Ohne Überzeugung ist Veränderung Kampf

Geschrieben von: Paula Bemmann-Wöschler (09.07.2008)

6:45 Uhr, der Wecker verheißt noch eine Viertel Stunde Schlaf, doch keine Chance. Ein erst zaghaftes, fragendes “Mau”, unterstützt von einem grummelnden Kollern, schwillt allmählich an zu einem fordernden, schrillen “Maaauuu”. Alle bisherigen Konditionierungsversuche auf den morgendlichen Weckerton für die Katz. Pünktlich, wie jeden Morgen – und natürlich vor der regulären Aufstehzeit – steht mein getigerter Mitbewohner an meiner Seite des Bettes. Ich tue noch fünf Minuten so, als ob ich schliefe, schließlich geht es um’s Prinzip, dann beginne ich den Tag.

7:00 Uhr, der Doseninhalt ist im Napf platziert und verschwindet hastig im Kater, mein Kaffee braucht noch zwei Minuten, genauer gesagt, eine Zigarettenlänge... Aber ich bleibe standhaft! Schließlich habe ich die körperliche Abhängigkeit längst hinter mir. Mir geht's so gut! Ich fühle mich wahnsinnig gesund und kann wieder frei durchatmen! Neulich habe ich sogar ohne Keuchen den Treppenmarathon in die Dachwohnung von Freunden geschafft. Ich muss nur positiv denken, schließlich verliere ich ja nichts, sondern gewinne ganz viel dazu – ääähm, einen höheren Geschmackssinn, zum Beispiel. Ich höre meine Finger auf der Tischplatte trommeln, als meine Gedanken jäh vom Wetterbericht unterbrochen werden. “...sinkende Temperaturen und Regen ab spätestens übermorgen...” – der Tag fängt ja gut an! Glücklicherweise bin ich heute Abend bereits verabredet, bei den diesjährigen ständigen Wetterumschwüngen will ich jeden trockenen Sonnenstrahl nutzen. Den Blick vom Biergarten über Baden-Baden werde ich so richtig genießen.

20:00 Uhr, alle Tische sind schon rappelvoll, die ganze Stadt scheint sich heute hier versammelt zu haben. In der hintersten Ecke erblicke ich noch zwei freie Plätze. Geschafft! Nach einem kurzen Sprint – jetzt gar kein Problem mehr für mich – gekrönt mit einem vorschießenden Blätterzweig, ein winziges Siegeslächeln unterdrückend und noch leicht außer Atem, studiere ich erst einmal die Getränkekarte. Hoffentlich findet mich Tina hier.

20:10 Uhr, die Bedienung hat sich bis zu mir vorgekämpft. Nach kurzem Zögern entscheide ich mich für ein großes Pils, wohlwissend, dass dazu hervorragend eine Zigarette passt. Wenn schon harte Konfrontation, dann richtig! Wo Tina nur bleibt?

20:20 Uhr, mit einem riesigen Tablett voller Kaltgetränke taucht die Kellnerin kurz vor mir auf, um mich sogleich allein mit meinem Bier zurückzulassen. Nun denn, der erste Schluck geht runter wie Öl. Noch im Absetzen umschmeichelt meine Nase ein angenehmer Duft. Angewidert taxiere ich die köstlichen Glimmstengel, die in regelmäßigen Abständen in fröhlich plappernde Münder der ausgelassenen Truppe neben mir verschwinden. “Bah!”, denke ich voller Ekel, “gerade bahnen sich Feinstäube von 2,5 Mikrometern bis 100 Nanometern Größe ihren Weg in eure Lungenbläschen.” Mein Herz fängt an zu pochen. Ich ertappe meine schnüffelnde Nase beim Versuch, einige der nicht haften gebliebenen klitzekleinen Schwebeteilchen zu erhaschen. Jetzt brauche ich dringend eine Ablenkung.

20:25 Uhr, endlich, meine Rettung naht! Tina schwebt heran, in der Hand eine nagelneue, frisch gezogene, prall gefüllte Schachtel meiner Lieblingsmarke. Sie habe etwas zu feiern, eröffnet sie mir und hält die volle Schachtel fragend vor meine Nase. “Toll”, antworte ich, “ich auch!”, und greife nach meinem Bier.

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