Keine Führung ohne Emotionalität
Geschrieben von: Michael Blochberger (11.07.2009)
Wie kann es nur dazu kommen, dass wir seit Generationen – besonders in Deutschland – davon überzeugt sind, dass Emotionen im Business nichts zu suchen haben, obwohl wir täglich das Gegenteil erleben? Wie kann es angehen, dass die Mehrzahl aller Führungskräfte auch heute noch glaubt, dass Gefühle unwichtig sind, obwohl Panik, Gier und Hass einen immer größeren und unkontrollierbareren Einfluss auf Wirtschaft und Management haben? Eine auf Angst bauende Mitarbeiterführung, ein hysterischer Aktienmarkt und ein von Gier bestimmtes Management machen uns zu Opfern einer Wirtschaft, die von Sachverstand und Logik spricht. Höchste Zeit zu lernen, mit Gefühlen verantwortungsbewusst umzugehen und Emotionen zu steuern.
Es ist verständlich, dass wir dazu tendieren, Führung mit rationalen und sachlichen Mitteln beschreiben und erklären zu wollen. Ich bin aber der Überzeugung, dass Führung eine zutiefst emotionale Sache ist. Führung entsteht seit Menschengedenken aufgrund ganz natürlicher Auswahlkriterien. Schon bei den meisten Herdentieren finden regelmäßige Zweikämpfe statt. Das erfahrenste und stärkste Tiere wird so zum Leittier. Es dient der Herde als Vorbild und gibt ihr durch sein Verhalten die nötige Sicherheit.
In menschlichen Gemeinschaften sind Führungsaufgaben weit komplexer. Neben Erfahrung und Machtwillen spielen Intelligenz, soziale und strategische Kompetenz, Kommunikationsfähigkeit, aber auch Status und Beziehungsfaktoren eine Rolle. Führungskräfte zeigen und entwickeln sich immer seltener in offenen Auseinandersetzungen oder durch Bewährungsproben, sondern werden durch die Organisationen in ihre Position befördert, ohne ihrer Rolle emotional gewachsen zu sein.
Viele dieser "Vorgesetzten" verstecken sich hinter ihrer Position. Andere sichern ihre Macht durch Netzwerk- oder Lobbyarbeit. Wieder andere üben sich in einstudiertem Führungsverhalten, ohne echte Führung auszustrahlen. So scheint Führung oberflächlich zu funktionieren, solange wir sie nicht unter qualitativen Aspekten betrachten.
Das Gallup-Institut befragt jedes Jahr die Arbeitnehmer der wichtigsten Industriestaaten nach der emotionalen Bindung zu ihrem Unternehmen. Nicht zufällig landen die Staaten, in denen traditionell die Gefühle am Arbeitsplatz unterdrückt werden, regelmäßig auf den schlechten Plätzen: Japan, Frankreich und Deutschland.
Für die jüngste repräsentative Untersuchung wurden von Oktober bis November 2008 knapp 2.000 ausgewählte deutsche Arbeitnehmer telefonisch interviewt. Zwei Drittel der Beschäftigten sagten aus, sie machten Dienst nach Vorschrift. 20% haben bereits innerlich gekündigt. Nur 13% verspüren eine echte Verpflichtung gegenüber dem Arbeitgeber (in den USA sind es dagegen 29%).
Die Gallup-Studie ist ein Beleg für ein falsch verstandenes Führungsverständnis in Deutschland. Gallup-Berater Marco Nink meint, Schuld an den Problemen sei oft die direkte Führungskraft. Viele Beschäftigte bemängelten, dass sie zu wenig Anerkennung erhalten oder ihre Meinung nicht gehört werde. "Führungskräfte müssen sich zunächst ihrer Stärken und Schwächen bewusst werden und erkennen, wie ihr Führungsverhalten von den Teammitgliedern wahrgenommen wird."
Wer die Gefühle seiner Mitarbeiter nicht ernst nimmt oder glaubt, seine eigenen Gefühle nicht einbringen zu müssen, wird als Führungskraft keine Anerkennung finden, sondern lediglich von seinen Mitarbeitern geduldet. Solch emotionslose Chefs strahlen keine Führungs-Kraft aus. Sie sind nur emotionsloses Objekt einer Organisation. Ihnen fehlt es an der Energie, die Ressourcen ihrer Mitarbeiter zu mobilisieren.
Echte, erfolgreiche Führungskräfte besitzen eine emotionale Ausdrucksfähigkeit, die beim Mitarbeiter eine starke Resonanz erzeugt. Wie der Klangkörper eines Musikinstrumentes verstärkt das Team den Ton, den die Führungskraft anschlägt. Je nach Situation kann so ohne Umwege auf die Bedürfnisse eingegangen und die notwendige Stimmung erzeugt werden:
- Verständnis für die Mitarbeiter entwickelt Vertrauen und Sicherheit
- Freude und Wertschätzung stärken das Engagement und den Teamgeist
- Hilfsbereitschaft und Anerkennung fördern die Entwicklungsbereitschaft von Leistungsträgern
- Spontane und energische Entscheidungen geben Sicherheit und Ausrichtung
- Zornige Statements setzen glaubwürdige Grenzen und schaffen verbindliche Regeln
- Emotionale Zukunftsbeschreibungen und Visionen schaffen Raum für Hoffnung und Sehnsüchte
Alle geäußerten Gefühle sind in ihrer Situation wirkungsvoll und zielführend, wenn sie ehrlich und für die Mitarbeiter nachvollziehbar sind. Aber: Die Führungskraft muss unterschiedliche Gefühlsäußerungen wechselweise einsetzen, um eine emotionale Balance zu halten. Und hier liegt das Hauptproblem:
Führt eine Führungskraft zum Beispiel nur mit Wut und Aggression, weil sie in ihrer Führungsrolle überfordert ist, oder sich nicht im Griff hat, schürt sie die Ängste der Mitarbeiter und zerstört deren Vertrauen. Wer mit Emotionen auf Dauer erfolgreich führen will, muss deshalb zuerst die eigenen Emotionen verstehen und relativieren können, um sie auch zum Nutzen der Gemeinschaft einsetzen zu können. Und dazu bedarf es der Selbsterkenntnis und Selbsterfahrung.
Das Training zum Thema: Der Weg zur authentischen Führungskraft




