So streiten Sie richtig!

Geschrieben von: Michael Blochberger (22.03.2007)

Es ist ganz normal, dass man in der Partnerschaft oder im beruflichen Umfeld einmal unterschiedlicher Meinung ist. Ein konstruktiv geführter Streit kann klärend wirken und die Beziehung zu Ihren Mitmenschen sogar beleben und vertiefen. Aber eine faire Auseinandersetzung will gelernt sein. Es darf nicht darum gehen, Recht zu behalten oder um der Harmonie willen zu schweigen. Wenn Sie Konflikte lösen wollen, sollte jeder seinen Standpunkt vertreten können und einige Regeln beachten.

Wir alle haben unterschiedliche Einstellungen, Bedürfnisse und Ziele, die wir natürlicherweise realisieren wollen. Wenn wir dabei fremde Interessen berühren, kommt es zu Konflikten und Auseinandersetzungen. Oft werden dabei unbewusst oder mutwillig unsere Gefühle verletzt. Heftige Gefühlsausbrüche sind die natürlichen Reaktionen. Um einen solchen Streit nicht eskalieren zu lassen, bedarf es einer hohen emotionalen Intelligenz: Einem guten Zusammenspiel von Ratio und Emotionalität.
 
Den richtigen Zeitpunkt wählen
 
Grundsätzlich ist es gut, einen aufkommenden Konflikt sofort anzusprechen und nicht hinunterzuschlucken. Die Auseinandersetzung darf nur nicht außer Kontrolle geraten. Deshalb sollten Sie sich immer als erstes die Frage stellen: Ist das der richtige Moment, diese Auseinandersetzung zu führen?
Es gibt 3 wichtige Gründe, einen Streit zu verschieben und sich zurückzuhalten.

  • Sie sind emotional so erregt, dass Sie Angst haben, außer Kontrolle zu geraten. Dann ist es sinnvoll, einen Zeitpunkt zu wählen, an dem Sie mit mehr Gelassenheit agieren können.
  • Sie sind mit Ihrem Kontrahenten nicht allein und der Konflikt wird dadurch öffentlich. Ganz gleich ob Zuhörer Partei ergreifen oder sich peinlich zurückhalten. Sie erschweren eine einvernehmliche Lösung.
  • Sie haben nicht die Zeit und Ruhe, sich auf die Auseinandersetzung zu konzentrieren. Dann sollten Sie einen Zeitpunkt ausmachen, an dem Sie das Problem in einer ungestörten Atmosphäre umfassend lösen können.

 
Ein konstruktiver Streit braucht einen Rahmen, in dem Sie sich unter 4 Augen auf gleicher Ebene begegnen können. Das heißt, es muss die Zeit sein, sich auszutauschen, den anderen wahrzunehmen und gemeinsam eine Lösung zu finden.
 
Erst zu Ende denken – dann handeln!
 
Unsere Emotionen leben im Moment. Sie kennen keine zukunftsorientierte Planung. Impulsivität ist in inhaltlichen Auseinandersetzungen deshalb oft der falsche Ratgeber. Um so wichtiger ist es, den Konfliktstoff zu hinterfragen, bevor Sie einen Streit führen.
 
Finden Sie vor einer Auseinandersetzung die notwendig Distanz und reflektieren Sie die eigenen Emotionen, bevor Sie in den Konflikt einsteigen. Was macht mich so ungehalten? Was will ich erreichen? Wann wäre ich zufrieden? Sammeln Sie Ihre Argumente. Machen Sie sich Notizen über Ihre Wünsche und Ihre Vorgehensweise.
 
Dann versuchen Sie die Ziele und Gründe der Gegenseite zu hinterfragen. Was hat die andere Seite bewogen, so zu handeln? Was will sie damit bezwecken? Was stört die andere Seite an meiner Einstellung? Welche Argumente hat sie? Wie wird sie weiter agieren?
 
Wenn möglich, versuchen Sie vorab für sich eine Lösung zu finden. Wägen Sie das Für und Wider ab. Wo liegen die gemeinsamen Interessen beider Seiten? Wie könnte ein Kompromiss aussehen? In komplexen Problemfällen sollten Sie positive und negative Szenarien durchspielen, um auf alle Fälle vorbereitet zu sein, bevor Sie in die Auseinandersetzung gehen.
 
Konkret beschreiben statt verallgemeinern und bewerten!
 
Sind verletzte Gefühle im Spiel, gehen die Emotionen gern mit uns durch. Wir neigen zu Übertreibungen und Pauschalierungen, die einen Streit ganz schnell eskalieren lassen: “Es ist immer das Gleiche!” oder “Du bist das Allerletzte!” sind Aussagen, die Konflikte verschärfen statt sie zu lösen.
 
Die wichtigsten Grundregeln für Auseinandersetzungen lauten deshalb:

  • Greifen Sie die Gegenseite nie persönlich an! Bleiben Sie bei der Sache!
  • Bewerten oder verurteilen Sie Ihr Gegenüber nicht!
  • Beschreiben Sie konkrete Sachverhalte statt zu interpretieren!
  • Bleiben Sie beim Detail ohne zu verallgemeinern!

 
Die Aussage: “Heute im Meeting haben Sie mich zum zweiten Mal für das Scheitern des Projektes verantwortlich gemacht, obwohl...”, ist schwer zu widerlegen. Ein unkontrollierter Gefühlsausbruch wirkt dagegen schwach und unglaubwürdig.
 
Zuhören, Nachfragen, Spiegeln
 
Viele Auseinandersetzungen eskalieren nur, weil die Konfliktparteien sich gegenseitig zum Schweigen bringen wollen und damit dem Anderen die notwendige Anerkennung verweigern. Zu einer gesunden Streitkultur gehört es aber, dass Sie Ihrem Gegenüber den Raum geben, seinen eigenen Standpunkt zu vertreten.
 
Auch wenn es hoch her geht, sollten Sie sich dazu zwingen, sich auch einmal zurück zu nehmen und Ihrem Gegenüber zuzuhören. Fallen Sie ihm dabei nicht ins Wort, lassen Sie ihn ausreden, machen Sie sich Notizen, wenn Sie sich nicht alle Widersprüche merken können.
 
Stellen Sie Fragen, wenn Sie die Argumente der anderen Seite nicht verstehen. Widerholen Sie missverständliche Aussagen mit Ihren eigenen Worten, um den Sachverhalt zu klären. Schon das Eingehen auf die Standpunkte Ihres Kontrahenten entspannt eine Konfliktsituation, weil Sie Ihrem Gegenüber Aufmerksamkeit zollen.
 
Erst wenn alle Argumente wie Schachfiguren in Position stehen, macht es Sinn, über die Schachzüge zu einer Lösung nachzudenken.
 
Ich-Botschaften statt Du-bist-schuld!
 
Wenn Sie persönlich ein Problem mit einem anderen Menschen haben, ist die Gefahr groß, nur noch dessen Unzulänglichkeit im Fokus zu haben. Die Auseinandersetzung wird dann durch Schuldzuweisungen geführt, die mit “Du...” oder “Sie...” beginnen. Sie versuchen, das Problem dem Gegenüber zuzuschieben. Die Fronten verhärten sich.
 
Wenn Sie an einer Problemlösung interessiert sind, müssen Sie den Fokus umkehren. Sprechen Sie von SICH statt von der Schuld Ihres Gegenüber. Ich-Botschaften sind ein sehr effizientes Mittel, Konflikte zu entspannen ohne seine Gefühle zu unterdrücken. Ich-Botschaften sind in drei Schritte gegliedert: Sie kritisieren ein Verhalten, schildern ein Gefühl und zeigen  die Konsequenz auf:
 

  • Konkrete Aussage über ein Verhalten: “Ich erfahre, wie du mich...”
  • Ehrliche Beschreibung Ihres momentanen Gefühls: “Ich fürchte, dass...”
  • Aussage über die erwartete Konsequenz: “Unter diesen Umständen...”

 
Ich-Botschaften sind für den Empfänger nicht angenehm, weil Sie die Wirkung und Konsequenzen eines Verhaltens schonungslos beschreiben. Aber sie sind für den Zuhörer akzeptabel, weil die Grenzen gewahrt bleiben: Sie bleiben mit Ihren Aussagen bei Ihren eigenen Gefühlen und Gedanken und greifen nicht in die Persönlichkeit des anderen ein.
 
Der Konfliktgegner kann eigenverantwortlich entscheiden, ob er sein Verhalten ändert oder die Konsequenzen trägt.
 
Einen Konflikt führen heißt die Balance halten
 
Einen Konflikt konstruktiv zu führen heißt immer, die Balance zwischen Emotionen und Verstand einzuhalten. Das gilt für die eigene Befindlichkeit ebenso wie für das Verhältnis zum Kontrahenten. Im Miteinander zweier Streitenden gilt es also, einen Gegenpol zu bilden, falls die andere Seite das Gleichgewicht stört.
 
Je emotionaler Ihr Gegenüber ist, desto mehr sind Sie gefordert, sachliche Distanz zu wahren. Kleine Provokationen gilt es zu überhören. Zeigen Sie sachlich die Grenzen auf und konzentrieren Sie sich auf den Kern des Problems.
 
Andererseits kann es hilfreich sein, gegenüber eiskalt vorgetragenen Forderungen oder unnahbarer Sachlichkeit emotional zu reagieren. Indem Sie ausdrücken, was diese Umgangsform mit Ihnen macht, können Sie die Beziehung wieder intensivieren. Denn ohne Emotionalität ist ein menschliches Miteinander nicht möglich.

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