es im anschließenden Erfahrungsaustausch. Das ist lebendiger, effektiver, ganzheitlicher und macht mehr Spaß.
 
3. Führung heißt Persönlichkeit!
 
In der deutschen Geschichte ist "Führung" besonders eng mit dem Ausüben von Macht und Gewalt verknüpft. "Der Führer", der auf Hass und Wut baute, wurde ersetzt durch viele emotionslose, aber machtbewusste Technokraten. Wir haben so die Wiederholung unseres Traumas verhindern können, aber der Begriff Führung hat für uns einen falschen und bitteren Beigeschmack behalten: Führung wird von einer Mehrheit mit autoritärem Verhalten, Unmenschlichkeit und Unterdrückung gleichgesetzt. Zur Führungskraft werden fast immer die Dominanten gemacht. Und auf Führungsseminaren werden hauptsächlich Techniken zum Manipulieren von Mitarbeitern trainiert.
 
Führung heißt für mich in erster Linie Verantwortung zu übernehmen, für die gemeinsamen Ziele und für Menschen. Menschen und Mitarbeiter sind in der Regel immer dankbar dafür, wenn sich jemand bereit erklärt, Führung zu übernehmen. Das ist keine leichte Aufgabe. Sie erfordert Mut, Ehrgeiz und Selbstbewusstsein. Und die Bereitschaft, an dieser Aufgabe zu wachsen, das heißt, sich weiterzuentwickeln. Manager, die das nicht besitzen, ziehen sich auf das Ausüben von Techniken zurück und ernten dafür die Ablehnung ihrer Mitarbeiter.
 
Als Führungskraft mit Persönlichkeit brauche ich meine Mitarbeiter nicht zu manipulieren. Die Führungspersönlichkeit zeigt sich, geht auf die Bedürfnisse seiner Mitarbeiter ein und verbindet beides in der Formulierung gemeinsamer Ziele. Wer sich darin wiederfindet, wird sich konstruktiv geführt fühlen. Führung braucht nicht viel mehr als echte Persönlichkeit und Empathie, und das ist trainierbar.