Mit der Kraft der Fantasie zur eigenen Vision

Geschrieben von: Michael Blochberger (13.03.2005)

In Trainings und Workshops beobachte ich Mitarbeiter aber auch Führungskräfte, die große Schwierigkeiten haben, einen konkreten Weg in die Zukunft aufzuzeigen. Dabei fehlt es ihnen nicht unbedingt an Fantasie, vielmehr trauen sie sich nicht, ihre persönlichen Vorstellungen in eine konkrete Planung umzusetzen. Sie haben gelernt, Emotionales und Rationales strikt zu trennen. Oft haben sie eine Angst entwickelt, ihre Fantasie im beruflichen Umfeld einzusetzen, weil sie fürchten, als Traumtänzer zu gelten. Sie verstehen sich als Realisten und halten Träumer für lebensuntüchtige Menschen.

Damit beschneiden sie sich entscheidend in der Ausübung ihrer Aufgaben. Denn gerade die Verbindung emotionaler Vorstellungskraft mit rationalem Denken schafft die Energie, die nötig ist, um neue Ideen zu entwickeln, sich selbst und andere zu begeistern und Menschen an große Herausforderungen heranzuführen. Ohne die Vorstellungskraft, den Mut und die Ver-Rücktheit kreativer Menschen würde alles beim Alten bleiben. Es gäbe keine Innovationen, keine Erneuerung und keinen Fortschritt, weil wir in den engen Grenzen des Gestern verharren würden.

Schon der römische Dichter Vergil wusste: "Der Geist bewegt die Materie" und beschrieb damit die kaum erklärbare Kraft unserer Gedanken. Das Phänomenale an der Kraft des Geistes ist, dass die geistige Vorstellungskraft sich scheinbar unabhängig von der Realisierbarkeit der Zukunftsbilder entwickelt. Erst die Idealisierung und damit die Emotionalisierung eines möglichen oder unmöglichen Zieles schafft in uns die Motivation, uns auf den Weg zu machen - unabhängig davon, ob und wann wir ankommen.
 
Ein nachhaltiges und emotional tragendes Zukunftsbild nennen wir eine Vision. Sie verbindet das konkrete "Was" mit den ideellen Faktoren des "Wie" und "Warum". Diese Faktoren sind für ein solidarisches Handeln viel entscheidender als das Ziel an sich. Sie geben dem Ziel eine übergeordnete Tragweite, einen ideellen Sinn, und sorgen für Einsicht in die Einhaltung gemeinsamer Spielregeln. Visionäre sind deshalb Menschen, denen es gelingt, konkrete Ziele mit den Sehnsüchten der Menschen zu verknüpfen. Sie verstehen, das Emotionale mit dem Rationalen zu verbinden und achten den Träumer ebenso wie den Realisten.
 
Wer eine eigene Vision sucht, sollte sich im ersten Schritt die Rolle des Träumers zu eigen machen und seiner Fantasie freien Lauf lassen. Gehen Sie Ihr Thema von verschiedenen Seiten an! Sammeln Sie so viele Ideen wie möglich, unabhängig von ihrer Realisierbarkeit! Lassen Sie sich von anderen inspirieren! Fragen Sie sich, wo Ihre Fähigkeiten, Bedürfnisse und Sehnsüchte liegen! Was schätzen Ihre Freunde an Ihnen? Was motiviert Sie besonders stark? Worin waren Sie besonders erfolgreich? Halten Sie alle Informationen fest, sortieren Sie diese, malen sie Bilder, deuten Sie Ihre Träume! Aber zwingen Sie sich nicht zu einer frühen Entscheidung!
 
Die wichtigste Regel in kreativen Prozessen ist, sich in keiner Weise einzuschränken oder einzuengen. Kreativität kennt keine Grenzen, keine Verbote und keinen Zeitdruck. Nur wer seine Träume frei lässt, kann sich von ihnen inspirieren lassen. Walt Disney hat dafür extra einen Raum bauen lassen, in dem seine Mitarbeiter abgeschieden von der Außenwelt ungestört neue Ideen spinnen dürfen. In diesem Raum darf nicht kritisiert oder bewertet werden und es wird auch nicht darüber nachgedacht, wie man die Ideen realisieren kann. Das erfolgt erst, wenn eine oder mehrere wirklich begeisternde Ideen entstanden sind, die die emotionale Stärke haben, andere mitzureißen - in einem anderen Raum.
 
In dieser zweiten Phase einer Visionsentwicklung kommt der Realist zum Zuge. Er überprüft, ob die Ideen den alltäglichen Anforderungen standhalten: Ist Ihre Vision attraktiv und logisch vorstellbar? Ist Ihre Vision in Ihrem Umfeld realisierbar? Woran machen Sie den Erfolg Ihrer Vision fest? Welche Mittel, Fähigkeiten und Erfahrungen benötigen Sie dazu? Was müssen Sie zu welchem Zeitpunkt tun, um Ihre Vision umzusetzen? Wie gehen Sie mit Risiken und Rückschlägen um? Usw.
 
Wenn Sie auf alle Fragen eine positive Antwort haben, versuchen Sie, Ihre Vision in wenige prägnante Worte zu fassen. Formulieren Sie einen konkreten, inhaltsreichen Satz, der Ihr Zukunftsbild beschreibt, als würde es bereits heute existieren, um die autosuggestive Kraft zu verstärken! Vermeiden Sie alle ausweichenden Floskeln wie: Man, wenn, falls, wollte, würde, könnte oder dürfte! Beginnen Sie den Satz mit ICH oder WIR (für ein Team)! Zum Beispiel: Ich bin ... Ich lebe für ... Meine Vision ist ...
 
Mit diesem ersten Kernsatz sollten Sie selbstkritisch umgehen. Überprüfen Sie immer wieder, ob er Ihren Wünschen und den realistischen Bedingungen gerecht wird. Beides muss in Ihrer Vision vereint sein: Ist Ihre Vision Ausdruck Ihrer tiefsten Bedürfnisse? Kann Ihre Vision für Sie und Ihr Umfeld Vorbild und Energiequelle sein? Sind Sie noch auf dem Weg, ihre Vision zu realisieren? Handeln und entscheiden Sie nach den Maximen Ihrer Vision? Wenn Sie eine dieser Fragen nicht mit Ja beantworten können, so sollten Sie Ihre Vision noch einmal überdenken und einem neuen kreativen Prozess unterziehen.
 
Wie alles im Leben ist auch eine Vision eine lebendige Sache, die sich der Zeit und den sich ändernden Bedingungen anpassen sollte. Dazu gehört auch, neue Beziehungen, neue Erkenntnisse, neue Ideen in die bestehenden Vorstellungen einfließen zu lassen. Das geschieht selbstverständlich nicht automatisch, es bedarf einer offenen Wahrnehmung, einer selbstkritischen Einstellung und der Bereitschaft zur Veränderung.
 
Der pro-aktive Mensch ist dazu bereit. Er nutzt die Kraft der Visionen und des positiven Denkens. Im Umgang mit Problemen ist er nicht auf Klagen und Kritik fixiert, sondern er denkt und handelt ergebnis- und lösungsorientiert. Probleme sind für ihn kein Hindernis, sondern eine Herausforderung auf dem Weg zur Umsetzung. Rückschläge sind für ihn kein Grund aufzugeben, sondern höchstens Ansporn, aus Fehlern zu lernen und wenn nötig, seinen Weg zu korrigieren. Von daher ist er offen, flexibel und lernfähig - die besten Voraussetzungen, sein Leben in die eigene Hand zu nehmen und glücklich zu werden.