ÜberLebensZeit, Teil 2: Neue Ideen entstehen aus Krisen

Geschrieben von: Michael Blochberger (07.05.2005)

Nach der Übernahme des Traditionsunternehmens Eduscho durch die Firma Tchibo im Jahr 2001 erhalten viele Mitarbeiter ihre Kündigung, unter anderem auch zwei erfahrene Kaffeeexperten. Trotz ihrer Erfahrung sehen beide Spezialisten keine Chance mehr, eine vergleichbare Anstellung in der desolaten Kaffeebranche zu bekommen. Aber beide wollen sich nicht in das Schicksal der Arbeitslosigkeit fügen. Stattdessen setzen sie sich zusammen und brüten eine neue Idee aus: Nach dem Vorbild der so erfolgreichen Brotbackmaschinen wollen sie einen Mini-Kaffeeröster für den Hausgebrauch entwickeln. Sie investieren ihre Abfindungen, belasten ihre privaten Wohnhäuser und investieren ca. 1 Million Euro in diese Idee.

2 Jahre später gewinnt der Prototyp auf der Neuheitenmesse in Nürnberg die Goldmedaille. Inzwischen ist ein Patent auf die Maschine erteilt worden und die ersten 1000 Exemplare sind verkauft. Keine Wundergeschichte nach amerikanischem Vorbild, aber ein Beispiel dafür, wie aus Krisen neue Ideen und Chancen entstehen - nicht nur für seltene Genies sondern für ganz "normale" Menschen. Denn die zwei Kaffeespezialisten sind keine kreativen Tüftler oder risikogewohnte Unternehmer, sondern ganz bescheidene und erfahrene Angestellte. Ohne das Krisenszenario der bevorstehenden Arbeitslosigkeit hätten sie keinen Impuls verspürt, ihre Sicherheit aufzugeben und diesen mutigen Schritt zu tun.
 
Die Krise ist keine Garantie für den späteren Erfolg, aber der entscheidende Impuls, ernsthaft etwas zu verändern. Solange wir uns in Sicherheit wähnen, solange es uns gut geht, unterliegen wir dem starken Drang, alles zu bewahren und an dem scheinbar bewährten Denken und Handeln festzuhalten. Das ist ein ganz menschlicher und verständlicher Zustand, den wir im Privaten wie im Beruflichen beobachten können. Aber er birgt ein latentes, schleichendes Risiko: durch eine dauerhaft konservative Einstellung drohen wir in unserem Verhalten zu erstarren und die Notwendigkeit von Veränderung zu missachten. Je zwanghafter wir an alten, ehemals bewährten Mustern festhalten, desto stärker wird unser "Tunnelblick", durch den wir die Chancen übersehen, denen wir täglich begegnen.
 
Die Krise ist also nichts Böses. Sie ist vielmehr eine gute Freundin, die uns den Mut geben kann, uns zum Positiven zu verändern! Gerade in Niederlagen liegt die Chance, zu sich selbst, den inneren Werten und der existenziellen Stärke zurückzufinden, die wir für neue Erfolge benötigen. Was wir in erster Instanz dazu benötigen, ist nichts weiter als die Bereitschaft, die Chance zu ergreifen.
 
Dann gilt es, eine persönliche Bilanz zu ziehen: Wir fragen unser ganzes komplexes Wissen ab. Wir erkennen verborgene, bisher ungenutzte Fähigkeiten. Wir erkennen in unserer Unzufriedenheit tiefe persönliche Bedürfnisse, Sehnsüchte, Ziele. Wir finden diese Wünsche in der Gesellschaft wieder, können daraus Trends und Marktchancen ableiten. In den Schnittpunkten von persönlicher Kompetenz und gesellschaftlichem Bedürfnis entstehen die neuen Ideen. So wie bei unseren Kaffeeexperten, die vielleicht ihre persönlichen Ansprüche an hochwertigen Kaffeegenuss von den Kaffeekonzernen nicht mehr erfüllt sahen und dafür im Markt ihre Chance witterten.
 
Durch die persönliche Bilanz lernen wir auf bewusste Weise, wozu wir fähig sind, was uns gut tut und was uns schadet. Daraus resultiert die Fähigkeit, persönliche Stärken und Schwächen zu verstehen und zu akzeptieren. Dieses Verständnis führt zu dem Gefühl für den eigenen Wert und die eigene Würde. Dieser Wert ist Maßstab für das eigene Fühlen, Denken und Handeln. Wenn meine Entscheidungen aus mir selbst heraus erfolgen, also durch mich selbst, fühle ich mich als ureigener Quell meines Tuns. Ich fühle mich als Chef meines Verhaltens, weil ich eine Klarheit in mir spüre, die sich aus meiner Wahrnehmung und meinem Bewusstsein speist. Ich kann mir mein eigenes Urteil bilden, weil ich über eigene Parameter verfüge.
 
Vielen Menschen fällt ein solches Denken aber schwer. Sie neigen dazu, die ersten "Vorboten" von Krisen schönzureden, wegzuschauen oder mit Schuldzuweisungen zu reagieren. Wenn das Alte aber unweigerlich zu Ende ist, wenn der Abschied vom bisherigen Status nicht mehr aufzuhalten ist, tut sich für sie ein Abgrund auf, aus dem sie eigenständig nicht mehr herausfinden. Sie erleben die Krise als persönliche Niederlage, auf die sie mit verstärkter Passivität bis hin zur Depression reagieren. Sie fühlen sich in solchen Situationen hilflos, unfähig pro-aktiv zu handeln, das heißt, die Verantwortung für sich und ihr Leben anzunehmen. Was kann man tun, wenn man zu solch reaktivem Denken neigt? Wie kann man reaktiven Menschen helfen, aus Krisen herauszufinden?
 
Die Relativität der Werte und die Sinngebung
 
Wer bisher immer nur auf äußere Impulse und Reize reagiert hat, ohne zu wissen, was er eigentlich für Ziele hat, ist ein fremdbestimmtes Leben gewohnt. Er lässt sich durch sein Leben treiben, wie ein Stück Holz auf dem Wasser, ein Spielball fremder Interessen und Konditionierungen. Solche Menschen fühlen sich in der Regel unfrei, abhängig und fremdbestimmt, weil sie nur nach den Bedürfnisse anderer handeln. Sie reagieren nur, statt ihr Leben aktiv in die Hand zu nehmen, machen andere für ihre Situation verantwortlich und beklagen sich darüber. Sie in ihrer Rolle zu bestärken, sie zu bemitleiden oder sie trösten zu wollen, bestärkt sie nur in ihrer destruktiven Haltung. Sinnvoller ist es, sie erkennen zu lassen, dass sie die Ursache ihres Unwohlsein in sich selbst suchen müssen.
 
Wie Vieles im Leben sind auch re-aktive Verhaltensmuster in erster Linie durch die Einstellung des Menschen bestimmt und diese Einstellung basiert auf jahrelang antrainierten Denkmustern und Glaubenssätzen, die man nicht auf Anhieb umkehren oder richtig stellen kann. Wer jahrelang das Glas als "halbleer" gesehen hat, hat Schwierigkeiten, es ab morgen als "halbvoll" zu bewerten - selbst wenn er den Vorteil einer veränderten Perspektive erkennt.
 
Erst durch tiefgreifende emotionale Erlebnisse, wie sie in Persönlichkeitstrainings möglich sind, lernt das Unterbewusstsein, seine Einstellung zu den Dingen zu verändern. Oft sind es individuelle, kleine Details, die eine positive Herangehensweise verhindern, die aber im spielerischen Umgang mit Aufgaben als destruktiv erkannt und durch konstruktive ersetzt werden können.
 
Ein Beispiel aus einem meiner letzten Trainings macht das deutlich: Ein Teilnehmer klagte über seine niedrige Frustrationstoleranz und das starke Bedürfnis nach Anerkennung durch seine Kollegen. Bei der Durchführung verschiedener Übungen erkannte er die Ursache hierfür selbst: Er tendierte dazu, seine Projekte mit hohen Zielvorgaben auf breiter Front zu starten und übersah dabei die kleinen Details. So nahm er sich selbst die kleinen Erfolgserlebnisse und die Motivation, die nötig gewesen wäre, kleine Niederlagen zu überstehen und seine Aufgaben letztendlich erfolgreich zu beenden.
 
Seine Schlussfolgerung aus einer symbolischen Niederlage war konsequent und richtig: Er musste lernen, nicht nur das große Ganze zu verfolgen, sondern auch die Details zu achten und wertzuschätzen. Erst durch das Relativieren seiner Wertevorstellungen war er nicht mehr Opfer seiner eigenen Ansprüche sondern konnte pro-aktiv Entscheidungen revidieren, sein Handeln den Umständen entsprechend anpassen und wieder erfolgreich sein.
 
So sind es oft die persönlichen Wertevorstellungen, die unser Handeln positiv oder negativ beeinflussen. Alte, überholte Wertevorstellungen zu erkennen und zu bearbeiten ist ein wichtiger Schritt, Krisen zu überwinden und die Kraft für einen Neubeginn zu finden.
 
Wer einseitig nur für materielle Werte und Sicherheit gelebt hat, verliert in der Krise schnell den Sinn seines Tuns. Plötzlich muss der Mensch erkennen, dass ihm die Maßstäbe verloren gehen, wenn der finanzielle Erfolg ausbleibt. Was soll ihn motivieren, wenn der Lohn fehlt? Woran will er messen, was gut oder schlecht ist? Es ist die Chance, die ideellen Werte wiederzuentdecken. Sie geben dem Leben wieder einen Sinn, auch ohne die gewohnte materielle Sicherheit. Sie schaffen neue Regeln, nach denen man Entscheidungen fällen und sein Handeln orientieren kann. Es gilt, die Grundwerte für ein erfülltes und befriedigendes Handeln zu entwickeln.
 
Das ist nicht einfach, weil man dazu erst einmal herausfinden muss, was einem persönlich im Leben am wichtigsten ist. Jeder Mensch ist ein ganz eigenes Individuum mit unterschiedlichen Erfahrungen und differenzierten Bedürfnissen. Aufgrund seiner persönlichen Lebensmuster und Charakterzüge setzt jeder andere Prioritäten, um zufrieden und glücklich zu werden. Dass Geld allein nicht glücklich macht, haben wir schon erkannt, aber woran erkennt man, was einem persönlich besonders wichtig ist? Der erste Schritt liegt in der Selbstbeobachtung und der Selbstreflexion. Ich muss hinterfragen, was mir in meinem Leben besonders wertvoll ist. Worauf möchte ich auf keinen Fall verzichten?
 
Bemühen wir nochmals das Beispiel unserer beiden Kaffeeexperten aus Bremen:
Für diese Männer hat Kaffee einen besonderen Wert. Sie haben ihr ganzes Leben lang ein komplexes Wissen über Kaffeequalitäten, Röstverfahren und Marktbedingungen gesammelt. Sie mussten den jahrelangen Niedergang unserer "Kaffeekultur" beobachten, den Preisverfall, den Qualitätsschwund, den Verdrängungswettbewerb. Letztendlich wurden sie selbst zum Opfer dieser Entwicklung. Was ihnen geblieben ist, ist der hohe Wert, den sie dem Kaffee entgegenbringen. Der Glaube an diese Werte gibt ihnen den Mut, ein so hohes Risiko einzugehen und einen unbändigen Willen, dem Kaffeegenuss zu neuem Wert zu verhelfen. Aber diese starke Überzeugung motiviert nicht nur sie selbst, sie ist gleichzeitig auch das Hauptverkaufsargument für das Produkt! Der Kunde kauft nicht nur einen "Heimröster", er investiert in Werte. Er solidarisiert sich mit zwei Außenseitern gegen ein Kaffeemonopol - für Qualität und Selbstbestimmung.
 
Dieses Beispiel macht deutlich, wie wichtig ideelle Werte für den Erfolg einer Idee sind. Materielle Ansprüche stehen dem Erfolg eher im Wege. Erst durch Werte wird eine Idee zur ideellen Größe. Sie geben ihr Sinn und Kraft zur Durchsetzung. Der pro-aktive Mensch macht sich deshalb nicht von materiellen Werten abhängig, sondern macht seine ideellen Werte zum Maßstab seines Handelns. Sie geben ihm die Sicherheit, auf dem richtigen Weg zu sein und helfen ihm, Niederlagen zu überstehen.

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