Teamentwicklung — Fußball WM — Das beste Team gewinnt!

Geschrieben von: Michael Blochberger (07.06.2006)

Wollen Sie wissen, was mich am Fußball so fasziniert? Es ist die Tatsache, dass nirgendwo sonst die Vorteile und Chancen von Teamarbeit sich deutlicher abzeichnen als während der 90 Minuten eines Fußballspieles: Flexibles Kooperieren, hocheffiziente Arbeitsteilung und höchste Motivation durch das Wir-Gefühl machen Fußball zum Inbegriff von Teamarbeit.

Einige wohlhabende Vereine kaufen die besten und teuersten Spieler der Welt ein und schaffen doch nicht mehr als eine Arbeitsgruppe. Diese Spitzenmannschaften sind zu schlagen, weil 11 Stars noch kein gutes Team bilden. Eine Mannschaft wie Werder Bremen dagegen (verzeihen Sie mir meinen Lokalpatriotismus;-) demonstriert, wie gute aber nicht überragende Spieler über sich selbst hinauswachsen können, wenn sie vom Mannschaftsgeist getragen werden.
 
Im Beruf gelten ganz ähnliche Regeln. Nur zeichnet sich eine erfolgreiche Teamentwicklung nicht so plakativ ab wie im Sport. Trotzdem kann eine Fußballmannschaft uns als Vorbild dienen, die entscheidenden Kriterien für ein leistungsfähiges Team zu hinterfragen: Was macht eine Arbeitsgruppe zu einem guten Team? Was muss in einer Gruppe entstehen, was gepflegt werden, damit sie zum Leistungsträger wird?
 
1. Den richtigen Menschen am richtigen Platz.
 
Auch wenn wir noch so vielseitig sind, bestimmte Arbeiten liegen uns mehr als andere. Da, wo wir am besten sind, sind wir auch am produktivsten. Bei der Aufstellung eines Teams kommt es deshalb darauf an, die entscheidenden Positionen mit den richtigen "Spielern" zu besetzen. Ein Stürmer wird kein guter Verteidiger und ein Verteidiger schießt selten Tore.
 
In der Arbeitswelt ist es noch komplexer. Viele Berufe fordern viele unterschiedliche Fähigkeiten. Jede spezifische Aufgabe fordert Menschen mit besonderer Eignung, um sie effizient und erfolgreich auszuführen. Diverse Modelle zur Erfassung von Fertigkeiten und Persönlichkeitsmustern helfen, die richtige Auswahl zu treffen und ein Team zusammenzustellen.
 
Ein erfolgreiches Team sollte die Mehrzahl dieser unterschiedlichen, sich ergänzenden Arbeitspräferenzen in sich vereinigen. In der Praxis sind aber viele Teams mit ähnlichen Charakteren besetzt, weil Personalentscheidungen nach Sympathie getroffen werden und nicht nach den notwendigen Anforderungen. Die Folge sind Teams, die ihrem Erfolg im Wege stehen. Tests und Assessments helfen hier, Fehler zu vermeiden.
 
Auch bestehende Teams können analysiert, umstrukturiert und – wenn nötig – durch fehlende Kompetenzen ergänzt werden. Oft helfen wenige Positionswechsel, um die Leistungsfähigkeit eines Teams zu erhöhen. Der Mitarbeiter, der seine neue Rolle akzeptiert und sich wohl fühlt, wird den "Spielverlauf" positiv beeinflussen und das Team erfolgreich machen.
 
2. Über die Integration zur Motivation
 
Aber eine Top-Besetzung macht aus einer Arbeitsgruppe noch kein Spitzen-Team, wie man an den Mannschaften aus Dortmund und Leverkusen oder an Bayern München sehen kann. Diese Mannschaften demonstrieren, dass die Leistung einer Arbeitsgruppe oft geringer ist als die Summe der Fähigkeiten ihrer Mitglieder. Profilierungssucht, Konkurrenzgehabe und Verantwortungslosigkeit wirken als Störfaktoren auf die Mannschaftsleistung.
 
Nicht zufällig ist die Teamfähigkeit in der Wirtschaft heute das wichtigste Kriterium bei der Auswahl von Mitarbeitern. Immer mehr Menschen scheitern beruflich, weil sie sich ausschließlich um die eigenen Interessen kümmern und keine Verantwortung für gemeinsame Ziele übernehmen. Sie stehen ihrer Karriere solange im Wege, bis sie gelernt haben, über den eigenen "Tellerrand" zu sehen und zu erkennen, dass erst der Erfolg des Teams den eigenen Erfolg ermöglicht.
 
Hier setzt die Arbeit eines Trainers oder einer Führungskraft an: In Feedbacks, Workshops und Seminaren wird die Gruppendynamik gefördert, werden Konflikte gelöst, Cliquenbildungen verhindert, Mut, Offenheit, Vertrauen und Leistungsfähigkeit entwickelt. Schritt für Schritt wird die Arbeitsgruppe zu einem Team zusammengeschweißt, das bereit ist, füreinander durchs Feuer zu gehen. Nach dem Motto: Alle für einen, einer für alle.
 
Das geht nicht ohne Konflikte ab. Für viele "Spieler" ist es eine sehr schmerzhafte aber lohnende Erfahrung, vom Einzelkämpfer zum Teamplayer zu wachsen. Für das Team ist es notwendig. Erst wenn sich die Mehrheit der Teamkollegen bedingungslos einbringt, entsteht eine Atmosphäre der gegenseitigen Motivation, die zu der Euphorie und Leistungssteigerung führt, die das eigentliche Ziel der Teamarbeit ist: Hoch effiziente Arbeitsteilung zum Nutzen aller!
 
3. Von der Koordination zur Kultur
 
Als häufigstes Argument gegen Teamarbeit wird der hohe zeitliche Aufwand zur Koordination von Arbeitsabläufen und zur Entscheidungsfindung angeführt. Tatsächlich ist in vielen Organisationen zu beobachten, dass immer größere Arbeitsgruppen immer mehr Zeit in Meetings verbringen, in denen nicht mehr konstruktiv gearbeitet wird. Diskussionen werden zum Selbstzweck, weil die Interessen zu vielfältig sind, das Ziel nicht klar ist oder einfach keiner Verantwortung übernimmt.
 
In einem funktionierenden Team geschieht das ganz selten, weil es in der Lage ist, sich selbst zu führen. Klare Ziele und klare Regeln erleichtern die Kommunikation und beschleunigen Entscheidungen. Der entscheidende Vorsprung wird aber durch die starke emotionale Bindung innerhalb des Team erreicht. Erfolgreiche Teams entwickeln eigene Umgangsformen und individuelle Rituale, sie nutzen besondere Worte und Signale zur Verständigung und schaffen so eine ganz eigene Kultur, die die soziale Bindung und den Gemeinschaftssinn stärkt.
 
Die Teamkultur ist vielleicht der wichtigste Beitrag, um ein Team über einen längeren Zeitraum zusammenzuhalten und Enttäuschungen und Rückschläge zu überwinden. Sie gibt den Teammitgliedern Sicherheit, stärkt das Wir-Gefühl und sorgt für Kontinuität. Sie schafft einen Beziehungsrahmen, der Koordination weitgehend durch eine Selbstabstimmung des Teams ersetzt und Entscheidungsgewalt auf einzelne Teammitglieder übertragen lässt.
 
In dieser Atmosphäre der Solidarität und des Vertrauens werden Diskussionen weitgehend überflüssig. Jeder kennt seine Aufgaben und weiß, was zu tun ist. Abstimmungen finden zunehmend auf einer intuitiven Ebene statt. Es entwickelt sich eine Kultur des kreativen Handelns, die eine sehr starke Dynamik entfalten kann. Das sind die Phasen, in denen ein Team über sich selbst hinauswächst, unerwartete Höchstleistungen bringt und aus der Euphorie des Erfolges heraus sich selbst zu regenerieren scheint, wie ein Perpetuum Mobile. Dann wird deutlich: Ein Team kann viel mehr leisten als die Summe seiner Mitglieder.
 
Es gibt diverse Teamentwicklungsmodelle, mit deren Hilfe man Teams aufbauen und in ihrer Entwicklung unterstützen kann. Entscheidend für den Erfolg ist, dass die emotionalen Faktoren auf der Beziehungsebene erkannt und bearbeitet werden. Ein gutes Team ist das Ergebnis höchster emotionaler und sozialer Kompetenz.