Persönlichkeit und Aggression Teil 2: Der Zwanghafte

Geschrieben von: Michael Blochberger (08.09.2004)

Würde man den Charakter-Typen nach Fritz Riemann verschiedene Nationalitäten zuordnen, so wäre der "Zwanghafte" der typische Deutsche. Er vereint die Eigenschaften, die man uns Deutschen üblicherweise nachsagt: Fleiß, Ordnungssinn, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Verantwortungsgefühl.

Als "Kopfmensch" ist er das Gegenteil des Hysterikers: Er ist wenig spontan, sondern plant langfristig, setzt sich Ziele und verfolgt diese mit großer Hartnäckigkeit. Das Bedürfnis des Zwanghaften ist es, sich in geordneten Bahnen zu bewegen. Er sucht seine Sicherheit in klaren Hierarchien. Das Einhalten von Gesetzen und Regeln ist ihm ein wichtiges Bedürfnis.

Mit seiner Tüchtigkeit, seiner ausdauernden und zielstrebigen Arbeitsweise kann er in seinem Leben Großes erreichen und wird dafür von vielen bewundert. Als korrekter und treuer Arbeitnehmer ist er ein wichtiger Leistungsträger für jedes Unternehmen. Er ist ein Mensch, auf den man sich verlassen kann, ein Mensch, der seiner Umgebung Sicherheit gibt, weil er sich nicht ablenken lässt, sondern zu seinen Aufgaben und Versprechungen steht.

Fritz Riemann beschreibt den Typus so: "Der gesunde Mensch mit zwanghaften Strukturanteilen ist ausgezeichnet durch Stabilität, Tragfähigkeit, Ausdauer und Pflichtgefühl. Er ist strebsam und fleißig, planvoll und zielstrebig; da er meist auf weite Ziele ausgerichtet ist, interessiert ihn mehr, was er erreichen will, als was er schon hat, weshalb er oft die Gegenwart zu wenig zu genießen versteht...." (1)

Aus Pflichtbewusstsein und dem Hang zum Perfektionismus steht der Zwanghafte unter permanentem Druck. Im Aufbau von Strukturen, der Sehnsucht nach Gesetzmäßigkeiten und dem Einhalten von Normen sucht er die endgültige Sicherheit, die doch nie zu erreichen ist. Triebfeder ist seine Angst, ohne Kontrolle dem Chaos zu verfallen. Er ist deshalb darauf bedacht, durch Macht, Wissen und Übung zu erreichen, dass nichts Unvorhergesehenes geschieht.

In besonders krassen Fällen steigert sich der Zwanghafte so in sein dogmatisches Weltbild hinein, dass er vor lauter Selbstkontrolle den eigentlichen Sinn seiner Arbeit aus den Augen verliert. Dann wird er zur typischen Karikatur eines dogmatischen Beamten, der die Strukturen über die Inhalte stellt, jegliche Entwicklung behindert auch seine eigene - und an der Vergangenheit klebt, wie ein Ertrinkender an der Holzplanke.

Im Gegensatz zum Hysteriker wertet der Zwanghafte jegliche Affektäußerung als Schwäche, weil sie ja ein Ausdruck von Hemmungslosigkeit darstellt und somit seinen Wertevorstellungen widerspricht. Diese Einstellung führt unweigerlich zu einer übertriebenen Selbstkontrolle und zur Unterdrückung der Gefühle. Oft wirken zwanghafte Menschen auf andere deshalb gefühlskalt. Konflikte suchen sie sachlich zu lösen. Aggressionen werden, wenn überhaupt, nur sehr kontrolliert geäußert.

Die Schwäche zwanghafter Menschen liegt in dieser nicht gelebten Gefühlswelt. Da sie sich Spontaneität und Gefühlsäußerungen nicht zugestehen, machen sie sich für ihre Mitmenschen schwer erkennbar. Ihr kühles, sachliches Verhalten soll Überlegenheit zum Ausdruck bringen, behindert aber ihr Durchsetzungsvermägen und ihre Begeisterungsfähigkeit.

Aus dem perfektionistischem Anspruch heraus fällt es dem Zwanghaften oft schwer, Arbeiten zu delegieren. Statt immer wieder Leistung einzufordern und somit Konflikte mit Mitarbeitern zu provozieren, macht er, wenn möglich, die Arbeit gleich selbst. Diese Konfliktscheue und die möglicherweise einhergehende Entscheidungsschwäche stehen einer Entwicklung zur souveränen Führungskraft im Weg.

Der Zwanghafte ist ein unverzichtbarer Leistungsträger, er ist teamfähig, einsichtig und anpassungsbereit. Um Führungsaufgaben erfolgreich zu meistern, muss er aber lernen, Konfliktängste und Entscheidungsschwäche abzulegen. Ohne diese Führungskompetenzen besteht die Gefahr, dass sich nicht gelebte Aggressionen subtile Ventile suchen: Hinterlistiges, destruktives Verhalten, formalistischer Machtmissbrauch oder übermäßiger Drill sind Zeichen falschen Führungsverständnisses.

Viele von Ihnen werden mit gewissem Stolz die beschriebenen Charakterzüge in sich wiedererkennen. Berechtigterweise, denn wir leben in einer Gesellschaft, die von der Leistung dieses Charakters profitiert. Nur sollten sich diese Qualitäten in einer gesunden Balance befinden. Wer in sich Anzeichen einer lebensfeindlichen Haltung entdeckt, wer sich in Abhängigkeit seiner Zwänge erlebt, Spontaneität und Lebensfreude durch Formalismus und übertriebenen Materialismus zu ersticken droht, der sollte beginnen, an sich zu arbeiten.

Das Ziel des Zwanghaften muss es sein, seinen emotionalen Ausdruck zu entwickeln - ein wichtiger Schritt zur Emotionalen Intelligenz. In unserem Training "Mit Gefühl zu mehr Erfolg" verhelfen viele Körper-Übungen zu mehr körperlicher Wahrnehmung und Öffnung der Teilnehmer. Überhaupt birgt jede Art von sportlicher Betätigung die Chance, Affektstaus abzubauen und persönliche Hemmungen und Zwänge zu lösen. Durch gezielte Überanstrengung, das Überschreiten von körperlichen Leistungsgrenzen können "Masken" aufgebrochen und der Zugang zu den Gefühlen wiedergefunden werden.

Es gilt, übertriebene Korrektheit aufzugeben, den Mut zu entwickeln, sich einmal gehen lassen zu dürfen, Normen zu überschreiten und die Ängste vor den ureigenen Impulsen zuzulassen. Fritz Riemann sagt dazu: "Sie sollten den Gegenimpuls der Bereitschaft zur lebendigen Wandlung mehr integrieren und das wagen, wogegen sie glauben sich sichern zu müssen: das Annehmen der Vergänglichkeit. Sie sollten es mehr lernen, nicht immer nur zu wollen, sondern auch mit sich geschehen zu lassen."

In der Zusammenarbeit mit zwanghaften Vorgesetzten ist die mangelnde emotionale Anerkennung ein häufiges Problem. Die Motivation der Mitarbeiter ist nicht nur von der Höhe des Gehaltes abhängig. Vor allem unter wirtschaftlichem Druck bekommen emotionale Faktoren wie Lob und soziale Bestätigung besondere Bedeutung.

Wenn es Ihrem Vorgesetzter schwer fällt, emotionale Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen, so können sie versuchen, durch eigenes offenes Verhalten ihm das fehlende Vertrauen zu geben und vorsichtig diese Art der Anerkennung einzufordern. Er ist vielleicht glücklich, wenn andere den ersten Schritt zu mehr emotionaler Aufgeschlossenheit suchen und entwickelt so das Vertrauen, mehr von seiner Verantwortung abzugeben.

Vergleiche: