Die Angst vor Nähe und die Neurotiker der Lust

Geschrieben von: Michael Blochberger (12.11.2009)

In den Jahren nach der Pubertät ging es mir wie vielen meiner Freunde auch. Immer Streit mit den Eltern, Pauken für gute Schulnoten und die ersten unbeholfenen Beziehungen zu Mädchen, das war schwer zu vereinbaren. Da meine erste wirkliche Freundin schon eine eigene Bude hatte, verbrachte ich den Tag nach der Schule einfach dort. Was das Verhältnis zu meinen Eltern nicht verbesserte. Kaum hatte ich das Abi in der Tasche, zog ich ohne finanzielle Unterstützung mit in ihre 12-Quadratmeter-Absteige mit Klo im Treppenhaus.

So kam ich von einer Abhängigkeit in die nächste und stellte bald fest: Unser sexuelles Verlangen reichte gerade einmal dazu, unsere Sehnsüchte nach Geborgenheit auf den anderen zu projizieren. Für eine dauerhafte Beziehung reichte es nicht. Das tat weh und war der Beginn des Erwachsenwerdens.
 
In den folgenden Jahren floh ich von einer Beziehung in die nächste, ohne dass ich das fand, was mich zur Ruhe kommen ließ. Da waren die Frauen, die mich optisch ansprachen, zu denen ich aber keine emotionale Beziehung fand. Und es gab die Freundinnen, mit denen ich ein oberflächlich zufrieden stellendes Intimleben hatte. Von denen fühlte ich mich über kurz oder lang erstickt oder gelangweilt.
 
Aber dann begegnete ich einer Frau, in der ich alles zu finden glaubte, wonach ich mich so sehnte: eine selbstsichere Ausstrahlung, eine atemberaubende Figur und eine hemmungslose Sexualität. Ich stürzte mich in den freien Fall einer leidenschaftlichen Affäre. Aber jedem sexuellem Rausch folgte die bodenlose Ernüchterung: Für sie, der ich alles zu geben bereit war, war meine Nähe unerträglich. Jedem erotischen Aufeinanderstoßen folgte ihre panische Flucht. Jeder Erfüllung eine maßlose Enttäuschung.
 
Ich war kurz davor durchzudrehen, aus dem Fenster zu springen, nein schlimmer: Ich begann Gedichte zu schreiben – Gedichte, von denen ich heute noch Gänsehaut bekomme, wenn ich sie lese. Wurde ich verrückt oder war sie es, die nicht normal war? War ich krank oder naiv? Psychopath oder Träumer? Mir brach das Herz und ich beendete diesen Albtraum.
 
Aus meinem damaligen Schmerz und meiner Trauer wuchs ein mir ganz neues Selbstverständnis: Ich fühlte mich reicher, reifer und weitsichtiger als je zuvor. Ich hatte erlebt, was es heißt, ein Mann zu sein, meine Bedürfnisse zu leben und Grenzen zu setzen. Auch wenn ich noch Jahre brauchte, um die Frau meines Lebens zu finden, war mir bewusst geworden, was mir wichtiger war als Sex: Die vertrauensvolle Nähe zu einem geliebten Menschen!
 
Ohne Nähe und Hingabe keine echte Liebe
 
Ich hatte erfahren, dass Liebe über den direkten Willen zur Lust nicht zu verwirklichen ist. Sexuelle Erfüllung entsteht erst als Nebenprodukt der Liebe und die wächst aus dem Bedürfnis nach Nähe und Hingabe zu einem Menschen. Wer die Nähe zu einem Partner fürchtet und Sex ohne Nähe sucht, wird keine Erfüllung finden, weil ihm der Sinn seines Tuns abhanden gekommen ist.
 
Noch heute bin ich dankbar für diese Erkenntnis, wenn im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz die Beziehungsprobleme von Bekannten und Kollegen zur Sprache kommen. Aus Angst vor der Einsamkeit halten viele Menschen an Beziehungen fest, die auf das Niveau von Zweckgemeinschaften verkommen sind. Die Leidenschaft stirbt und die Gewohnheit wird als Liebe missverstanden. Mutlosigkeit, Depression und Krankheiten sind oft die Folgen.
 
Andere können aus einer tief verwurzelten Angst vor Nähe die Distanz zu ihren möglichen Partnern nicht überwinden. Diese Angst, sich anderen Menschen vertrauensvoll hinzugeben und ihnen aus ganzem Herzen zu begegnen, steht einer ehrlichen Beziehung im Wege und macht echte Liebe unmöglich. Trotzdem spüren diese Menschen die Sehnsucht nach Erfüllung ihrer Bedürfnisse. Aber die Angst davor, sich wirklich einzulassen, lässt sie ihre Sexualität nur als gegenseitige Selbstbefriedigung erfahren.
 
Diese Lebensbeichten belegen, dass Nähe und Vertrauen das wertvollste Gut einer Beziehung sind. Für die Liebe sind sie wichtiger als Sexualität, denn eine liebevolle Beziehung ohne Sexualität ist immerhin möglich. Sex ohne Nähe und Vertrauen ist aber nicht mehr als Triebbefriedigung und degradiert den Partner zum Objekt. Eine tiefe Erfüllung erleben wir nur, wenn wir Hingabe und Sexualität in Einklang binden können.
 
Was sind die Ursachen dafür, dass so wenige Menschen ihr privates Glück finden? Und was können wir tun, um die zahlreichen Hindernisse auf unserem Weg zum Glück zu überwinden?
 
Die Missverständnisse einer sinnentleerten Leistungsgesellschaft
 
Wenn die Medien unsere wahre Gesellschaft widerspiegeln, dann leben wir in einer Welt, in der Beziehungen von Egoismus bestimmt werden und Sexualität zur Ware verkommt. Fernsehserien, TV-Magazine, Zeitschriften bis hin zu Pornofilmen präsentieren uns eine Welt, die von unbefriedigten Hausfrauen, obszönen Sexpraktiken oder dekadenten Beziehungen dominiert wird. Das entspricht vielleicht nicht ganz unserer Realität, aber die Medien spiegeln die unbefriedigten Bedürfnisse unserer Gesellschaft wider, indem Sie den Menschen eine billige Ersatzbefriedigung bieten. Die Perversion wird für viele zum alltäglichen Vorbild und manipuliert uns hin zu einem materialistischen und sinnentleerten Weltbild.
 
In dieser Welt geht es immer mehr um Quantität statt um Qualität. Es geht um blinde Leistungssteigerung, ohne dass nach dem Grund und dem Sinn von Zielen gefragt wird. Es geht um Macht und Monopole, ohne dass gefragt wird, was sich daraus für Konsequenzen ergeben könnten. Da vieles nach seinem materiellen Wert beurteilt wird, gehen Sinnhaftigkeit, Ideale und Visionen verloren. Je mehr der Mensch sich nur noch auf die Erfüllung seiner Bedürfnisse konzentriert, umso mehr verliert er den Grund seines Tuns aus den Augen.
 
Inzwischen leben wir in einer neurotischen, körper- und lustfeindlichen Gesellschaft. Das fängt damit an, dass geistige Tätigkeiten mehr Ansehen genießen und besser honoriert werden als körperliche Arbeit. Egoismus, Leistungsdenken und Konkurrenzverhalten werden mehr belohnt als Teamfähigkeit und Kooperationsbereitschaft. Unsere Kinder pauken Formeln, Daten und Vokabeln statt dass ihnen der Wert sozialverträglichen Verhaltens begreifbar gemacht wird. Lieber konsumieren wir Pillen, als uns Zeit zur Entspannung zu gönnen.
 
Es ist kaum möglich, sich den destruktiven Einflüssen gänzlich zu entziehen. Wir haben aber die Möglichkeit und die Verantwortung, uns über alternative Verhaltensweisen und Einstellungen zu informieren und unser Leben nach unseren Vorstellungen zu gestalten:

  • Wir können uns und unsere Kinder dem Einfluss der Medien entziehen und uns deren Wirkung bewusst machen.
  • Wir können mit offenem Herzen zeigen, was uns Liebe, Nähe und Beziehung wirklich bedeutet.
  • Je lebendiger wir unseren Kindern eine sinnhaftige Beziehung vorleben, desto weniger anfällig werden sie für negative Einflüsse von außen.
  • Massage, Sauna und jede Art sinnlicher Erfahrung stärkt unser Körperbewusstsein und macht uns resistent gegen materielle und sinnentleerte Verführungen.

 
Die Angst vor Einsamkeit, Erfahrung und Tiefe
 
Viele Menschen fliehen aus Angst vor der Einsamkeit aus ihrem Elternhaus direkt in eine Ehe oder feste Beziehungen, ohne eigene Erfahrungen in Partnerschaft und Beziehung gemacht zu haben. Dort pflegen sie falsch verstandene Kompromisse bis ihre wirklichen Bedürfnisse versiegt sind oder sie aus ihrem engen Leben ausbrechen und von vorn anfangen. So verhindern sie die notwendigen Erfahrungen und Niederlagen, um zu selbstbewussten Menschen zu reifen. Aber schon Friedrich Schiller riet uns: Drum suche, wer sich ewig bindet, ob er nicht noch was besseres findet...!
 
Wer als junger Mensch das Elternhaus verlässt, sollte sich Zeit lassen, seine eigenen Bedürfnisse zu entdecken und seine Beziehungsfähigkeit zu entwickeln. Erst im Vergleich mit dem Partner kann ich eigene Erfahrungen sammeln und die Fesseln meiner Erziehung überdenken bzw. überwinden. Alles will gelernt sein, bevor ich mich für einen Partner entscheide. Auch Sinnlichkeit, Sexualität und Liebe entwickeln sich durch die Vielfalt der Partner, mit denen ich bereit bin zu lernen. Auch in Seminaren kann ich neue Erfahrungen machen, mich von Dogmen und falschen Moralvorstellungen befreien und zu mir selbst und meinen Bedürfnissen finden.
 
Wenn Sie einem Menschen begegnen, der ähnliche Erfahrungen gemacht hat wie Sie, dann sollten Sie die Chance nutzen und sich ihm offen anvertrauen. Im gemeinsamen Verständnis entwickelt sich mehr Nähe als in jeder Form der Sexualität. Die tiefste Form von Verbundenheit und Vertrauen entsteht aber in der gemeinsam erlebten Trauer. Denn es gibt keine ehrlichere Form der Anerkennung als für den anderen zu weinen. Tränen schaffen die Nähe zum anderen Menschen, die in unserer Gesellschaft so selten gelebt wird.
 
Angst vor Nähe als Charakterzug
 
Zwei bedeutende Standardwerke der Psychologie beschreiben die Auswirkungen frühkindlicher Erziehung auf die Ängste [Fritz Riemann] und Charakterzüge [Alexander Lowen] des Menschen. Beide Psychologen machen deutlich, dass das Verhältnis zur Mutter, die Erziehung in den ersten sechs Jahren, aber auch spätere traumatische Ereignisse unser Leben und unsere Einstellung nachhaltig prägen. Wir alle tragen verschiedene Charaktere in uns. Bekommen einzelne Wesenszüge die Oberhand, können sie ein erfüllendes Liebesleben behindern.
 
So ist es mehr als verständlich, dass Mitmenschen, die in ihrer Kindheit oder Jugend missbraucht wurden, ihr Leben lang damit zu kämpfen haben, ihre Erlebnisse zu verarbeiten und anderen Menschen wieder zu vertrauen. Für sie ist es eine Lebensaufgabe, diese ihre Angst vor Nähe abzubauen und zu überwinden, um in der Hingabe zu einem Partner ihr Glück und ihre Liebe zu finden.
 
Aber auch der frühe Liebesentzug der Mutter – vor allem bei ungewollten Kindern [Der Schizoide] – kann das Grundvertrauen eines kleinen Babies zu seiner Umwelt zerstören und die Entwicklung des Kindes nachhaltig hemmen. In späteren Jahren braucht es vom Partner viel Geduld und Einfühlungsvermögen, um das tiefe Misstrauen durch positive Erfahrungen zu überwinden und die verletzte Liebesfähigkeit zu entwickeln.
 
Eine ganz andere Angst vor der Hingabe zeichnet die Menschen aus, die zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr gelernt haben, ihre Eltern zu manipulieren und gegeneinander auszuspielen. Ihr Lebensmuster [Der Choleriker] folgt dem Glauben, alles kontrollieren zu müssen, um glücklich zu sein. Die daraus entstehende Angst vor dem Kontrollverlust zwingt sie dazu, zu große Nähe zu meiden, weil sie fürchten, sich zu verlieben und damit zum Spielball des Partners zu werden. Diese Menschen müssen lernen, sich fallen zu lassen und ihre Machtspielchen aufzugeben.
 
Solche frühkindlichen Persönlichkeitsprägungen zu überwinden ist durch eine langfristigePersönlichkeitsentwicklung in professioneller Begleitung möglich. CoachingPersönlichkeitstrainings und Therapie sind sinnvolle Wege, den eigenen Charakter zu reflektieren und konstruktive Einstellungen zu Liebe, Nähe und Vertrauen zu entwickeln. Die bewusste Partnerschaft mit einem Menschen, der die eigenen Charakterzüge ergänzt, ist eine lebenslange Herausforderung, sich selbst zu entwickeln und den anderen zur eigenen Entwicklung herauszufordern. So können Sie die Werte trainieren, die einer Beziehung eine tiefgehende Erfüllung geben: Demut, Toleranz und Liebesfähigkeit.