Der Witz als Chance zur Selbsterkenntnis

Geschrieben von: Michael Blochberger (06.12.2007)

Sag mir, worüber du lachst, und ich sag dir, wer du bist

Kennen Sie schon meinen Lieblingswitz?... Geht ein Mann zum Schneider und lässt Maß nehmen für einen neuen Anzug. Nach einer Woche kommt er zur Anprobe. Dabei stellt er fest, eines der Hosenbeine ist zu lang. “Nur, wenn Sie so steif stehen,” sagt der Schneider, “im Gehen, ein Bein nach vorne, passt er genau.” “Aber das Sakko schlägt am Rücken Falten!” wundert sich der Kunde. “Sie stehen so unnatürlich. Da ist das kein Wunder. Beugen Sie sich nach vorne! So passt es wie angegossen,” entgegnet der Schneider. “Und warum ist der linke Ärmel so kurz?” fragt der Mann...

“Weil Ihre Schulter hängt. Ziehen Sie die Schulter hoch! Sehen Sie: Ein perfekter Sitz!” Der Mann lässt sich überzeugen. Zahlt und geht wie ihm geraten im Anzug auf die Straße. Da kommen ihm zwei Damen entgegen. Flüstert die eine der anderen zu: “Schau mal, der arme Krüppel!” Antwortet die andere: “Ja, aber einen guten Schneider hat er!”
 
Über diesen uralten Witz konnte ich mich lange Jahre amüsieren und wusste nicht, was ihm diese Bedeutung gab. Heute weiß ich, es hatte mit meiner persönlichen Geschichte zu tun: Auch ich hatte mich im Beruf jahrelang verbiegen lassen und die Interessen ‘fremder Schneider’ erfüllt, statt meinen eigenen Bedürfnissen zu folgen und ein authentisches Leben zu führen.
 
Im Lachen über diesen Witz befreite ich mich über Jahre hinweg unbewusst von dem eigenen Schmerz und fand Genugtuung in der Tatsache, dass andere sich noch dümmer benehmen als ich. Tatsächlich ernte ich auch heute noch zahlreiche Lacher, wenn ich diesen Witz zum Besten gebe.
 
Sigmund Freud hat schon vor über 100 Jahren erkannt: Wir lachen, um uns von Frustrationen und unerfüllten Bedürfnissen zu befreien. Das was uns besonders schmerzt, darüber lachen wir am liebsten und am heftigsten:
 Witze über Vorgesetzte können uns die berufliche Abhängigkeit erleichtern. Sexistische Witze bereiten uns die Lust, die uns im Umgang mit dem anderen Geschlecht versagt bleibt. Und Witze über Minderheiten dienen der Solidarisierung mit Gleichgesinnten gegen Schwächere, um von der eigenen Hoffnungslosigkeit abzulenken.
 
Der Witzemacher befreit sich von seinen seelischen Qualen und findet Bestätigung im Lachen mit den anderen. Dabei ist es ihm aber kaum bewusst, dass sein Lachen viel über seine psychischen Befindlichkeiten verrät: Der Witz ist das seelische Spiegelbild seines Erzählers. Witze zu reißen ist für viele eine Chance, das Leben erträglich zu machen und somit oft Ausdruck der persönlichen Ohnmacht.
 
Die meisten von uns kämpfen ihr Leben lang für Bedürfnisse und Träume, die sie nicht erfüllt bekommen, oder für Ziele, die nicht ihren wirklichen Bedürfnissen entsprechen. Sei es, weil sie falschen Träumen und Idealen nachjagen oder weil der täglich Wettstreit um Erfolg und Karriere sie nicht zur Besinnung kommen lässt.
 
Solange es uns erträglich erscheint, neigen wir dazu, im scheinbar Bewährten zu verharren. Erst wenn wir in eine echte Krise geraten, wie eine Krankheit, den Verlust des Arbeitsplatzes oder den Verlust eines Menschen, werden wir wach und sehen uns genötigt, neue Wege einzuschlagen.
 
Auch ein Humortraining kann ein geeigneter Anstoß sein, sein Leben zu überdenken. Denn durch das Lachen können wir die Angst vor Veränderung besiegen und dem Neuen mit viel mehr Leichtigkeit und Gelassenheit begegnen.
 
Sich im eigenen Witz wiederzuerkennen ist eine Chance, die eigenen Bedürfnisse und Träume zu erkennen, sie zu hinterfragen, gegebenenfalls den eigenen Lebensweg zu korrigieren oder die Bedürfnisse der Realität anzupassen.
 
Wenn ich es schaffe, mein Leben zu ändern und meine Träume zu erfüllen, dann lässt selbstverständlich auch das Bedürfnis nach, sich von dem inneren Druck durch das Erzählen eines Witzes zu befreien. Ist das persönliche Ziel erreicht, kann ich nicht mehr über Leidensgenossen lachen, weil ich mich nicht mehr dazuzähle.
 
Insofern hat der Witz vom Schneider heute für mich an Reiz verloren, aber das nehme ich gerne in Kauf.