Konflikte, die es Wert sind – Werte bestimmen unsere Persönlichkeit

Geschrieben von: (03.04.2008)

Es ist noch gar nicht so lange her, da hatten sich zwei Mitarbeiter meines Teams regelmäßig in der Wolle. Fast täglich kam es zu lauten Auseinandersetzungen zwischen beiden, in denen es um die mangelnde Koordination ihrer Arbeitsabläufe ging. Obwohl ich sie schon mehrfach ermahnt hatte, waren die beiden nicht in der Lage, ihren Konflikt allein zu lösen. Die schlechte Stimmung wirkte sich langsam auf das gesamte Team aus. Um die Arbeitsleistung nicht zu gefährden, mussten wir uns mit dem Thema etwas intensiver auseinandersetzen.

Im gemeinsamen Gespräch wurden die gegenseitigen Vorwürfe deutlich: Der eine fühlte sich vom anderen kontrolliert und in seiner kreativen Arbeitsweise behindert. Der andere beschwerte sich, dass Absprachen und Ordnungsprinzipien nicht eingehalten und so ein reibungsloses Zusammenarbeiten erschwert bzw. unmöglich wurde. Als Beispiel führte er den Fall auf, dass sein kreativer Kollege seine Dateien mit “Daddeldu_1.2.3” usw. benannte. So kam es wiederholt vor, dass er vergebens nach Daten suchen musste.
 
Mir wurde schnell klar, dass es nicht ausreichen würde, Ermahnungen auszusprechen oder verschärfte Anweisungen durchzusetzen. Hier war es notwendig, der Sache auf den Grund zu gehen und in die Einstellung und Teamfähigkeit der Mitarbeiter zu investieren.
 
Kurzerhand improvisierte ich einen Teamworkshop für den kommenden Freitag. Neben einigen gruppendynamischen Spielen zur Entwicklung des Veranwortungsbewusstseins analysierte ich auch die individuellen Werte-Einstellungen jedes Teammitgliedes, um sie miteinander zu vergleichen.
 
In der Gegenüberstellung fiel es allen wie Schuppen von den Augen: Unser kreativer Daddeldu-Kollege hatte dem Wert “Freude” erste Priorität gegeben, während “Sicherheit” an vorletzter Stelle stand. Er war Sohn wohlhabender Eltern. Auto und Wohnung wurden vom Vater bezahlt. Er empfand die notwendige Anpassung an seine Kollegen als eine Beschneidung seiner Grundwerte.
 
Sein ordnungsliebender Kollege dagegen hatte “Sicherheit” auf Platz 1 gewählt und “Freude” stand für Ihn auf Platz 16 oder 17. Er war verheiratet und hatte 2 kleine Kinder. In jüngster Vergangenheit war ihm zwei mal kurz hintereinander in der Probezeit gekündigt worden. Er empfand das Verhalten seines Kollegen als einen Angriff auf seine Sicherheitsbedürfnis. Für den Wunsch nach Spaß hatte er wenig Verständnis.
 
Aus den unterschiedlichen Historien beider Mitarbeiter wurde für alle die konträre Einstellung und die gegensätzliche Bewertung ihres Handelns verständlich. Beide erkannten, dass sie nicht unbedingt Freunde werden, aber sie waren in der Lage, die Verletztheit des anderen nachzuvollziehen. Erst dadurch war ein ehrliches Aufeinanderzugehen möglich.
 
Ich gab ihnen den Auftrag, gemeinsame Verhaltens- und Kommunikationsregeln aufzustellen, die beider Bedürfnisse gerecht werden. Unter anderem erarbeiteten Sie ein Organigramm zur systematischen Beschriftung aller Computer-Daten, in dem “Daddeldu” nicht vorgesehen war. Aus der Einsicht unseres Kreativen in die Notwendigkeit solcher Prinzipien konnte unser “Ordnungshüter” die Sicherheit gewinnen, seinem Kollegen mehr kreativen Freiraum zu lassen.
 
Der Konflikt war leichter zu lösen als erwartet. Aber mir ist an diesem Fall klar geworden, dass es nicht genügt, auf der Sachebene einzugreifen. Wenn ich eine Verbesserung in der Zusammenarbeit anstrebe, muss ich auf der emotionalen Ebene einsteigen. Das heißt, ich muss die unterschiedlichen Wertevorstellungen bewusst machen und an der Einstellung der Mitarbeiter ansetzen.
 
5 logische Schritte scheinen mir dabei erkennbar und notwendig:


Selbsterkennen: Die Erkenntnis der eigenen Bedürfnisse und Werte schafft Verständnis für die eigenen Emotionen. Die Faustregel, wenn ich wütend oder enttäuscht werde, ist das ein Zeichen, dass einer meiner Grundwerte verletzt wurde.
Verstehen: Die Einsicht, dass meine Mitmenschen andere Erfahrungen und ein anderes Weltbild haben als ich, lässt mich verstehen, dass sie nach anderen Bedürfnissen und Werten leben und sich demgemäß auch anders verhalten.
Neubewerten: Aus dem Wissen heraus, dass das Verhalten meiner Mitmenschen kein Angriff auf meine Person, sondern logische Folge ihrer persönlichen Geschichte ist, ermöglicht mir eine tolerante Neubewertung des mir fremden Verhaltens
Kooperieren: Erst aus der gewonnen Toleranz heraus kann ich ehrlich auf den anderen zugehen und mein Handeln auf meinen Mitmenschen einstellen.
Sich entwickeln: Das neue Handeln schafft im Idealfall für alle Beteiligten konstruktive Erfahrungen, die mittelfristig zu persönlichem Wachstum führen: Wenn ich erkenne, dass meine Ängste vor Werteverletzung unberechtigt sind, kann ich meine eventuell überzogenen Wertevorstellungen (wie Freude bzw. Sicherheit) relativieren und mit meinen Mitmenschen kompetenter umgehen.
 
Und noch etwas habe ich aus dem geschilderten Fall gelernt: Die meisten Konflikte und Probleme sind ganz simpler Natur und spielend zu lösen. Ich muss nur den Emotionen, Bedürfnissen und Werten meiner Mitmenschen auf den Grund gehen und sie ernst nehmen. Die Werkzeuge und Methoden haben wir zur Verfügung. Wir müssen uns nur etwas Zeit dafür nehmen und uns zusammensetzen.