Persönlichkeit und Aggression Teil 3: Der Depressive

Geschrieben von: Michael Blochberger (07.11.2004)

Unter den vier Charakter-Typen nach Fritz Riemann ist der Depressive ein durchaus sympathischer Kerl. Durch sein eher stilles und bescheidenes Verhalten ist er selten auffällig. Sein friedfertiger, liebenswerter Charakter sorgt dafür, dass er selten aneckt und von vielen akzeptiert wird. Er will es allen Recht machen und wird deshalb als anpassungsfähiger und pflegeleichter Mitarbeiter geschätzt.

Bemerkenswert ist die hohe Sensibilität des Depressiven, dessen feine Wahrnehmung und große Erlebnistiefe ihn zu einem empathischen und fürsorglichen Menschen machen. "Die Fähigkeit zur einfühlenden Identifikation, dazu also, einen anderen Menschen in liebender Zuneigung in seinem Wesen zu erfassen, und in transzendierender Teilhabe ihn mitzuerleben, ist für depressive Menschen besonders charakteristisch, und eine ihrer schönsten Eigenschaften." (1)

Diese hohe Qualität von Menschlichkeit macht den ausgewogenen Typen mit depressiven Zügen zu einem liebesfähigen, opferbereiten Wesen, das in der Hingabe Erfüllung findet und viel Zuwendung und Geborgenheit geben kann – auch weil er bereit ist, mit dem Partner Schweres zu ertragen.

In der Regel neigt der Depressive eher zum Träumen als zum Handeln. Fühlt er sich wohl, ist ihm seine starke Phantasie die wichtigste Energiequelle. Neue Ideen können ihn leicht beflügeln und einmal inspiriert, ist er in der Lage, andere zu begeistern und mitzureißen. Mehr als andere Typen sucht er die Harmonie und Geborgenheit der Gruppe, der er sich bis zur Unkenntlichkeit anzupassen weiß.

Die größte Schwäche des depressiven Typs liegt in seiner tiefen Angst, seine Aggressionen zu äußern. Sein unersättliches Bedürfnis nach mehr Zuneigung, Anerkennung und Geborgenheit verbietet es ihm, Konflikte einzugehen, sich aufrichtig zu streiten oder deutlich Position zu beziehen. Dahinter steckt die tiefe Angst, nicht mehr geliebt zu werden.

Dort, wo der Depressive sich durchsetzen sollte oder sich wehren müsste, entschärft er die Situation, indem er sie verharmlost oder umdeutet. Statt sich zu wehren, wenn er angegriffen wird, flieht er in gespieltes Desinteresse. Die Affekte, die er sich nicht erlaubt, kompensiert er durch ein Gefühl moralischer Überlegenheit. Doch ein solches Weltbild ist trügerisch und falsch. Ein Leben in totaler Harmonie ist Illusion.

Die Affekte und Aggressionen, die der depressive Typ sich nicht zugestehen darf, finden somit kein Ventil und führen zwangsläufig zu einem selbstquälerischen Verhalten. Er sieht sich als Opfer einer bösen und ungerechten Welt, in der es letztendlich aussichtslos ist, sich für die hehren Ideale einzusetzen. Nicht selten finden Neid und Verachtung auf indirektem Weg ihren Ausdruck, zum Beispiel in einem heimtückischen und hinterhältigen Verhalten.

Die häufigste Form der depressiven Aggression ist das Jammern, Klagen und Lamentieren über die Ungerechtigkeit in der Welt, die Rücksichtslosigkeit der Menschen und die eigene Überforderung. Überhaupt fühlt sich der depressive Typ oft überanstrengt, sieht nur das halb leere Glas und schiebt die Verantwortung den anderen zu. So versucht er mehr Aufmerksamkeit zu bekommen sowie Rücksicht und Anteilnahme von seinen Mitmenschen zu erzwingen, erreicht aber oft nur das Gegenteil.

Typisch für den Depressiven ist die allgemeinen Antriebsschwäche, die sich bis zur totalen Passivität steigern kann. Das ständige Zurückhalten des aufgestauten Hasses lässt Motivation und Lebensfreude wenig Raum , kann im Extremfall das Lebensgefühl des depressiven Menschen als Ganzes vergiften und richtet sich letztlich in selbstzerstörerischer Weise gegen die eigene Person. Das typische Selbstmitleid steigert sich dann über Selbstvorwürfe, Schuldgefühlen und Selbstbestrafung bis hin zu selbstzerstörerischen Krankheiten.

Im Berufsleben sind depressiv Veranlagte oft als angepasste Mitläufer zu finden. Sie zeichnen sich durch geringen Ehrgeiz und hohe Fehlzeiten aus. Die Leistungsträger dieses Typs dagegen neigen zu einer selbstzerstörerischen Arbeitsweise. Sie nutzen die an sie gestellten Anforderungen, die sie als zu hoch einschätzen, dazu, den Arbeitsprozess als Selbstbestrafung zu zelebrieren und suchen so die Anerkennung der Vorgesetzten.

Das Ziel des depressiv Veranlagten sollte sein, das nachzuholen, was ihm in der Kindheit verwehrt wurde: ein aus eigenen Impulsen handelndes Subjekt zu werden. Das heißt, die hohe Abhängigkeit von der Anerkennung und Zuwendung der Mitmenschen zu überwinden und sein eigenes ICH zu entwickeln. Ein wichtiger Schritt in diesem Prozess ist es, zu lernen, dass NEIN sagen und Grenzen setzen nicht zwangsläufig zum Liebesverlust führt.

Weiterhin geht es darum, einen natürlichen Umgang mit der Aggression zu entwickeln und konstruktive Aggressionen von destruktiven unterscheiden zu lernen. Wenn der depressiv Veranlagte erlebt, dass erst das Austragen von Konflikten zu echter Nähe und Anerkennung führt, hat er die Chance, zu einer starken und liebesfähigen Persönlichkeit zu reifen.

Vergleiche: