Führungsfrage — Was machen Frauen anders?

Geschrieben von: Paula Bemmann-Wöschler (19.03.2007)

Der fortschreitende Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft stellt neue Anforderungen an das Management der Unternehmen. Autokratische oder patriarchalische Führungsstrategien taugen nicht für eine Welt, in der die Produktivität in den Köpfen entsteht. Neue Führungsqualitäten sind gefragt. Kommunikation, Teamwork, Kritikfähigkeit, vernetztes Arbeiten werden entscheidend für den unternehmerischen Erfolg.

Das Unbehagen vieler Männer ist verständlich. Sie erkennen, dass Frauen anders handeln. Aber sie verstehen nicht, was Frauen erfolgreich macht, weil Frauen eben anders erfolgreich sind als sie selbst. Doch worin liegt der Unterschied? Was macht Führung weiblich? Im Gespräch: Paula C. Bemmann, Arbeits- und Organisationspsychologin, spezialisiert auf Personalauswahl- und Entwicklung. Selbst erfolgreiche Unternehmerin, berät sie Mittelständler und Konzerne bei der Suche nach erfolgreichen Mitarbeitern und Führungskräften. Dazu analysiert sie die Persönlichkeitsprofile von Bewerberinnen und Bewerbern mit modernsten testtheoretischen Verfahren.
 
Welche Eigenschaften machen Führung erfolgreich?
 
Ungeachtet der Vorstellungen meiner Auftraggeber, was in ihren Unternehmen unter erfolgreicher Führung verstanden wird, steht für mich die Authentizität einer Führungskraft im Mittelpunkt, um erfolgreich führen zu können. Um authentisch zu sein, muss ich möglichst viele Facetten meiner Persönlichkeit kennen, meine Stärken und Schwächen, meine Einstellungen, meine Motivatoren, meine Ängste und Tabus und so weiter. Je besser ich all meine intellektuellen Fähigkeiten und Persönlichkeitsanteile kenne und – hier ist der schwierigste Part – auch akzeptiere, desto besser bin ich in der Lage, mich offen zu zeigen und alle Anteile von mir angemessen in mein Handeln zu integrieren. Mein Gegenüber erlebt mich dann als authentisch und nur so kann ich als Führungskraft meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erreichen und begeistern. Nur so kann ich sie überzeugen und ihnen ihre Befürchtungen vor Veränderung nehmen, sie wertschätzen und zur Zielerreichung motivieren. Erfolgreich zu führen heißt in diesem Sinne, mich als Persönlichkeit zu zeigen, Vorbild zu sein und Visionen vorzugeben, mich aber dennoch gegen andere zu behaupten und durchzusetzen.
 
Gibt es objektive Merkmale erfolgreicher Führungspersönlichkeiten?
 
Über tausende Einzeltestungen von Führungskräften mit dem computergestützten Expertensystem SCiOPOS können wir belegen, dass erfolgreiche Führungskräfte über sehr gute allgemeine intellektuelle Fähigkeiten, ein hohes Abstraktionsvermögen sowie über eine sehr gute Problemlösungsfähigkeit verfügen. Im Persönlichkeitsbereich sollten sie über mindestens gute soziale Kompetenzen, Verantwortungsbereitschaft, Durchsetzungskraft, Innovationsbereitschaft und Flexibilität, aber auch Ehrgeiz und Dominanz verfügen. Letzteres wird fälschlicherweise oft mit aggressivem Verhalten verwechselt. Gemeint ist aber das Streben nach einer Führungsposition mit Einfluss, Macht und Verantwortung.
 
Wie unterscheiden sich hier die Geschlechter?
 
In der Literatur werden Frauen als anlehnungsbedürftig, unsicher, passiv, unterordnungsbereit, ausgleichend, fürsorglich, intuitiv, gefühlsspontan, einfühlsam und sanft beschrieben, während Männer als autonom, selbstsicher, aktiv, dominierend, konkurrierend, leistungsorientiert, rational, unemotional, unsensibel und rau gelten. Wenn Sie diese geschlechtsstereotypische Aufzählung aber genau betrachten, werden Ihnen mindestens eine Frau und ein Mann in Ihrem Umkreis einfallen, die/der auch typisch weibliche beziehungsweise männliche Eigenschaften besitzt. Was uns jedoch in unserer Beratung auffällt, ist, dass Männer stärker in ihren Profilneurosen und ihrer Egozentrik gefangen sind. Frauen benötigen die Selbstdarstellung anscheinend weniger zur Stärkung ihres Selbstbewusstseins. Viele von ihnen lehnen sie sogar strikt ab oder empfinden es als peinlich, sich stark in den Mittelpunkt zu drängen. Wohingegen viele Männer solche Situationen regelrecht provozieren. Dadurch fallen Frauen aber auch weniger auf und werden weniger gefördert als ihre männlichen Kollegen.
 
Was macht weibliche Führung weiblich?
 
Weibliche Führung ist für mich dann weiblich, wenn Frauen in Führungspositionen authentisch weiblich sind und nicht versuchen, den männlichen Stereotyp zu imitieren. Dies umzusetzen, bringt viele Frauen in einen großen Rollenkonflikt. Denn oft gelten die typisch männlichen Eigenschaften als gute Führungseigenschaften. Verhält sich eine Frau sehr entscheidungsfreudig, dominant und zielorientiert, wird sie als hart, kalt und streng diffamiert. Viele Männer fühlen sich unwohl, wenn sie von einer Frau geführt werden, weil sie die Reaktionen ihresgleichen besser vorhersagen können. Viele Frauen müssen sich in Führungspositionen tatsächlich härter als ihre männlichen Kollegen durchsetzen, um anerkannt zu werden. Und so sitzen sie in einer Art Falle: zeigen sie sich weicher, also frauentypischer, sagt man ihnen fehlende Härte und Durchsetzungskraft nach, verhalten sie sich konsequenter und stringenter, werden sie als Mann-Weiber abgelehnt.
 
Der Unterschied liegt also vor allem im Miteinander?
 
Frauen tendieren zu partnerschaftlicher und gleichberechtigter Kommunikation. Sie möchten die Distanz zum Gesprächspartner überwinden, ein angenehmes Gesprächsklima erzeugen. Im Gegensatz zu Männern geht es ihnen im Gespräch weniger um Daten, Fakten, Resultate oder um Profilierung. Sie verwenden daher Ausdrücke wie „Ich glaube/denke …“, um den Gesprächspartner nicht zu überfahren. Für Frauen sind hierarchische Strukturen eher unangenehm. Sie bevorzugen daher indirekte Forderungen und erwarten dies auch von anderen. Sie verfügen über ein ausgezeichnetes „Beziehungsohr“ und sind teamorientierter.
 
Welche Persönlichkeitsmerkmale bedingen die besondere Teamfähigkeit der Frauen?
 
Frauen geht es eher um Interessenausgleich, weniger um Interessendurchsetzung. Integrationsfähigkeit – das heißt, jeden abzuholen und einzubinden – und Kooperationsfähigkeit sind Eigenschaften, die zur Teamfähigkeit beitragen. Da Frauen ebenfalls über bessere sprachliche Fähigkeiten verfügen, können sie sich meist auch auf die Sprache ihres Gegenübers besser einstellen.
 
Frauen haben weniger Angst vor Gefühlen?
 
Für Frauen ist es normal, von ihren emotionalen Reaktionen in Situationen zu sprechen. Männer assoziieren derartige Kommentare meist als unsachlich. Hier greift natürlich auch wieder das Geschlechterstereotyp: Frauen dürfen gefühlsbetont sein und dies auch in ihrer Kommunikation und ihrem Verhalten zeigen. Männern werden Sensibilität und Emotionalität oft abgesprochen. Sie dürfen im Gegensatz zu Frauen ihre Aggressionen zwar offen zeigen, sollen ihre Verletzlichkeit aber im Berufsalltag verstecken. Ein Konflikt, unter dem gerade Manager oft extrem leiden. Durch ihre ganzheitliche und emotionale Sprache erreichen Frauen aber andere oft schneller, stärker und nachhaltiger, weil sie deren Emotionen ansprechen und Mitarbeiter dadurch „berühren“ können. Sie können dadurch besser begeistern und motivieren.
 
Frauen gehen anders mit Konflikten um als Männer – worin liegt der Unterschied?
 
Frauen versuchen mit ihren Mitteln, Konflikte zu vermeiden und den jeweils anderen eher konstruktiv einzubinden. Dies wirkt auf männliche Mitarbeiter und Kollegen jedoch oft als mangelndes Durchset-
zungsvermögen. Frauen ist es aber vom Geschlechterstereotyp immer noch untersagt, offen ihre Aggressionen zu zeigen und Konflikte direkt auszutragen. Frauen vermeiden daher eher Konflikte oder versuchen, sie im Vorfeld bereits auszuräumen. Sie sind gehemmter darin, ihre Aggressionen auszudrücken und richten sie öfter nach innen, also gegen sich selbst.
 
In unserer Beratung erleben wir immer wieder, dass viele Frauen gar nicht gelernt haben, mit ihren Gefühlen wie Ärger, Wut und Hass konstruktiv und offen umzugehen. Als Kinder und Jugendliche mussten sie lieb sein, um die Anerkennung ihrer Eltern und ihrer Umwelt zu bekommen. Das hieß vor allem ihre „negativen“ Gefühle zu unterdrücken. Unterdrückte Gefühle stauen sich aber immer mehr auf, die Energie muss entladen werden und wird sich einen Weg dafür suchen. Es ist kein Zufall, dass Frauen ihre Aggressionen mehr als Männer in psychosomatischen Krankheiten entladen, sie also gegen sich selbst richten, denn raus dürfen sie ja nicht. Im alltäglichen Miteinander nutzen sie daher auch oft den indirekten Weg über Zynismus, Witz und das typisch weibliche Lästern. Wer reine Frauenteams geleitet hat, weiß, wovon ich spreche.
 
Frauen kommunizieren anders?
 
Frauen in Führungspositionen geben ein klareres Feedback als Männer. Sie kommen besser auf den Punkt, weil sie nicht so stark abhängig sind von den Sympathiebekundungen ihrer Mitarbeiter. Sie sehen im konstruktiven Umgang mit Kritik eine hervorragende Möglichkeit, andere in ihrer Weiterentwicklung zu unterstützen und Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. Aufgrund ihrer häufigeren Verwendung von indirekten Forderungen und Ich- Aussagen – „Ich erlebe Sie so …“, „Mir ist aufgefallen, dass …“, „Ich denke …“ – sowie dem Schaffen einer angenehmen Gesprächsatmosphäre, wird ein von Frauen gegebenes negatives Feedback von Mitarbeitern eher akzeptiert und angenommen.
 
Was ist die größte Stärke der Frauen, was ihre größte Schwäche?
 
Die größte Stärke von Frauen liegt in ihrer ganzheitlichen und emotionalen Kommunikation und Führung. Aufgrund dessen erreichen sie ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oft schneller, stärker und nachhaltiger. Durch das Ansprechen von Befindlichkeiten und der Entwicklung eines Gemeinschaftsgefühls fällt es Frauen leichter, ihre Mannschaft zu begeistern, zu motivieren und enger an das Unternehmen zu binden.
 
Die größte Herausforderung für weibliche Führungskräfte – neben der Schwierigkeit, Beruf und Familie in Balance zu halten – liegt für mich im offenen und konstruktiven Umgang mit den eigenen Aggressionen, weil der Geschlechterstereotyp gar nicht vorsieht, dass Frauen Aggressionen haben. Viele Frauen haben die Unterdrückung ihrer „negativen“ Gefühle so stark verinnerlicht, dass sie sie teilweise gar nicht mehr bewusst empfinden können. Gut zu beobachten ist dies auch in Persönlichkeitstrainings: ein Brett mit einem Karateschlag, der von einem Schrei begleitet sein soll, zu zerteilen, fällt den meisten Frauen unglaublich schwer, während Männer damit kaum Probleme haben. Hier einen authentischen Umgang zu finden, ohne das typisch Männliche zu imitieren, ist für viele weibliche Führungskräfte ein langwieriger Prozess.
 
Könnten Männer lernen, wie Frauen zu führen?
 
Sobald Männer versuchen, wie Frauen zu sein oder Frauen versuchen, Männer zu imitieren, verlieren sie an Authentizität und Glaubwürdigkeit. Männer können allerdings lernen, beziehungsorientierter zu führen und Frauen können lernen, sich offener und konstruktiver zu behaupten und durchzusetzen. Der erste Schritt dafür ist, die Facetten seiner Persönlichkeit genau zu kennen, sein Verhalten immer wieder zu reflektieren, seine Stärken und Schwächen zu akzeptieren, um dann im zweiten Schritt zu lernen, die gesamte emotionale Bandbreite in sein Denken und Handeln zu integrieren. Dies ist das Ziel von Persönlichkeitsentwicklungsprozessen. Sie können nicht kurzfristig angelegt sein, weil sich alte Einstellungen und eingespielte Verhaltensmuster, nach denen ich mich seit 30, 40, 50 Jahren orientiert habe, nicht leicht verändern lassen. Zudem haben sie mich ja erfolgreich werden lassen und zu dem gemacht, der ich heute bin. Auch kann ich nicht aus jedem Menschen alles machen. Merke ich, dass mir beispielsweise der dominante, offensiv kämpfende Part fehlt oder ich diesen für mich stark ablehne, kann ich mir auch jemanden suchen, der diesen Part für mich übernimmt. Eine Assistentin oder ein Assistent, die/der genau diese Eigenschaften als Stärke mitbringt, kann mich als Führungskraft erfolgreich ergänzen.

Erschienen im DRUCKWERK
dem Kundenmagazin der
BWH GmbH Medien Kommunikation
Ausgabe 01/2007