Wie konstruktiv sind Gefühle am Arbeitsplatz?

Geschrieben von: Michael Blochberger (06.11.2003)

Eines unserer dümmsten und hartnäckigsten Vorurteile zeigt sich in der Aussage: "Gefühle haben am Arbeitsplatz nichts zu suchen." Das Gegenteil ist der Fall: Gefühle sind bei allem, was wir tun, im Spiel, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Jede berufliche Entscheidung, jede geschäftliche Beziehung, jedes Mitarbeitergespräch wird von Gefühlen gesteuert. Gefühle bestimmen unser Handeln, im Privaten wie im Beruf.

Unser Anliegen muss daher sein, Gefühle am Arbeitsplatz kontrolliert zuzulassen, da es nicht gelingen wird, sie auszuschließen und sie konstruktiv einzusetzen. Das heißt, die Kraft der Emotionen zur Unterstützung, zur Motivation und zur Führung von Mitarbeitern und Kollegen zu nutzen, ohne destruktive Emotionen überhand nehmen zu lassen. Goleman hat das Emotionale Intelligenz genannt.
 
Wie erfolgreich das sein kann, belegen die Unternehmen, die in ihrer Unternehmenskultur emotionale Faktoren eingebunden haben und pflegen. Ich selbst habe einige solche Unternehmen über Jahre kennenlernen und begleiten dürfen. Eines war allen gemeinsam: Sie pflegen eine offene, angstfreie Kommunikation, die den Umgang mit Gefühlen in einem kontrollierten Rahmen zulässt. Die Folgen sind ein gutes Betriebsklima und hohe Mitarbeitertreue.
 
Das macht eines deutlich: Die langfristige Bindung an ein Unternehmen ist immer auch von emotionalen Faktoren bestimmt. Gerade im Mittelstand ist zu beobachten, dass der Inhaber/Geschäftsführer einen großen Einfluss auf die Arbeitsatmosphäre ausübt und der Führungsstil oft emotional geprägt ist. Selbst wenn der Boss sich gelegentlich durch emotionale Ausrutscher unbeliebt macht, ist im Schnitt die Mitarbeitertreue hier höher als in technokratisch geführten Unternehmen.
 
Diese Beobachtung lässt zwei Schlussfolgerungen zu:
 
1. Das Vorhandensein von Emotionen im Arbeitsumfeld sorgt für Bindung. Viele Mitarbeiter suchen im Unternehmen Halt und Lebensinhalt. Diese Sicherheit finden sie in der emotionalen Solidarität mit Chef oder Kollegen eher als im "Jeder-gegen-jeden" eines rein rational geführten Unternehmens.
 
2. Wer als Führungskraft seine Gefühle einbringt, baut bei seinen Mitarbeitern Vertrauen und emotionale Bindung auf, ganz wie in einer privaten Beziehung. Ein emotionaler Chef wirkt authentisch und somit glaubwürdiger als der "kalte" Kollege. Es entsteht ein Vertrauenskonto, das auch einmal belastet werden kann, z.B. wenn die Führungskraft aus gegebenem Anlass einmal "ausrastet". Wichtig ist nur, dass man dieses Konto "im Plus führt", das heißt, die vertrauensbildenden Aktivitäten müssen überwiegen! (Vergleiche: Stephen Covey, Die sieben Wege zur Effektivität)
 
Wenn wir das Vorhandensein von Emotionen am Arbeitsplatz zunächst als nicht schädlich akzeptieren, fällt es leichter, die eigenen Gefühle zu akzeptieren und uns darin zu üben, sie gezielt einzubringen. Die Frage bleibt, wie kann das konstruktiv geschehen?
 
Hinterfragen wir einmal die klassischen Kommunikationsregeln, so erkennen wir, dass jede Äußerung gegenüber anderen vier verschiedene Kommunikationsebenen beinhaltet: Eine sachliche Information, eine emotionale Anspielung auf die Beziehung, eine Selbstauskunft über den eigenen emotionalen Zustand und einen Appell - das, was mit der Aussage erreichen werden soll. Wir erkennen deutlich, dass wir unsere Stimmungen nicht verbergen können, sondern dass sie in allem, was wir sagen, mitschwingen.
 
Daraus folgt, dass es ehrlicher und erfolgreicher ist, wenn wir mit offenen Karten spielen und unsere Gefühle nicht subtil in der Kommunikation verstecken, sondern sie offensiv und direkt äußern. Damit ist nicht gemeint, Gefühle am anderen auszutoben, sondern das kontrollierte Ansprechen der latenten Konflikte. Die offene Äußerung gibt dem Empfänger die Sicherheit des Verstehens. Er ist nicht auf die Interpretation einer subtilen Wortwahl, zweideutiger Bilder oder einer warnenden Betonung angewiesen. Missverständnisse werden vermieden und jeder erhält die Chance, angemessen zu reagieren.
 
Wem es gelingt, im offenen Dialog Ängste, Befürchtungen zum Ausdruck zu bringen, ohne sein Gegenüber zu verletzen oder in die Defensive zu treiben, schafft automatisch eine emotionale Bindung zum Gesprächspartner, die seinem Anliegen eher förderlich ist statt es zu behindern.
 
Vielleicht fürchten Sie: Wenn ich meine Gefühle am Arbeitsplatz offenlege, zeige ich eventuelle Schwächen. Ich mache mich verletzbar. Mitarbeiter oder Kollegen werden das ausnutzen und gegen mich verwenden. Aus eigener Erfahrung kann ich Ihnen versichern: Das Zeigen von Gefühlen an sich ist nicht zu Ihrem Nachteil. Menschen reagieren glaubhaften Gefühlen gegenüber hilfsbereit und solidarisch, solange sie ehrlich vorgetragen werden.
 
Wenn die Offenheit von Menschen missbraucht wird, dann liegt es an der Art und Weise, wie sie geäußert wird. Sind die Gefühle Ausdruck einer devoten Haltung, sind sie Mitleid heischend oder manipulierend, so provozieren sie zum Widerstand. Werden Sie aber selbstbewusst und klar zum Ausdruck gebracht, sind sie nicht nur überzeugend, sondern auch entwaffnend. Entscheidend ist nicht das Gefühl an sich, sondern ob es Ihnen gelingt, den Sinn Ihrer Gefühlsäußerung zu vermitteln.
 
Eine der erfolgreichsten Techniken ist die Ansprache in so genannten "ICH-Botschaften". Deren Ziel ist es, Vorwürfe, die zur Konfrontation führen können zu vermeiden. ICH-Botschaften verhindern Aussagen wie zum Beispiel: "DU bist so blöd! Seit Monaten machst du immer noch den gleichen Fehler!", die eine destruktive Reaktion provozieren und die Gefühle nur versteckt zum Ausdruck bringen.
 
ICH-Botschaften beinhalten drei wichtige Elemente:
  1. Ein Statement zum gegebenen Anlass,
  2. eine Aussage zu IHREM aktuellen Gefühl und
  3. eine Äußerung zur erwarteten Konsequenz.
Das oben erwähnte Beispiel als ICH-Botschaft formuliert könnte lauten: "ICH beobachte, dass du immer noch den gleichen Fehler machst. Ich merke, wie sehr mich das enttäuscht. Und ich frage mich, wie willst du jemals auf deinem Posten erfolgreich sein, wenn du nicht aus deinen Fehlern lernst?"
 
Der Unterschied liegt darin, dass die persönliche Betroffenheit in den Mittelpunkt gestellt und die Konsequenz aus dem Fehlverhalten aufgezeigt wird. Und die Chance, etwas zu bewegen, steigt mit der Intensität des emotionalen Inputs, weil Emotionen rationale Abwehrmechanismen beim Zuhörer leichter überwinden helfen.
 
Auch wenn es zunächst schwierig scheint, die eigenen Gefühle in kontrollierte ICH-Botschaften zu verpacken, versuchen Sie es einmal! Die ersten Erfolge werden Ihnen helfen, Ihre Gefühle auch im Beruf konstruktiv einzusetzen. Mit jeder erfolgreichen ICH-Botschaft bauen Sie Ihren inneren emotionalen Druck ab. Sie werden seltener Ihre Fassung verlieren und lernen, gelassen mit Ihren Gefühle umzugehen.
 
Tipp 1: Bringen Sie Ihre positiven Gefühle so oft wie möglich zum Ausdruck. Zeigen Sie Ihre Zufriedenheit an der Leistung anderer. Spenden Sie Lob, zeigen Sie Ihren Optimismus, verbreiten Sie Zuversicht. Nichts ist motivierender, als Freude, Erfolg, Stolz oder Begeisterung mit anderen zu teilen.
 
Tipp 2: Achten Sie darauf, dass Sie nicht persönlich werden oder andere verletzen, wenn Sie Kritik üben. Halten Sie sich mit Gefühlsausbrüchen aus Wut oder Enttäuschung dort zurück, wo sie sich oder anderen schaden könnten. Das Zeigen von Emotionen wie Enttäuschung oder Verletzungen ist sinnvoll, wenn es gleichzeitig die eigenen Ängste und Konsequenzen einer fehlerhaften Handlung aufzeigt (ICH-Botschaften).
 
Tipp 3: Ein Wutausbruch kann zielführend sein, wenn er authentisch als direkte Reaktion auf einen aktuellen Anlass erfolgt und vom Empfänger nachzuvollziehen ist. Diese Karte sollte aber nur dann gespielt werden, wenn eine besondere Gefährdung oder ein grober Fehler vorliegt und man emotional aufrütteln muss.
 
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