Mit Spaß zur Selbstdisziplin

Geschrieben von: Paula Bemmann-Wöschler (12.09.2007)

Mit Spaß zur Selbstdisziplin – ohne Stress zum Ziel. Ein Widerspruch?

Nach etlichen Jahren angestrengter Versuche, endlich ein besseres Zeit- und Selbstmanagement hinzubekommen, fühlen sich die Worte „Spaß“ und „Selbstdisziplin“ zusammen in einem Satz immer noch als unüberwindbarer Gegensatz an. Meine Motivation hängt aber davon ab, wie viel Spaß und Freude ich an einer Sache habe.

Je mehr Spaß, desto größer und länger andauernd ist meine Motivation und desto wahrscheinlicher wird es, dass ich mein selbst gestecktes Ziel erreiche. Ein tolles Gefühl, an einer Sache zu arbeiten, in der ich aufgehe! Vergessen ist die Zeit, Bedenkenträger kann ich mühelos ignorieren, Komplikationen spornen mich zum Umdenken, Neusondieren und Lernen an. Und dann erst die Genugtuung, wenn es so funktioniert, wie ich es mir erhofft habe!  
 
Warum geht das nicht immer so?! Warum fehlt mir sofort jede Stringenz, wenn ich Arbeitsaufträge erledigen muss, die, egal wie ich sie wende, nun aber so überhaupt keinen Spaßfaktor für mich enthalten? Warum tendiere ich dann auch noch jedes Mal dazu, Unangenehmes aufzuschieben mit dem Ergebnis, dass ich mir die Tage, in denen mir die freudlosen Aufgaben im Nacken hängen, auch noch vermiese? Ich weiß doch, dass ich nach Tagen voller Unbehagen, geknebelt von dem nun auftretenden Terminstress, mich doch an die Arbeit machen muss.
 
Als Coach sitze ich einem Teamleiter meines Alters gegenüber, er sprüht vor Ideen und erzählt mit Begeisterung in seinen Augen, wie er seinen Bereich optimieren will. Ich schlüpfe in die Rolle seiner Chefin und frage gezielt nach: Was sind Ihre genauen Ziele? Wie sieht Ihr Zeit- und Maßnahmenplan aus? Wer ist wann und wo mit welchem Aufwand involviert? Mit welchen Verbesserungen rechnen Sie? Mit welchen Auswirkungen auf das Tagesgeschäft müssen wir in der Übergangsphase rechnen? Wie viel wird die Optimierung kosten? Wie hoch ist der Gewinn dieser Maßnahme? – Schweigen, dann Lavieren: „müssen wir sehen“, „wird sich ergeben“, „so genau, kann ich das vorab nicht sagen“… Unmut hat die Begeisterung abgelöst, „Spaßbremse“, scheinen mir seine Augen entgegen zu schleudern, Trotz flammt auf und dann kommt endlich auch die verbale Gegenwehr: „Ich muss mir erst einen Überblick verschaffen, um genauer planen zu können. Vieles wird ‚learning by doing‛ sein, weil wir einen neuen Weg beschreiten, vieles wird sich im Prozess erst ergeben.“ Pause. Ich warte. „Jetzt schon genau zu planen, schränkt mich ein und macht mich unflexibel.“ Na endlich, da haben wir den eigentlichen Grund.
 
Was würden Sie dem jungen Teamleiter empfehlen? Ein Buch oder ein Training zum Zeitmanagement, das ihm ein Instrumentarium an Checklisten, Planungshilfen und Kontrollmöglichkeiten an die Hand gibt? Aus eigener leidvoller Erfahrung weiß ich, das wird er nicht anwenden, denn er erlebt dabei das Gefühl der Einschränkung, der Gängelung und der Unfreiheit. Gepaart mit Alltagsstress, den ersten Fehlversuchen, die ganz natürlich bei neuen Verhalten auftreten werden, und seinem perfektionistischen Anspruch, wird er schnell wieder zu den „bewährten“ Methoden des „sich Durchwurschtelns“ zurückkehren. Ich muss mit ihm Ansätze in seiner Persönlichkeit finden, die das neue Verhalten „selbstdisziplinierter zu arbeiten“ motivierend unterstützen. Seine große Neugier und sein Spaß an Optimierungen könnten bei ihm der Schlüssel sein.
 
Da er wie viele Männer von Zahlen fasziniert ist, versuche ich seine Neugier zu wecken: „Wissen Sie, wie viel Stunden ein Jahr hat? Nicht auf Anhieb? Schon einmal darüber nachgedacht? Ein gewöhnliches Jahr hat 8.760 Stunden, wenn Sie 8 Stunden für Ihren täglichen Schlaf subtrahieren, stehen Ihnen jährlich 5.800 Stunden zu Ihrer freien Verfügung. Meine Fragen an Sie: Wie wollen Sie Ihre 5.800 wachen Stunden im Jahr nutzen? Welchen Zeitanteil wollen Sie für Ihren Beruf, für Ihre Familie, für Ihre Freunde, für Hobbys und Interessen, für sich selbst und für Ihre Regeneration aufwenden? Und, vielleicht die wichtigste Frage, was wollen Sie zukünftig nicht mehr tun?“
 
Ich muss gestehen, ich habe auch erst vor einiger Zeit ernsthaft begonnen, für mich diese Fragen zu beantworten und Entscheidungen zu treffen. Klar hatte ich schon als Kind viele Wünsche und Träume! Unmengen an der Zahl, in denen ich mich als junge Erwachsene später prima verheddern und verzetteln konnte. Genaue Zieldefinitionen mit Zeiträumen und Strategien formulieren? Ich war schon froh, wenn ich wusste, was ich auf gar keinen Fall wollte. „Wenn Du disziplinierter wärst, könntest Du viel mehr erreichen!“, dieser Satz begleitet mich schon mein Leben lang. Disziplin bedeutete aber in der Schule vor allem Gehorsam, laut Wörterbuch die Unterordnung unter den Willen einer Autorität. Dummerweise passte dies nun nicht gerade zum obersten Erziehungsziel meiner Generation, nämlich selbstbestimmt und eigen-willig das Optimum aus unseren individuellen Potenzialen herauszuholen. Von der Definition, Selbstdisziplin als eine Form der bewussten Selbstregulierung zu verstehen, ist zwar mein Intellekt angesprochen, nur, wie verbinde ich mit der Regulation meines Selbst ein gutes Gefühl, um beim Tun motiviert zu bleiben?
 
Das „A und O“ sind die eigenen Ziele, die ich für mich erreichen will im Leben. Denn selbst-diszipliniert handele ich immer dann, wenn ich mit meinem Tun einem (lang) ersehnten Ziel oder Zukunftstraum näher komme. In solchen Fällen benötige ich keine Anreize von außen, ich bin aus mir heraus motiviert. Meine Ziele werden wiederum bestimmt von meinen Visionen, d.h. von meinen Träumen, die ich in der Zukunft erreichen möchte, von meiner Mission (meiner inneren Aufgabe, die ich verfolge) und von meiner Strategie, also von meinem Plan, wie ich vorgehen möchte, um meine Zukunftsträume zu verwirklichen und wie ich Hindernissen auf diesem Weg begegnen will. Ohne ein Ziel weiß ich nicht, welche Richtung ich einschlagen muss, wofür ich mich motivieren soll und welche Handlungen und Maßnahmen die erfolgversprechendsten sind. So ergeht es schon Alice im Wunderland als sie der Grinse-Katze begegnet und diese nach dem Weg fragt. Das hinge vor allem davon ab, wohin sie gehen wolle, antwortete die Grinse-Katze Alice. Es käme ihr nicht darauf an wohin, antwortete Alice. Dann käme es auch nicht darauf an, welchen Weg sie einschlagen würde, sagte die Katze. „Wenn ich nur irgendwo hinkomme“, fügte Alice als Erklärung hinzu. „Oh, das wirst Du ganz gewiss, antwortete die Grinse-Katze, „wenn Du nur lange genug gehst.“
 
Die Hälfte der Menschen, die sich von mir coachen lassen, kommen ohne eigene Ziele zu mir ins Coaching. Die Hälfte! Ohne definierte eigene Ziele gehen sie Tag für Tag das Risiko ein, ziel-los bzw. chaotisch durch ihr Leben zu gehen. Die Wahrscheinlichkeit zum Spielball der Zukunftsträume und Interessen anderer zu werden – beruflich wie privat – wächst ebenso wie das Gefühl, nicht erfolgreich sowie nicht selbstbestimmt und nicht glücklich zu sein. Viele von ihnen sind sich selbst fremd geworden, weil sie sich keine Zeit mehr für sich nehmen, sich über ihre Gefühle hinwegsetzen und sich nicht mehr zuhören. Unmotiviert orientieren sie sich an ihrer Außenwelt. Ihre Arbeitgeber versuchen sie einigermaßen bei Laune zu halten. Aber sie können ihnen nicht den Spaß an einem selbstbestimmten Leben vermitteln.
 
Wie sieht es bei Ihnen aus? Was wollen Sie mit Ihren 5.800 wachen Stunden in den nächsten 365 Tagen anfangen? Oder mit den 29.000 Stunden der nächsten 5 Jahre? Schreiben Sie Ihre Gedanken dazu auf. Beim Schreiben verbinden Sie Ihre rechte und linke Hirnhälfte miteinander. Dadurch erinnern Sie sich schneller an Ihre Ziele und können Ihr Unterbewusstsein durch mehrmaliges Durchlesen Ihrer Auflistung pro Woche für die Zielerreichung „programmieren“. Damit Sie sich langfristig motivieren können, um Ihre Ziele tatsächlich zu erreichen, sollten Ihre Ziele Ihnen wirklich etwas bedeuten und – ganz wichtig – helfen, Ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Dann freuen Sie sich auf Ihr Ziel und diese Vorfreude wird Sie immer wieder neu motivieren. Belohnen Sie sich, wenn Sie Aufgaben zur Zielerreichung erfolgreich abgeschlossen haben, indem Sie sich z.B. nach einer arbeitsreichen Phase zeitnah ein paar Tage frei nehmen. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut, Regenerationsphasen sind wichtig für Ihre kontinuierliche Arbeit. Es wird Zeiten geben, in denen Ihre Motivation „im Keller“ sein wird, dieses „auf und ab“ ist ganz normal. Hören Sie auf, in solchen Zeiten an Ihr Versagen zu denken, suchen Sie lieber nach Lösungen, wieder mehr Lust und Freude zu bekommen.
 
Haben Sie Ihr Ziel und sind Sie motiviert, dann entwickeln Sie einen Aktionsplan zur Zielerreichung. Schreiben Sie ihn auf. Verlangen Sie nichts Unmögliches von sich. Das macht nur Stress und vergällt Ihnen den Spaß. Suchen Sie den einfachsten und direktesten Weg, den Weg, der Ihnen am meisten Spaß macht oder der Ihnen im Moment gerade einfällt – Optimierungsmöglichkeiten werden sich im Laufe der Zeit immer wieder ergeben. Ihr Weg hängt auch von Ihrem Ausgangspunkt ab. Dieser verschiebt sich mit dem Fortschreiten Ihrer Arbeit, überdenken Sie also Ihren Plan von Zeit zu Zeit, denn Sie starten jeden Tag neu. Planen Sie auch nicht „überdimensioniert“, das hält nur ab vom Handeln. Der Aktionsplan für meinen Artikel sah beispielsweise folgendermaßen aus:
 
1. Festlegung des Themas
2. Literaturrecherche
3. Inhalt und Struktur festlegen
4. Schreiben
5. Korrekturlesen
6. in den Newsletter einbinden
 
Verankern Sie Ihren Aktionsplan zeitlich und räumlich in Ihrem Leben, denn nur wenn Sie einen Realitätsbezug herstellen, werden Ihre Träume auch wahr.
 
Verfolgen Sie Ihr Ziel, indem Sie in kleinen, aber kontinuierlichen Schritten handeln. Das Heute zählt. Wie es morgen weitergehen wird, entscheiden Sie morgen. Was nützt es Ihnen, immer schon beim übernächsten Schritt in Gedanken zu sein? Sich zu sorgen, ob Sie diesen schaffen werden? Heute tun Sie erst einmal den ersten Schritt, belohnen sich dafür und freuen sich, dass Sie ein Stück näher an Ihr Ziel gelangt sind. Im Handeln kommt es auf die Kontinuität und Ausdauer an. Tun Sie jeden Tag einen kleinen Schritt für Ihr Ziel. Damit erreichen Sie auf Dauer mehr, als wenn Sie hin und wieder einen großen Schritt versuchen. Schätzen Sie diese kleinen Schritte, Sie müssen sich nicht immer verausgaben, im Gegenteil, machen Sie eine Pause, bevor Sie sich erschöpft fühlen. Dadurch können Sie länger arbeiten und lernen. Vor allem aber erlauben Sie sich, Fehler zu machen! Wir alle lernen am meisten aus unseren Fehlern. Durch sie wissen wir, welcher von den vielen Möglichkeiten nichts bringt und können andere Wege beschreiten, die erfolgversprechender sind. Immer wenn wir Neues versuchen, werden wir Fehler machen. Leider können wir uns nicht mehr erinnern, wie lange und wie viele Fehlversuche wir benötigten, um Laufen zu lernen, mit Messer und Gabel zu essen oder lesen und schreiben zu können. Beobachten Sie Ihre oder fremde Kinder und dann fragen Sie sich einmal ernsthaft, wieso Sie von sich selbst abfordern, alles auf Anhieb perfekt zu machen. Stellen Sie an Ihre Mitarbeiter und Kollegen, an Ihren Partner oder an Ihre Freunde auch immer unmöglich hohe Anforderungen? Oder „nur“ an sich selbst? Umzulernen dauert sogar noch länger als etwas Neues zu lernen, denn Sie müssen gegen alte Gewohnheiten ankämpfen. Eine dauerhafte Motivation können Sie nur mit den steten Erfolgserlebnissen kleiner Schritte erreichen. Steter Tropfen höhlt den Stein, kein unregelmäßiger Platzregen. Mit dieser Einstellung überwinden Sie auch die auftauchenden Hindernisse. Probleme sind ganz normal. Für Probleme lassen sich immer Lösungen finden. Nicht immer muss ich Probleme selbst beheben, manchmal ist es viel effektiver für mich, sie zu umfahren. Es liegt an mir selbst, ob ich mich über eine Straßensperrung auf meinem ausgesuchten Weg aufrege und meine Fahrt abbreche und umkehre oder den Straßenatlas bemühe, eine neue Route auswähle zu meinem Ziel und bei dieser Gelegenheit auch noch ein nettes Restaurant am Wegesrand entdecke, bei dem ich sonst nie vorbei gekommen wäre. Die Struktur des Erfolges ist identisch mit der Struktur des Misserfolges (siehe Abbildung unten).
 
Ein veränderter Fokus auf die Dinge, hilft Ihnen, Hindernisse erfolgreich zu bewältigen. Entschleunigen Sie sich, nicht die Zeit rast Ihnen davon, Sie rasen durch Ihr Leben. Nehmen Sie sich Zeit, mal einen anderen Blickwinkel einzunehmen, mal von oben aus der Metaebene auf ein Problem zu schauen oder das Problem einfach einmal positiv umzudeuten. Machen Sie sich z.B. Ihren „innere Schweinehund“ zu Ihrem Freund, denn er lenkt Ihre Aufmerksamkeit auf ihr Unbehagen an einer Tätigkeit. Durch ihn spüren Sie Ihre Lustlosigkeit. Statt ihn zu bekämpfen und zum Schweigen zu bringen, fragen Sie sich doch bei Ihrer nächsten Begegnung mit ihm, auf was er Sie hinweisen möchte. Passt diese zu erledigende Aufgabe vielleicht gar nicht zu Ihren Zielen, Bedürfnissen und Ihrer Lebensplanung? Fühlen Sie sich über- oder unterfordert? „Opfern“ Sie sich gerade mal wieder für andere auf? Oder liegt Ihnen gar nichts (mehr) an diesem Ziel? Sie entscheiden über den Inhalt Ihrer 5.800 wachen Stunden im Jahr. Je mehr Sie Dinge tun, die Sie wirklich wollen und die andere unterlassen, desto öfter werden Sie sich dabei ertappen, dass Sie mit viel Spaß und hoher Selbstdisziplin bei der Sache sind.
 
Um mit den Worten von Thomas Hohensee zu schließen, dessen Erfolgsbuch für Faule mich für diesen Artikel inspiriert hat: „Tun Sie das Richtige und das Wichtige, und dann lassen Sie es gut sein.“