Das Innere Team

Geschrieben von: Michael Blochberger (03.10.2007)

Die ersten Berufsjahre sind davon geprägt, Fachkompetenz zu entwickeln. Schnell sind wir dazu angehalten, uns auf die Fähigkeiten zu konzentrieren, die uns am meisten liegen. Je mehr wir uns auf unsere Stärken besinnen, desto erfolgreicher werden wir. Wir werden Teil eines Teams, in dem andere unsere Defizite ausgleichen und wir gemeinsam mehr erreichen. Dem Erfolg folgt unsere Beförderung. Doch dann stellen wir fest: Die Spezialisierung hilft uns nicht mehr weiter. In der Führungsrolle sollen wir eine Vielzahl von Aufgaben erfüllen, die wir mehr schlecht als recht beherrschen...

Wir müssen Mitarbeitern die Arbeit zuteilen, die wir glauben besser erledigen zu können. Wir sollen unser Fachwissen weitergeben und haben nie gelernt, wie man das richtig macht. Wir müssen täglich Entscheidungen fällen, deren Ausmaß wir nicht wirklich überblicken. Unsere bisherigen Stärken sind uns oft im Wege, weil wir als Spezialisten erst lernen müssen, den Überblick des Generalisten zu entwickeln. Wir sind angehalten, die Fachkompetenz unseren Mitarbeitern zu überlassen und unsere Sicherheit nicht im Detail sondern im großen Ganzen finden.
 
Das kann man nicht in Fachbüchern erlernen. Es ist eine Herausforderung an die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, die sehr viel Kraft und Disziplin erfordert. Es gilt, die vernachlässigten und weniger entwickelten Fassetten der eigenen Persönlichkeit zu entdecken und diese vermeintlichen Schwächen oft im Widerstand zum ureigenen Charakter zu sinnvollen Kompetenzen auszubauen.
 
In jeder Person schlägt nur ein Herz, aber es existieren eine Vielzahl von Wesenszügen, die sich oft als innere Stimmen bemerkbar machen. Es sind die Stimmen, die uns Entscheidungen erschweren, die uns ein schlechtes Gewissen machen oder sich spontan zu Wort melden – oft ohne dass wir sie ernst nehmen: Das innere Team.
 
Das innere Team ist gut zu vergleichen mit einem realen Team im Unternehmen. Es setzt sich aus mehreren unterschiedlichen Typen zusammen, die oft konträrer Meinung sind, aber sich sehr gut ergänzen, wenn ich sie gemeinsam  entscheiden und handeln lasse: Den Antreiber, den Zauderer, den Sponti, den Kritiker und den Optimisten.
 
Das innere Team existiert eigentlich in jedem Menschen. Nur hat in vielen inneren Teams einer das Sagen übernommen und lässt die anderen nicht zu Wort kommen. Die unterdrückten Teammitglieder haben sich angepasst oder machen sich destruktiv bemerkbar. Wie in der Team-Realität verliert auch ein Mensch damit an Stärke und an Wirkung nach außen.
 
Als Teamleiter wie als Persönlichkeit sollte ich versuchen, konträre Charaktere zu integrieren. Jede Stimme kann einen wichtigen Beitrag leisten, wenn ich sie zu Wort kommen lasse und sie ernst nehme. Wenn alle Ansichten gehört worden sind, kann gemeinsam entschieden werden, wird ein Kompromiss gefunden oder ich fälle eine Entscheidung, die die Widerstände berücksichtigt, Sicherheiten einbaut und so die Gegner mitnimmt.
 
Mit meinem inneren Team kann ich jeden Tag im Stillen Auseinandersetzungen führen und mich auf reale Teamkonflikte vorbereiten. Ich kenne dann schon die Widerstände und Widersprüche, ich habe Vor- und Nachteile abgewogen, ich habe bereits Kompromisse und Alternativen angedacht und bin so gut vorbereitet, dass ich souverän und authentisch auftreten kann. Und ich kann meinen Mitarbeitern mit mehr Akzeptanz und Verständnis begegnen, denn ich bin mir darüber bewusst, dass sie – ganz gleich, in welcher Form sie sich äußern – auch Teil meiner Persönlichkeit sind.
 
Ich wachse damit langsam zu einer multiplen Persönlichkeit – der Volksmund sagt: der “Eierlegenden-Woll-Milch-Sau” – heran. Aber genau das ist es, was man von einer guten Führungskraft verlangt: Sie soll jeder Situation überlegen begegnen.
 
Mein Tipp: Verlieren Sie die Angst vor unsicheren Momenten. Wenn Sie das Gefühl der Unsicherheit verspüren, nehmen Sie es zum Anlass, sich 5 Minuten zurückzuziehen und Ihr inneres Team zu Rate zu ziehen. Differenzieren Sie die verschiedenen Meinungen, geben Sie ihnen Namen und lassen dann eine gemeinsame Entscheidung erarbeiten. Jeder dieser Momente ist eine Chance, zu reifen und mehr innerer Sicherheit zu gewinnen. Und wenn das alles nicht hilft, besuchen Sie ein Führungstraining.