Konkurrenz und Kooperation am Arbeitsplatz

Geschrieben von: Paula Bemmann-Wöschler (04.06.2007)

„Wie findest Du das? Rivalitätsfähigkeit ist Sozialkompetenz!“, herausfordernd schaut mir mein Kollege Hans ins Gesicht. Toll, gleich am frühen Morgen provozieren. Ärger steigt in mir hoch. „Typisch Mann!“, platzt es entrüstet aus mir raus, „Kooperatives Miteinander ist sozial kompetent! In unserer stressigen und leistungsorientierten Zeit sollte man gerade…“, weiter komme ich nicht. Die Aufmerksamkeit von Hans wird in voller Gänze von unserer neuen, an der offenen Bürotür soeben vorbei schlendernden, Kollegin absorbiert.

Blond, klug, attraktiv und auch noch charmant selbstbewusst – einfach eine explosive Mischung, die Männer wie Hans und Frauen wie mich zum Kochen bringt, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. „Dein taxierender Blick spricht Bände, meine Liebe.“, Hans ist wieder ganz bei mir. „Spüre ich da nicht ein klein wenig Rivalität?“
 
„Ja, es stimmt.“, gebe ich innerlich zu, immerhin habe ich erst neulich die Forschungsergebnisse von einem gewissen Prof. Brinkmann gelesen. Demnach bin ich als Frau (und das glaubt mir wiederum wohl kein Mann, wenn ich es nicht schwarz auf weiß hätte) im Durchschnitt mein Leben lang wettbewerbsorientierter als ein Mann. Und wenn ich mich mit meinem lieben Kollegen Hans vergleiche, habe ich als etwas über 30 Jährige eine fast doppelt so hoch ausgeprägte Wettbewerbsorientierung wie er mit seinen über 50.  
 
Konkurrenz oder Wettbewerb klingt auch irgendwie „angenehmer“ als Rivalität, Wettkämpfer „besser“ als Rivale. Woher kommt eigentlich das Wort Rivale? Von rivalis, dies ist wiederum abgeleitet von rivus und bedeutet Wasserrinne bzw. Bach (Erstaunlich, die Paukerei für´s Latinum trägt ab und zu doch noch ihre Früchte.). Dann meint Rivale den „Bachnachbarn“ also einen Mitberechtigten an der Nutzung eines Wasserlaufes. Konkurrenz und konkurrieren bedeutet, mit anderen in einen Wettbewerb treten bzw. sich mit anderen um etwas bewerben. Auf den Bachnachbarn bezogen, wird also um die Vorrangstellung um das begrenzte Gut Wasser gewetteifert. Demnach kann Rivale mit Konkurrent und Wettkämpfer gleichgesetzt werden.
 
„Zum Glück siehst Du mich nicht als Rivalen“, versucht Hans mich aus meinen Gedanken zu holen. Noch bevor ich diese Erkenntnis auf seine Empathie zurückführen könnte, erklärt er mir, je unähnlicher und weniger vergleichbar der Erfahrungs- und Wissenshintergrund ist, desto weniger ziehen wir Vergleiche und rivalisieren miteinander. Dennoch möchten wir beide voneinander anerkannt werden. Als Frau messe ich mich stärker mit meinen blonden, klugen, attraktiven und charmant selbstbewussten Kolleginnen, wie eben gut zu sehen war. Rivalität tragen wir Frauen vorrangig über die Beziehung aus. Mein Kollege Hans bevorzugt als Mann dagegen, Rivalität mit anderen über Leistung auszutragen. Dass Männer ihre Anerkennung hauptsächlich über Leistung anstreben und Frauen über Beziehungen, hat wiederum evolutionäre und erzieherische Ursachen. Allerdings nähern sich weibliche Jugendliche dem männlichen Geschlechterstereotyp. Junge Menschen, so die 14. Jugend-Shell-Studie von 2002 sind ehrgeiziger geworden und besitzen eine positive Einstellung gegenüber Leistung, Wettbewerb und Rivalität.
 
Wir „älteren“ Frauen sehen dagegen bei Konkurrenz, Hierarchie und Machtposition oft nur die negative Seite und setzen daher meist stärker auf so genannte weibliche Qualitäten wie beispielsweise Solidarität, Gleichheit, Engagement, Gemeinschaft.
 
Aufgewachsen mit sozialisierten Glaubenssätzen wie „Du darfst nichts fordern.“, „Nimm Dich zurück.“ oder „Das Wohl aller ist wichtiger als das Ich.“, fehlt vielen von uns die Erfahrung, dass Rivalität auch positive Seiten hat.  
 
Zumal Rivalität zum Menschsein gehört und in allen Bereichen vorkommt. Sie ist ein menschliches Grundbedürfnis. Wir messen und vergleichen uns ständig miteinander, um Anerkennung und Feedback zu erhalten und um unsere Fertigkeiten fortwährend zu ver bessern. Rivalität hat als Grundstreben Überlegenheit zum Ziel. Herausgestellt werden und der/die Beste in einem Bereich zu sein – Hans und mir fallen gleich mehrere Begebenheiten ein, in denen jeder von uns dieses Bedürfnis schon einmal gefühlt hat, auch den Neid und die persönliche Enttäuschung, wenn ein Anderer uns diesen verdienten Platz vor der Nase weggeschnappt hat. Überlegenheit, nicht Vernichtung hat Rivalität also zum Ziel. (Denn wer würde uns zujubeln, wenn wir unsere Konkurrenten vorher zur Strecke gebracht hätten?) Wir behandeln Rivalität jedoch so, als ginge es um Vernichtung anderer. Daher sprechen wir auch nicht offen über unser Rivalisieren. Schlimmer noch, wir versuchen dieses natürliche Gefühl, teilweise mit Gewalt, zu unterdrücken oder gar zu verbieten (denn wir sind ja alle so harmonisch im Umgang mit einander und teamorientiert) und wundern uns anschließend, dass sich die aufgestaute Energie in Sticheleien, Intrigen im Verborgenen bis hin zum Mobbing und Sabotage entlädt.  
 
Dabei wird unsere seelische Gesundheit durch offene Auseinandersetzungen viel weniger belastet als durch verdeckte. Miteinander streiten, persönliche Gefühle ausdrücken und Interessen anmelden, auf seinem eigenen Standpunkt beharren, kontern, Alternativen aufzeigen, Gegensätze klar herausarbeiten, um dialektische Prozesse in Gang zu setzen führt dazu, dass Grenzen überschritten und neue Wege eingeschlagen werden können – unerlässlich für kreative, innovative Entwicklungen.  
 
Rivalitätsfähigkeit bedeutet fähig zu sein, die eigenen Interessen mit denen anderer auszuhandeln. Jede gelungene Beziehung (auch am Arbeitsplatz) ist gekennzeichnet durch eine Balance zwischen Anpassung und gleichzeitiger Selbstbestimmung – also Kooperation und Konkurrenz. Eine auf Fairplay ausgerichtete Konkurrenzkultur in der Abteilung fußt auf Vertrauen, Offenheit und gegenseitigen Respekt. Sie verbindet einen auf vereinbarten Regeln basierenden Wettbewerb mit Gemeinsamkeit und Kooperation. Gegenseitiger Ansporn und Mitziehen erhöhen die Leistungsmotivation und Produktivität. Wir sollten die Polarisierung von Kooperation und Konkurrenz als positiv und negativ ersetzen. Beide weisen Elemente des anderen auf, beide sind in unserem Miteinander gleich wichtig und sollten von uns gleichwertig behandelt und gleichermaßen als Sozialkompetenz gefördert werden.
 
Von der Diskussion haben Hans und ich beide heiße Ohren, aber unser neues Trainingskonzept zur Kooperations- und Konkurrenzfähigkeit am Arbeitsplatz steht! Am liebsten würden wir es mit dem Satz „Rivalitätsfähigkeit ist Sozialkompetenz!“ bewerben, heben uns dies aber als Opener für die Gruppengespräche auf. Schließlich wollen wir unsere lieben Vorgesetzten, Kollegen und Betriebsräte ja nicht gleich im Vorfeld verängstigen. Die richtige Provokation zur richtigen Zeit einzusetzen, zeugt schließlich auch von sozialer Kompetenz.
 
Literatur:
 
Prof. Dr. med. Brinkmann, Ralf (2007). Berufsbezogene Leistungsmotivation und Leistungs orientierung älterer Arbeitnehmer. Fachtagung: „Chancen für Ältere? Neue Forschungsergeb nisse zur Arbeitsmarktsituation Älterer“, 2. März 2007, Berlin.  
 
Nievergelt, Barbara (2004). Rivalität am Arbeitsplatz – eine empirische Untersuchung. 2. Studienarbeit an der Hochschule für Angewandte Psychologie Zürich.