Sich selbst erkennen, sich selbst vertrauen

Geschrieben von: Paula Bemmann-Wöschler (08.02.2008)

Die innere Sicherheit als Gewinn eines positiven Beziehungskontos zu sich selbst

Ich bin Ich, Du bist Du und Wir sind in Beziehung. Idealerweise in einer guten statt in einer schlechten. „Mit DEM komme ICH nur schwer in Beziehung!“, denke ich gelangweilt. „Da sind wir schon zwei.“, signalisiert mir sein ausgepowerter Körper.

„Ich bin Verstand“, leiert monoton mein Gegenüber mir scheinbar entgegen, „Mein Chef meint, mir fehle es an sozialer Kompetenz“, sagt er laut. Auf meine Nachfrage, was er denn selbst meine, erlebe ich ein erfrischendes Aufbrausen: „Diese Gefühlsduselei geht mir schon privat mächtig auf den Zeiger…“ „Da geht doch was!“, freue ich mich innerlich und bin ganz Ohr.
 
Zur Verdeutlichung, warum die Güte zwischenmenschlicher Beziehungen, egal ob im beruflichen oder privaten Umfeld, schwankt, gibt es ein schönes, einfaches Bild: das Beziehungskonto. Analog zum realen Konto bei der Bank kann sich auch das Beziehungskonto im Plus oder im Minus befinden, je nachdem, wie viele Einzahlungen und Abhebungen bisher stattgefunden haben. Und wie bei meinem Girokonto entwickle ich positive Gefühle jemand anderem gegenüber, wenn sich unser Beziehungskonto – zumindest meiner Ansicht nach – im Plus befindet, d.h. der andere mehr eingezahlt hat, als er zu Lasten unserer Beziehung abgehoben hat. Ist unser Beziehungskonto aus unserer beider Sicht weit im Plus, entwickelt sich ein stetig wachsendes Vertrauensverhältnis, das uns beiden erlaubt, auch mal einen Fehler zu machen, uns zu streiten bis die Fetzen fliegen oder den anderen versehentlich zu verletzten. Damit wird unser Beziehungskonto zwar belastet, aber es läuft nicht Gefahr, überzogen zu werden, zumal wir Fehler oder Abhebungen durch Einzahlungen wieder ausgleichen können. Mit der Tiefe des Vertrauens wächst so auch die Sicherheit in der Beziehung, sich aufeinander verlassen und Konflikte austragen zu können.
 
So schön einfach dieses Bild des Beziehungskontos ist, so schwierig wird es, die richtigen Dinge zu treffen, die der andere auch als Einzahlung versteht. „Füge niemals einem andern zu, was Du nicht willst, was man Dir tu.“, heißt ein weises Sprichwort. Dafür muss ich aber erst einmal genau wissen, und damit meine ich nicht theoretisch meinen, was mir selbst gut tut und was nicht. Die meisten von uns kommen doch bereits ins Schwimmen, wenn sie ihre eigenen Stärken und Schwächen selbstbewusst vertreten sollen. Zunehmend unsicher und zaghafter werden viele, wenn sie sich über ihre Einstellungen und Vor-Urteile, mit denen sie durch die Welt marschieren, unterhalten sollen, ganz zu schweigen von den eigenen Träumen, Wünschen und Bedürfnissen. Meist sind es die aufkommenden Tränen in den Augen, die von unerfüllten Sehnsüchten sprechen, die schnell wieder zurückgedrängt werden aus Angst, sich angreifbar zu machen. Wie auch sollte ich mich sicher fühlen, wenn ich gar nicht so genau weiß, wer ich bin, was mich auszeichnet und besonders macht, wie ich auf andere wirke oder warum ich immer wieder ähnliche Schwierigkeiten mit anderen habe?
 
Erst wenn ich mich selbst kenne und mich selbst verstehe, kann ich offen und vor-urteilsfrei mit anderen in Beziehung treten, wird es mir leicht fallen, anderen eine Freude zu machen und Einzahlungen auf das gemeinsame Beziehungskonto zu tätigen, ohne sofort eine Gegenleistung zu erwarten. Erst wenn mir meine Einstellungen, Charakterzüge und Verhaltensweisen bewusst sind, ich dadurch ein gutes Selbst-Bewusstsein habe, werde ich es nicht mehr als Ablehnung wahrnehmen, wenn der andere meine Bemühungen nicht als Einzahlung interpretiert, sondern lediglich als einen Hinweis darauf, dass meine Einschätzung falsch war.
 
Für ein gesundes Selbst-Bewusstsein muss ich daher zuallererst eine gute Beziehung mit mir selbst führen. Und wie bei jeder zwischenmenschlichen Beziehung ist auch die Beziehung zu mir Selbst (sprich meinen verschiedenen Anteilen, siehe auch das innere Team ) eine langfristige Investition in den (Wieder)Aufbau, in die Pflege und Reparatur. Wann haben Sie die letzte Einzahlung für sich selbst getätigt (ausreichend Schlaf, gesundes, regelmäßiges Essen, Hobbys, Sport, Massage, Lesen, Abhängen auf der Couch…)? Und wie viel haben Sie beispielsweise gestern abgehoben (Frühstück im Stehen, Kaffee to go, Tobsuchtsanfall während der Autofahrt zur Arbeit, angespannte Sitzhaltung bis es schmerzt, Mittagessen schlingen in der Kantine, Ärger runter geschluckt und Konflikt nicht angesprochen mit der lieben Kollegin…)? Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass für den Ausgleich einer Abbuchung fünf Einzahlungen auf das Beziehungskonto notwendig sind, bei Paaren, die eine innige, befriedigende Partnerschaft leben, ist das Verhältnis sogar 1:15.
 
Nach Corvey gibt es wesentliche Einzahlungen, um Beziehungskonten ins Plus zu führen, die sich auch problemlos auf sich selbst anwenden lassen:
 
sich selbst verstehen (Selbsterkenntnis)
auf kleine Gesten achten (Selbstreflexion)
Verpflichtungen einhalten (Selbststeuerung)
Erwartungen klären (Selbstmotivation)
persönliche Integrität zeigen
sich ehrlich entschuldigen
 
Die Selbsterkenntnis ist der Schlüssel und die Basis für einen liebevollen Umgang mit sich selbst. Ich kann nur das wert-schätzen, dessen Wert ich kenne. Sind mir meine Bedürfnisse und Interessen bekannt, weiß ich um meine Schwächen und Befürchtungen, kann ich bewusst auf meine Umwelt Einfluss nehmen. Ich kann mich für die Erfüllung meiner Bedürfnisse einsetzen, ohne Schuldgefühle und schlechtes Gewissen, Wünsche äußern, um Unterstützung bitten, mit anderen die entsprechenden Rahmenbedingungen aushandeln und Entscheidungen treffen. Ich werde weniger manipulierbar von außen, weil ich weiß, was ich will und was ich brauche und woran ich arbeiten muss, um meine Ziele zu erreichen. Erst so kann ich feste Standpunkte beziehen und Rückrat zeigen. Sich selbst erfahren heißt Erfahrungen zu sammeln, auch unangenehme Situationen als Chance zu sehen, um zu verstehen, warum ich sie als unangenehm empfinde. Das Feedback von Freunden und Kollegen hilft mir zu verstehen, wodurch ich auf andere wie wirke. Erst dadurch kann ich mich bewusst entscheiden, ob ich dies möchte oder verändern will.
 
Die Sinne zu schärfen für die kleinen Gesten ist in der Hektik des Alltags eine große Herausforderung. Geübt darin, mindestens fünf Tätigkeiten gleichzeitig zu tun oder zu durchdenken, sind wir so mit äußeren Dingen beschäftigt, dass wir meist erst aufmerksam werden, wenn wir nicht mehr funktionieren. Dann schmeißen wir schnell eine Tablette ein oder lassen etwas wegoperieren und weiter geht es wie zuvor. Vergleichbar wäre dies mit einem heftigen Liebeskummer Ihres pubertierenden Kindes, dem Sie damit begegnen, dass Sie ihr oder ihm 300 Euro für neue Klamotten in die Hand drücken, damit sich schnell ein neuer Schwarm findet. Dass die Beziehung zu Ihrem Kind dadurch gestört ist, versteht fast jeder. Kein Verständnis haben wir dagegen, wenn unser Körper oder unsere Psyche nach der tollen medizinischen Akutversorgung nicht mehr so ganz mitspielt. Was ergäben sich für Möglichkeiten, wenn wir lernen, unserem Körper, unseren Gefühlen und unserer Intuition wieder zuzuhören. Stellen Sie sich doch einmal in einem unbeobachteten Augenblick nackt vor den Spiegel und fragen Sie Ihren Körper, wie es ihm geht. Wenn Sie das anfängliche peinliche Gefühl über diese „Kinderei“ überwinden können und zuhören, werden Sie eine Menge über die Abbuchungen aber auch über Einzahlungsmöglichkeiten erfahren. Egal wie robust wir nach außen erscheinen (müssen), innen sind wir zart und empfindsam. Weder Alter noch Erfahrung werden daran viel ändern. Wenn wir uns hin und wieder die Zeit nehmen, hinzuhören, hinzuschauen und hinzufühlen, wird das Wissen darum, was wir brauchen, uns helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.
 
Was andere als hohe Abbuchungen vom Beziehungskonto empfinden, nämlich das Nichthalten gegebener Versprechen, stört auch die Beziehung zu uns selbst. Wir Menschen neigen dazu, unsere Hoffnungen auf Versprechen aufzubauen. „Ab morgen hör ich auf zu rauchen…, mache ich Sport…, ernähre ich mich gesund…“ sind wohl die Klassiker der ungehaltenen Versprechen. Das müde Lächeln unserer Freunde sticht nur anfangs, schlimmer wiegt, dass sich unser Unterbewusstsein die Nichteinhaltung merkt. Was glauben Sie, wie überzeugt es in anderen Situationen dann tatsächlich ist, wenn Sie sich sagen: „Das schaffe ich! Die wichtige Präsentation wird ein Erfolg!“ Eine Restenergie wird bleiben, die der erfolgreichen Umsetzung aus Erfahrung keinen Glauben schenkt. Vielleicht verhindert sie, dass der entscheidende Funke zu den Zuhörern überspringt. So wie Sie vorher prüfen, ob Sie ein Versprechen auch wirklich einhalten können, bevor Sie es jemand anderen geben, sollten Sie auch vorher prüfen, ob Sie ein Versprechen, was Sie sich selbst geben wollen, auch wirklich einhalten können. Lautet Ihre Antwort „eigentlich nein“, dann holen Sie sich Unterstützung von anderen oder lassen Sie es lieber gleich sein. Sie werden andere Einzahlungsmöglichkeiten finden, mit denen Sie liebgewonnene Abbuchungen ausgleichen können.
 
Zu Missverständnissen, Enttäuschungen und Vertrauensverlusten führen auch nicht ausdiskutierte Widersprüche (siehe auch das innere Team ) oder unterschiedliche Erwartungen hinsichtlich unserer Rollen und Ziele. Beziehungsschwierigkeiten sind die Folge. Neulich sah ich in einer Talkrunde eine Frau, die lächelnd antwortete, dass sie gerade geschockt ist über die Ausführungen ihres Vorredners. Hatte man ihr vorher eingetrichtert, dass man immer in die Kamera lächeln muss? Lächelt sie immer, wenn ihr etwas unangenehm ist oder sie verunsichert ist? Ist sie sich überhaupt der Aussendung dieser widersprüchlichen Signale bewusst? Einmal abgesehen davon, dass sie bei ihrem Gegenüber damit unbewusst eine Abbuchung vom gemeinsamen Beziehungskonto verursacht, weil er ihren Worten kein Vertrauen schenken kann, stellt sich mir die Frage, was sie sich selbst damit auf Dauer antut. Da ich sie nicht kenne, muss ich natürlich spekulieren. Aber mit einer hohen Wahrscheinlichkeit hat sie die Rollenerwartung der „liebevollen, angepassten Frau“ stark verinnerlicht. Wenn diese Rollenerwartung ihre Handlungsweise dominiert und sie zusätzlich über eine geringe Konfliktfähigkeit verfügt, bekommt sie ein Problem, ihre Aggressionen angemessen in ihrem Verhalten zu integrieren. Ihr bleibt nur der Weg, die aggressiven Gefühle zu unterdrücken oder ganz abzuschneiden. Ratsch, die lächelnde Maske bleibt übrig, um ihr Gegenüber milde zu stimmen und die Rollenerwartung der liebevollen Frau zu erfüllen. Aber sie kann nun nur noch „gefühllos“ und sachlich ihre Bestürzung in Worte fassen und keiner wird ihr glauben, weil keiner ihre Bestürzung fühlen kann. Die abgeschnittenen aggressiven Gefühle sind damit leider auch nicht weg, sie gären im Untergrund und werden irgendwann einen Kanal finden, in einer Krankheit, einem Unfall oder im schlimmsten Fall in einem Amoklauf.
 
Genau wie in der Beziehung zu anderen müssen auch all unsere Erwartungen an uns selbst offen auf den Tisch. Nur wenn wir sie aufschreiben oder jemandem erzählen, können wir Widersprüche oder Ungereimtheiten entdecken und uns diese bewusst machen. Erst dann wird es uns möglich sein, Wege und Lösungen zu finden, uns von behindernden Rollenerwartungen zu lösen und reale Erwartungen umzusetzen und zu erfüllen. Ein Aufwand, der viel Mut und Selbstkritik erfordert. Lohn ist die freiwerdende Energie, die bisher im Handling der Widersprüche verpuffte, und die wir nun für die Erfüllung unserer Ziele und Träume einsetzen können.
 
Gelingen uns die obigen Punkte zunehmend, zeigen wir fast automatisch persönliche Integrität. Denn diese bedeutet, innerlich aufrichtig zu sein, Eins zu sein mit sich selbst und dem Leben sowie die Realität mit unseren Worten in Einklang zu bringen. Damit können wir loyal uns selbst gegenüber handeln. Der Gewinn ist das zunehmende Vertrauen in uns selbst und unsere Fähigkeiten, was uns gleichzeitig beim Vertrauensaufbau zu anderen hilft.
 
Sich selbst Fehler ehrlich verzeihen zu können, setzt Charakterstärke voraus und ein tiefes Gefühl innerer Sicherheit in fundamentalen Prinzipien und Werten. Steht Ihr Beziehungskonto zu sich selbst im Plus, können Sie sich Fehler, Rückfälle und Misserfolge auch aus vollem Herzen verzeihen. Denn Sie erleben sie nicht als Infragestellung Ihrer Person, sondern als Chance, dazu zu lernen und sich zu verbessern.
 
In diesem Sinne wünsche ich uns allen viel Geduld und schöne Aussichten für die nächsten Jahre.

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