Persönlichkeit und Aggression Teil 1: Der Choleriker

Geschrieben von: Michael Blochberger (07.07.2005)

Jeder kennt ihn, viele fürchten ihn. Er ist der Inbegriff des autoritären Chefs: Spontan, unbeherrscht und jähzornig. Ein Mensch, dem es Lust bereitet, seinen Aggressionen freien Lauf zu lassen. Ein Typ, der Konflikte nutzt, um sich durchzusetzen, seine Macht auszuspielen, sich auszutoben und andere klein zu machen.

In der Psychoanalyse wird er auch als "Hysteriker" bezeichnet. Fritz Riemann beschreibt diese Persönlichkeitsstruktur so: "Sie streben ausgesprochen nach Veränderung und Freiheit, bejahen alles Neue, sind risikofreudig; ihnen ist die Zukunft, die mit ihren Möglichkeiten offen vor ihnen liegt, die große Chance. Dementsprechend fürchten sie nun alle Einschränkungen, Traditionen und festlegenden Gesetzmäßigkeiten..." (Riemann, Grundformen der Angst).


Der Choleriker ist ein "Machtmensch". Er sieht die Welt um sich herum ausschließlich aus der Perspektive seiner persönlichen Interessen. Alles, was ihn behindert, macht ihn wütend und muss aus dem Weg geräumt werden. Regeln und Gesetzmäßigkeiten versucht er zu umgehen. Grenzen versucht er zu sprengen. Realitäten erkennt er nicht an. Sein Ziel ist es, die Welt um sich herum nach den eigenen Vorstellungen zu formen.

Diese Eigenschaften machen den Choleriker egoistisch und ungeduldig. Er nimmt wenig Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer. Er versteht es, Mitmenschen zu fordern und hohe Ansprüche an andere zu stellen, legt für sich aber selten die gleichen Maßstäbe an. Oft fehlt es ihm an Energie und Ausdauer, die Leistung zu bringen, die er von anderen fordert. Er handelt nach dem Motto: "Nach mir die Sintflut".

Der Choleriker ist in vielen inhabergeführten Unternehmen anzutreffen. Seine Stärke ist die emotionale Direktheit, die ihm eine gewisse Glaubwürdigkeit und Autorität verleiht. In einfachen Hierarchien ist ihm seine ungehemmte Aggression oft von Vorteil. Er weiß durch sein Imponiergehabe zu beeindrucken. Oft gelingt es ihm, durch seine Willensstärke und scheinbare Selbstsicherheit zu überzeugen. Angepasste, unselbständige Mitarbeiter versteht er zu führen und zu mehr Leistung antreiben.

Die Schwächen des Cholerikers liegen in seiner mangelnden Empathie. Da er sich für das Maß aller Dinge hält, fehlt es ihm an der Fähigkeit, andere Menschen wirklich wahrzunehmen und auf deren Bedürfnisse einzugehen. Das ist aber Voraussetzung für eine Führungskraft, die Mitarbeiter zu eigenverantwortlichem, engagiertem Handeln anleiten will. Die Macht des Cholerikers basiert auf der Angst der Mitarbeiter, nicht auf deren Einsicht und Respekt.

Da das Weltbild des Cholerikers durch Rivalisieren und Konkurrieren geprägt ist, fällt es diesem Typus besonders schwer, sich in Teams und Organisationen zu integrieren. Wer sich ihm nicht anschließt wird als Gegner verstanden. Er ist nicht bereit, über den eigenen Tellerrand zu schauen und die Ziele und Bedürfnisse eines Team oder der Organisation als die seinen zu akzeptieren. Zu echter Teamarbeit wird er erst fähig sein, wenn er in der gemeinsamen Arbeit eine neue Dimension von Energie erlebt hat.

Viele Karrieremenschen bauen ihre Lebensplanung auf den Charakterzügen des Cholerikers auf. Der Glauben an sich selbst und das Ausschalten der Konkurrenz scheint ihr Erfolgsmuster zunächst zu bestätigen. In der Führungsverantwortung erfährt der Choleriker aber schnell seine Grenzen. Leistungs- und Qualitätssteigerung versucht er über die Verstärkung seines repressiven Verhaltens zu erreichen, weil er keine anderen Mittel kennt.

In solch einer Atmosphäre bleiben Mut und Kreativität der Mitarbeiter auf der Strecke. Kompetente Kräfte werden mundtot gemacht oder verlassen das Unternehmen. Die Impulse für die Organisation werden abhängig von der cholerischen Führungskraft, die damit zunehmend überfordert ist. Stillstand oder Rückschritt sind zwangsläufig die Folgen.

Einige von Ihnen werden die beschriebenen Charakterzüge auch in sich selbst wiedererkennen, was ja kein Nachteil sein muss, wenn Sie die Qualitäten des Cholerikers zu nutzen wissen und kontrollieren können. Wer sich selbst aber als Opfer seines cholerischen Musters erlebt, sollte beginnen, an sich zu arbeiten:

Die bedeutendste Eigenschaft, die dem Choleriker völlig fehlt, ist die der Demut. Ergebenheit, Hingabe, Opferbereitschaft und Selbstlosigkeit sind Eigenschaften, die seinem Charakter nicht entsprechen. Genau dieses zu üben wird für jeden Choleriker die entscheidende Herausforderung sein, um über die Demut mehr Toleranz, Sensibilität und Liebesfähigkeit zu entwickeln und somit zur souveränen Führungspersönlichkeit zu wachsen.

Bewegungs-Meditationen, Ausdauerübungen, einfache Arbeiten im Kontakt mit der Natur und anderen Menschen sind Chancen, Demut zu üben und seine Wahrnehmung zu schulen. Die Beschäftigung mit den einfachen Dingen birgt die Chance, aus dem festgefahrenen Weltbild auszubrechen und sich selbst als Teilchen eines liebenswerten Ganzen zu entdecken. Am ausgeprägtesten wird diese Kunst in Asien gepflegt. In Thailand gehört es zum guten Ton, ein halbes Jahr in einem Zen Kloster zu verbringen und sich so auf Führungsaufgaben vorzubereiten.

Das Ausleben typischer Ängste ist ein wichtiger Schritt für die Überwindung des cholerischen Charakters. Besonders wichtig ist ihm die Erfahrung, auch in der persönlichen Ohnmacht Vertrauen in andere entwickeln zu können. Durch die Erkenntnis, sich auf andere verlassen zu dürfen, wächst der Raum für die Gefühlswelt anderer. Nehmen Sie sich also immer wieder die Zeit, sich völlig zurückzunehmen und sich der Verantwortung anderer (fremder) Menschen anzuvertrauen. Es wird Ihr Selbstbewusstsein stärken und Ihre Empathie entwickeln helfen.

Auch auf unserem Training "Hilfe! Mein Chef ist Choleriker" kommen Übungen zu Demut und Selbstüberwindung zum Einsatz, die helfen, neue Aspekte der Persönlichkeit zu leben und alte Ängste zu überwinden.

Wie begegnet man nun einem cholerischen Vorgesetzten? Macht es Sinn, auf Konflikte einzugehen und die Konfrontation zu suchen?

In der Regel nicht. Wer die Auseinandersetzung sucht, bietet ihm nur die notwendige Bühne, die seiner Hysterie erst Geltung verschafft. Argumenten und Fakten gegenüber ist er wenig aufgeschlossen. Er ist ja darin geübt, sie nach seinen Wünschen zu verdrehen.

Erfolgversprechender ist es, auf sein Wesen einzugehen und ihn mit Charme zu nehmen. Als emotionaler Mensch ist auch er für die Emotionen anderer empfänglich. Wer ihm Verständnis zollt und ihn Vertrauen entwickeln lässt, wird Gehör finden. Da er spontan und wenig nachtragend ist, ist er leicht umzustimmen. Vor allem vom anderen Geschlecht lässt sich ein Choleriker gerne einwickeln.

Wem das nicht liegt, der hat nur die Chance, ihm aus dem Wege zu gehen. Ihm keine Angriffsfläche bieten heißt, ihm die Bühne für seinen Auftritt zu nehmen. Unter bestimmten Bedingungen kann das eine Möglichkeit sein, einen Choleriker zu der Einsicht zu bewegen, eventuell doch einmal einen Schritt auf andere zuzugehen...;-)
 
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