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Stress als Chance

Geschrieben von: Michael Blochberger (02.02.2006)

Lars kommt selten vor 22 Uhr aus dem Büro. Auch Rolf steht in seinem Job unter extremem Druck. Alexander sieht seine Kinder nur noch am Wochenende. Rita hat nur noch ihre Karriere im Kopf. Und Helga ­ als berufstätige Mutter ­ stöhnt unter der immensen Doppelbelastung...

Alle klagen über ihre Arbeitsbedingungen, über den steigenden Stress, die stetig wachsenden Anforderungen. Wir benutzen dieses Wort Stress, als ob es etwas wäre, wie das schlechte Wetter, das über uns kommt: Unangenehm, unabdingbar, unveränderlich. Etwas Gefährliches, das auf uns einstürzt.

Aber Stress beschreibt nichts anderes als eine Vielzahl biochemischer Körperreaktionen in unserem Inneren, die das Ziel hat, unsere Kräfte für entscheidende Aktionen zu aktivieren. Stress ist also ursächlich ein biologisch sinnvoller Zustand. Wie wir damit umgehen, ist unsere individuelle Entscheidung.

In der Evolution des Menschen haben Stressreaktionen ursprünglich den Sinn, den Körper reflexartig für den Angriff oder die Flucht vorzubereiten. Auch heute reagiert unser Körper automatisch auf jede Art von Gefährdung oder Bedrohung: Die Stresshormone Adrenalin, Cortisol und Testosteron werden ausgeschüttet. Das zentrale Nervensystem wird aktiviert. Puls, Atemfrequenz und Blutdruck steigen. Unsere Leistungsreserven stehen blitzartig zur Verfügung.

Nur in unserem heutigen Alltag fällt es schwer, diese Stressreaktionen sinnvoll einzusetzen, weil unsere Leistungen eher geistiger Natur sind. Wenn die freigesetzten Hormone aber nicht genutzt werden, richten sie sich gegen den eigenen Körper und sorgen für die zahlreichen bekannten Krankheitsbilder.

Trotzdem sind wir nicht Opfer unserer eigenen biochemischen Prozesse. Als selbstbewusste Wesen sind wir in der Lage, unser Handeln eigenverantwortlich zu beeinflussen. Wir lernen, mit unseren angeborenen Stressreaktionen umzugehen, sie zu steuern, ja zur Entwicklung von Höchstleistungen zu nutzen. Ohne Stress wäre unsere Leistungsgesellschaft gar nicht denkbar.

Der Glaube, man könne dem Stress entfliehen, indem man sich vor den Anstrengungen drückt, die Arbeit verweigert oder keine Verantwortung übernimmt, erweist sich schnell als Irrglaube. Unter mangelnder Herausforderung findet unsere Psyche andere Faktoren, auf die sie reagieren kann: Gefühle der Nutzlosigkeit, der sozialen Unerwünschtheit und die Existenzangst sind für viele die unerträglichsten Stresssituationen.

Nein, wir müssen lernen, Stress als Chance zu begreifen. Stress ist einer der effektivsten Motivatoren, der uns zu ungeahnten Leistungen antreiben kann, wenn wir uns nicht zum Opfer machen lassen, sondern ihn kontrollieren lernen. Hierbei müssen wir drei Stufen der Einflussnahme unterscheiden, die aufeinander aufbauen.

Die kurzfristige Erleichterung

Auch wenn wir schon in einer Stressreaktion stecken, hektisch werden, Herzklopfen bekommen, feuchte Hände, zittrige Beine oder aufsteigende Wut verspüren, können wir durch schnelle Gegenmaßnahmen Einfluss nehmen:

  • Mehrfaches, intensives Ausatmen beruhigt den Kreislauf und senkt die Herzfrequenz
  • Durch positive Selbstgespräche (Alles wird gut!) oder Lenkung der Wahrnehmung auf eine konstruktive Sichtweise (Ein Glück, dass wir so gut versichert sind!) nehmen wir kritischen Situationen die Brisanz.
  • Durch gefahrloses Abreagieren (Fluchen) im stillen Kämmerlein tragen wir zum Abbau der Stresshormone bei.

Die vorbeugende Entspannung
In der zweiten Stufe suchen wir den Stresssituationen im Vorfeld zu begegnen und ein Umfeld zu schaffen, in dem wir weniger anfällig für belastende Situationen sind:
  • Entspannungsphasen, ein gesunder Schlaf und eine bewusst gestaltete Freizeit machen unsere Psyche widerstandsfähig gegen besondere Belastungen. Wer einen wichtigen Termin vor sich hat, sollte ihn ausgeschlafen, entspannt und gut vorbereitet angehen, um Stress gar nicht aufkommen zu lassen.
  • Sport und körperliche Fitness sind ein notwendiger Ausgleich für kognitiv/seelische Belastungen. So wird der Adrenalinpegel regelmäßig abgebaut und Stressmomente können sich nicht zu einem gesundheitsschädlichen Stresspegel aufbauen.
  • Oft sind wir in der Lage, die Ursachen für Stressmomente selbst zu beseitigen und können die Probleme lösen, bevor sie zum Stress führen. Dazu zählt das Vermeiden von Doppelbelastungen und ein gutes Zeitmanagement. Wenn ich z.B. zwischen meinen Verpflichtungen Pufferzonen einbaue, kann ich bei unvorhergesehen Verzögerungen Stress vermeiden.
Die Einstellungsveränderung
Die entscheidende und letzte Stufe zur Stressbewältigung erreichen wir durch die Veränderung unserer Einstellung gegenüber dem Stress an sich. Die Erkenntnis, dass ausschließlich die persönliche Beurteilung einer Situation für die Stressreaktionen verantwortlich ist, gibt uns die Fähigkeit, die Stressoren als hilfreiche Signale für notwendige Veränderungsmaßnahmen zu verstehen:
  • Stress fördert die Bereitschaft zur persönlichen Entwicklung. Situationen, die uns fachlich oder emotional überfordern, sind ein willkommener Anlass, unsere Schwächen zu erkennen und unsere Potentiale zu entwickeln. Je größer unsere Fähigkeiten, je breiter unsere Erfahrungen, desto mehr Sicherheit finden wir und desto weniger Stress haben wir.
  • Stress fördert die Bereitschaft zu persönlicher Höchstleistung. Indem ich den Stress als Herausforderung annehme und mich intensiv in die Handlung einbringe, entwickle ich eine überragende Kraft, die mir hilft, meine Leistungsgrenzen zu überschreiten. Im so genannten Flow überwinde ich die Stresssymptome und erlebe Momente der Bestätigung, der tiefen Zufriedenheit und des Glücks.
  • Stress fördert klare Entscheidungen. Dort, wo ich nicht mehr kompetent agieren kann, ist Stress ein Signal, Alternativen zu entwickeln. Prioritäten setzen, Grenzen ziehen, delegieren und Nein-sagen lernen sind Chancen für persönliche Veränderung.
Wie hoch die persönliche Belastung auch sein mag, als bewusste Individuen sind wir für unser Stressempfinden selbst verantwortlich. Mit der richtigen Einstellung erkennen wir in unserem Stressempfinden das Spiegelbild unserer Persönlichkeit. Wir können deshalb Stress als Chance für unsere persönliche Entwicklung begreifen. Und wir können den konstruktiven Umgang mit Stress gezielt trainieren. Stress sei Dank!
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