Wie Sie Ihrem Wort Geltung verleihen – Führung
Geschrieben von: Hans-Ulrich Schachtner (15.01.2009)
Im zweiten Teil unserer Trilogie Glaubwürdigkeit – Führung – Unvoraussagbarkeit geht es um die Fähigkeit „im Sattel zu bleiben“, d.h. sich in der Interaktion nicht die Führung abnehmen zu lassen. Der dem Menschen, wie allen Rudeltieren, angeborene Folge-Reflex erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass das Gegenüber sich unseren Vorschlägen anschließt und sich „was sagen läßt“. Das ist nicht immer selbstverständlich oder leicht, was schon mancher Berater zu spüren bekommen hat, wenn er auf ein forderndes „Haben Sie denn (überhaupt) Erfahrung mit einem Problem wie meinem?“ keine passende Antwort finden konnte.
Wenn er dadurch ins Erklären kommt oder gar ins Beteuern, sinkt die Chance dramatisch, dass sein Wort noch etwas gilt. Für Milton Erickson war so etwas kein Problem: „You want help? No faster than I can give it?“ Und dann zählte er dem Klienten auf, was er von ihm erwartete, falls er zu ihm in Therapie käme.
Hinter dieser Reaktion steckt ein wichtiges Gesetz, das beachtet werden muss, will man nicht die Führung verlieren: Das zwischenmenschliche „Hebelgesetz“, das wir instinktiv kennen, aber erst dann meisterhaft beherrschen lernen, wenn wir es uns bewusst gemacht haben.
Dieses Gesetz besagt: In einer zwischenmenschlichen Kommunikation sitzt derjenige am längeren Hebel, der weniger vom anderen will, als dieser von ihm! (Boyd, 1976, S. 4).
Anders ausgedrückt: Wenn jemand etwas von uns will, muß dieser sich bemühen und etwas dafür tun. Wenn aber der Therapeut in der Defensive ist, will er vom Klienten etwas, nämlich entschuldigt, entlastet, richtig gesehen oder sympathisch gefunden werden. Dadurch gibt er aber das Steuer aus der Hand und die Therapie stagniert. Der Klient muß in jeder Phase der Therapie spüren, dass er derjenige ist, auf dessen Bemühungen es in der Therapie ankommt, schließlich ist er es doch, der sich verändern will. Bei unseren gutwilligen Klienten brauchen wir solche Überlegungen gar nicht anzustellen. Es wäre aber naiv zu glauben, dass alle Klienten zu uns kommen, um bereitwillig unseren Rat anzunehmen, ihn auf sich anzuwenden und sich um Fortschritte zu bemühen. Manche Klienten sind Meister darin, den Spieß umzudrehen und den Therapeuten dazu zu bringen, sich anzustrengen und abzumühen.
In der Supervision beobachte ich des öfteren, dass der Therapeut auf den Klienten einredet, gestikuliert, fieberhaft nach Antworten und Lösungen sucht, während der Klient ruhig dasitzt, relativ unbeteiligt den Therapeuten betrachtet und diesen die ganze Arbeit tun läßt.
In diesem Fall hat der Therapeut den Hebel aus der Hand gegeben und dadurch an Einfluß eingebüßt.
Auf die Therapiesituation angewandt bedeutet das Hebelgesetz: Wenn es dem Klienten gelingt, den Therapeuten so weit zu bringen, dass dieser nachdrücklich etwas von ihm will, besitzt er die Macht des «Neinsagens» und kann den Therapeuten frustrieren. Dadurch kann er auch manipulativen Einfluß auf den Therapeuten nehmen. Manche Leute ziehen es nun mal vor, lieber die Kräfte anderer zu mobilisieren als ihre eigenen! Das zu erreichen ist manchmal gar nicht so schwierig. Viele Klienten haben sich im Laufe ihres Lebens die instinktive Fähigkeit angeeignet, Ego-Bedürfnisse anderer herauszufinden, und sie dann dazu verwenden, andere für ihre Zwecke einzuspannen. Gerade wir Therapeuten geraten dann leicht in solche Fallen, wenn wir übertrieben hohe Ansprüche an uns selbst stellen. Denn hier kann uns der Klient packen.
Wir würden uns etwas vormachen, wenn wir auf die Frage, was wir vom Klienten wollen, antworteten: »Das Honorar und sonst nichts.« Der Therapeut will doch auch oft, dass der Klient ihn mag, ihn sympathisch findet, seine Fähigkeiten schätzt, ihn als Person bewundert oder dankbar für seine Bemühungen ist! Braucht der Therapeut den Klienten vielleicht, um in seinem Beruf Bestätigung zu finden? Je besser der Therapeut außerhalb der Therapie für seine (Ego-)Bedürfnisse gesorgt hat, um so umso sicherer wird er diesen Fallen ausweichen und am längeren Hebel bleiben.
Wenn ich in Ausbildungsseminaren bei Rollenspielen den Part des Klienten spiele, verwende ich gerne zu Übungszwecken deren gängige Therapeutenfallen. Das gibt dem lernenden Therapeuten die Gelegenheit, sich in der Anwendung des Hebelgesetzes zu üben. Wie würden Sie auf solche oder ähnliche Fragen und Äußerungen eines Klienten reagieren?
»Haben Sie Erfahrung mit einem Problem wie meinem?«
»Können Sie mir helfen?«
»Welche Methoden wollen Sie bei mir anwenden?«
»Machen Sie auch TA-, Gestalt-, Primär- usw. -therapie?«
Oder:
»Ich dachte, Sie wären älter; ich glaube, dass ich einen wirklich erfahrenen Therapeuten brauche!«
»Mir kann sowieso niemand helfen!«
»Sagen Sie mir doch, was ich tun soll, damit ich aus diesem Schlamassel rauskomme!«
Wer das Hebelgesetz nicht kennt oder nicht instinktiv anwendet, kann bei solchen Äußerungen in arge Bedrängnis geraten. Jeder von uns wird deutlich zu spüren bekommen, wenn er auf solche Fragen ungeschickt reagiert hat. Wann immer ich mich in der Therapie festgefahren habe und merke, dass nichts mehr weitergeht, brauche ich nur meine eigene Motivation und die Situation gewissenhaft zu prüfen, um herauszufinden, in welchem Punkte ich vom Klienten mehr will, als dieser zu geben bereit ist. Ich halte es generell für eine gute Angewohnheit, von Zeit zu Zeit zu prüfen, wer sich in der Therapie mehr anstrengt und engagiert. Wenn das der Therapeut ist, hat er wahrscheinlich den längeren Hebel abgegeben.
Der Klient erreicht auf zweierlei Art, an den längeren Hebel zu kommen:
a) Er bringt den Therapeuten dazu, mehr von ihm zu wollen, als er selbst von sich verlangt, und manifestiert dann Widerstand, indem er zum Beispiel therapeutische Aufträge nicht erledigt, Erklärungsversuche des Therapeuten abwertet, selbstzerstörerische Verhaltensweisen androht oder beibehält usw.
b) Er bringt den Therapeuten dazu, sich die Rolle eines fürsorglichen Elternteils aufhalsen zu lassen. Das sieht oft so aus, dass er den Therapeuten zunächst mit Vorschußlorbeeren «belohnt»: »Sie haben mir das letzte Mal so geholfen« (ohne dass aber wirklich etwas vorwärtsgegangen wäre). Als nächstes wird er dann ein bisschen fordernder:
»Könnten wir uns nicht zweimal in der Woche sehen?« oder
»Machen Sie heute wieder Hypnose mit mir, das tut mir so gut!«
»Heute müssen Sie mich wieder aufbauen, mir geht es furchtbar schlecht!« usw.
Wie das endet, können Sie sich sicher vorstellen. Gottlob gibt es auch für den Fall, daß der Therapeut noch nicht alle Ego-Bedürfnisse, Eitelkeiten und verirrten Betreuungsimpulse im Griff hat (was ihn durchaus für einen Heiligenschein qualifizieren würde), wirksame Methoden, diese Fallen zu vermeiden und solche Situationen wieder in den Griff zu bekommen. Vor allem zwei Methoden sind dabei recht wirksam:
a) die paradoxe Zielformulierung und
b) die Herausforderungs- oder »Zeig es mir«-Technik.
Die paradoxe Zielformulierung
Bei diesem Vorgehen versucht der Therapeut, dem Klienten den Status quo schmackhaft zu machen, und zwar auf folgende Art:
»Um Ihr Problem zu meistern, müssen Sie es zunächst akzeptieren und (unter veränderten Bedingungen) bewußt praktizieren.« Diese Anweisung kann der Therapeut durchaus ernsthaft vorbringen. Die Palo-Alto-Gruppe und andere Autoren haben in vielen Veröffentlichungen diesen Interventionstyp dargestellt. Deshalb kann ich hier auf weitere Beispiele verzichten. Wir können ihn dem Klienten aber auch mit Humor präsentieren:
Klient: "Ich sollte wirklich jeden Morgen aufstehen und zur Arbeit gehen wie alle anderen Leute auch.«
Therapeut: »Warum sollten Sie?«
Klient: »Weil das jeder normale Mensch tut, und ich möchte gerne normal sein!«
Therapeut: »Ist das wirklich so normal, sich jeden Morgen aus dem Bett zu hieven und den ganzen Tag irgendeine langweilige Arbeit zu tun, mit all dem Druck und den Ärgernissen und dem nervtötenden Hin-zur-Arbeit und Zurück-von-der-Arbeit?
Klient: »Aber die anderen tun es doch auch!«
Therapeut: »Halten Sie es denn für richtig, etwas nur deshalb zu tun, weil andere es auch tun?«
Klient »Ich mochte eben auch irgend etwas gut können.«
Therapeut: »Sie können ja etwas gut! Sie sind hervorragend, wenn es ans Essen und Schlafen geht!«
Klient: »Ich finde das beschissen! Ich sollte eine Arbeit annehmen und funktionieren wie andere Leute auch!«
Therapeut: »Ich finde, Sie sollten tun, was Ihnen Spaß macht und was Sie am besten können, und das ist nun mal Essen, Schlafen und Fernsehen.«
Klient: »Aber was ich da tue, ist doch krank!«
Therapeut: »Was soll denn krank daran sein, wenn man das tut, was einem Spaß macht? Ich finde, Sie machen das großartig! Ich sehe da nichts Krankes; und wenn Sie krank wären, müßte ich das doch wissen, oder?« (Fay, 1980, S. 46).
Eine Variante dieser Methode besteht darin, dem Klienten durch Aufzählen der Vorteile seiner Pathologie seinen Änderungswunsch quasi »auszureden« .
Eine 20-jährige Patientin mit Loslösungsproblemen sagt: »Ich muss endlich von zu Hause ausziehen und mir ein Zimmer suchen.« (Bei »ich muss« statt »ich will« (oder besser: „Ich werde") ist immer Vorsicht angebracht!)
Therapeut: »Wieso denn, Sie haben es doch viel schöner bei Mami und Papi! Ein Dach über dem Kopf, regelmäßiges Essen, wunderschöne Sonntagsspaziergänge mit den Eltern; Sie wissen jetzt schon, wo und mit wem Sie die nächsten dreißig Jahre Ihre Urlaube verbringen werden. Urlaube, die Sie nicht einmal etwas kosten, und dann natürlich die verlockende Möglichkeit, direkt vom Kindesalter mit den Eltern zusammen ins Greisenalter hineinzuwachsen, ohne selber all die schwierigen Phasen durchmachen zu müssen wie Partnersuche, Kinder kriegen und aufziehen, es im Leben zu etwas zu bringen usw.«
Der Klient bekräftigt dann in der Regel seine Motivation, sich zu verändern. Nebenbei verschafft uns diese Vorgehensweise die Gelegenheit, auf nicht-offensive Weise den sekundären Krankheitsgewinn ins Gespräch zur bringen.
Fast jeder Klient tendiert innerlich dazu, sich gegen Veränderungen zu wehren (das »Inertia-Syndrom«). In der Therapie zeigt sich das in Form von Widerstand. Wenn nun aber der Therapeut eben diese Tendenz vertritt („...sündige weiter!“), kann sich der Klient viel effektiver dagegen wehren. Gegen die Opposition von außen läßt sich leichter antreten als gegen die im eigenen Kopf!
Die Herausforderung
Eine weitere Methode, am längeren Hebel zu bleiben, besteht darin, den Klienten herauszufordern, uns zu zeigen, dass er willens und fähig ist, sich zu verändern, und auch unter widrigen Umständen nicht aufhören wird, ernsthaft seine Ziele weiterzuverfolgen.
Die einfachste Technik ist, dem Klienten (nicht ernsthaft) die Fähigkeit abzusprechen etwas Bestimmtes, Wünschenswertes tun zu können. Erickson verwendete diese Methode, als sein Sohn Robert einmal am Mittagstisch sagte: »Ich esse diesen Spinat nicht!« Worauf Erickson antwortete: »Natürlich nicht, schließlich bist du dazu nicht stark genug, nicht alt genug und nicht groß genug!«
Darauf antwortet die Mutter: „Aber klar ist er stark, alt und klug genug um Spinat zu essen.“
Erickson beendete diese Geschichte mit der Frage: „Und, was glauben Sie, auf welche Seite sich der Junge geschlagen hat?“
In einem anderen Beispiel kommt eine attraktive, junge Frau, die eine Vergangenheit als drogenabhängiges Callgirl hinter sich hatte, für das Entlassungsgespräch zu ihrem Therapeuten, der auch die Nachbetreuung übernehmen sollte:
Therapeut (ungläubig): »Entlassungsgespräch? Um Himmels willen, bei ihren inneren (deutet auf ihren Unterleib), persönlichen Qualitäten dürfte es doch ziemlich klar sein, auf welche Weise Sie Ihren Weg in der Gesellschaft machen werden!«
Patientin (protestierend): »Na, warten Sie mal – ich werde einen Job als Bedienung annehmen!«
Therapeut (auf Vernunft plädierend): »Wieso, zum Teufel, wollen Sie sich das antun, acht Stunden am Tag aufrecht auf den Beinen zu stehen, wenn Sie sich das gleiche Geld in zwanzig Minuten auf dem Rucken liegend verdienen könnten!«
Patientin (lachend, aber ernstgemeint): »Hören Sie doch auf so zu reden!« (Farrelly. 1974, S.57)
Wenn der Klient sich aufgrund einer Herausforderung dazu entschlossen hat, etwas für sich zu tun, und in der nächsten Stunde von seinem Erfolg berichten will, dann erweist es sich meist als angebrachter, auf seine »Sehen Sie, ich habe es doch geschafft!«-Attitüde mit ungläubigem Staunen statt mit Lob zu reagieren:
Klientin (zu Beginn der Stunde): »Bevor Sie irgend etwas sagen, sollen Sie wissen, dass ich einen Job gefunden habe!«
Therapeut. »Wo denn?«
Klientin: »In einem Labor.«
Therapeut: »Als was, als Versuchskaninchen?«
Klientin (lachend): »Sie finden sich wohl heute wieder sehr lustig!« (Farrelly 1974, S. 110).
Die Klienten lernen dadurch, sich unabhängig zu machen vom Lob des Therapeuten. Sie lernen, sich realistisch zu verteidigen, und äußern von sich aus ein positives Selbstbild.
Als ich anfing, das Hebelkonzept in der Therapie einzusetzen, glaubte ich zunächst, dass die dabei angestrebte Position synonym wäre mit der Oneup(superioren)-Position, wie sie Jay Haley beschrieben hat. Diese Fehlmeinung hat mir einige unnötige Machtkampfe und etliche Schlappen eingebracht. Erst nach einiger Zeit habe ich gemerkt, welche Stärke in der Onedown-Position (der inferioren) liegen kann (Frauen wissen das längst, aber bis ein Mann mal soweit ist, seine Fassade von Stärke abzulegen...).
Ein Klient begann, trotz nachweisbarer Fortschritte, jede Stunde mit der Einleitung »Alles beim alten, keine Veränderung.«
Therapeut: »Das verstehe ich nicht! Ich muß da irgend etwas falsch machen. Zehn Stunden und nicht die geringste Veränderung! Ich glaube, ich bin nicht der richtige Therapeut für Sie. Ich wußte, dass ich mal einen Fall kriegen würde, an dem ich mir die Zähne ausbeiße. Ich glaube, Sie sind mein Waterloo!«
Vielleicht war es das, was der Klient mal hören wollte, denn von jetzt ab fing er an, auch mal von seinen Fortschritten zu erzählen.
In einem Paargespräch wurde der Klient so wütend, als die Rede auf den Seitensprung seiner Frau kam, dass zu befürchten war, er würde seine Beherrschung verlieren und tätlich werden.
Klient (drohend): »Und finden Sie das vielleicht richtig, was meine Frau sich da erlaubt hat?~
Therapeut: »Wenn Sie mich so fragen, finde ich prinzipiell alles richtig, was Sie richtig finden. Mein Honorar ist einfach nicht hoch genug, um ein blaues Auge zu riskieren. Weshalb sagen Sie mir nicht einfach, was Sie hören wollen, und alles andere werde ich dann peinlichst vermeiden.«
Klient (wesentlich lockerer): »Schon gut, schon gut, ich hab's kapiert.«
Die inferiore Position läßt sich sehr gut in Einklang bringen mit dem Ziel, am Steuer zu bleiben, wenn wir dabei in die metakomplementäre Position gehen, eine Haltung, die in etwa besagt: »Ich gestatte Ihnen, mich zu dominieren. «
zum ersten Teil der Trilogie "Glaubwürdigkeit"
zum dritten Teil der Trilogie "Unvoraussagbarkeit"
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