Persönlichkeit und Aggression Teil 4: Der Schizoide

Geschrieben von: Michael Blochberger (07.01.2005)

Er ist von allen vier Charaktertypen Fritz Riemanns vielleicht der am leichtesten zu erkennende: Ein eigenwilliger und unabhängiger Charakter, oft von zierlicher Statur, dem Selbständigkeit und Unabhängigkeit über alles geht. Seine Stärken sind eine scharfe Beobachtungsgabe, eine kühle, sachliche Vorgehensweise und ein unbestechlicher Blick, die Dinge so zu sehen, wie sie sind: Ein Verstandesmensch - die schizoide Persönlichkeit.

Er ist kein Führungstyp, eher ein Eigenbrödler, der nach seinen eigenen Gesetzen lebt und nach Unabhängigkeit strebt – ganz nach dem Motto: Der Starke ist am mächtigsten allein. Auf sich allein gestellt, kann er beachtlichen Ehrgeiz entwickeln. Vor allem da, wo er seine scharfe Beobachtungsgabe, seine analytischen Fähigkeiten oder auch seine kreative Begabungen ausspielen kann. Nicht selten zeigt der schizoide Charakter dabei geniale Qualitäten.

"Beim Genialen wirkt sich die Einsamkeit und Ungebundenheit positiv aus, indem er freier von Tradition und Rücksichten Dinge erkennen kann, die der Geborgene und Traditionsgebundene nicht sieht oder zu sehen wagt. Seine exponierte Situation lässt ihn zu Erkenntnissen kommen, die Grenzen überschreiten können, von denen andere sich respektvoll fernhalten." (1)

Nicht verwunderlich, dass viele bedeutende Wissenschaftler und Künstler wie Albert Einstein oder Charly Chaplin den schizoiden Charakter beispielhaft verkörpern. Eigenwillige Individuen mit scharfer Beobachtungsgabe und hohem Intellekt. Kreative Individualisten, die mit ihrem Ideenreichtum die Welt verändern können. Aber gleichzeitig empfindliche, egozentrische Persönlichkeiten, die die Entwicklung ihrer inneren geistigen Welt über die von Beziehungen und kooperativem Handeln stellen.

Die hohe seelische Empfindsamkeit solcher Menschen macht sie zu extrem verwundbaren und labilen Wesen mit einem Hang zu unkontrollierten Gefühlsäußerungen. Auf kleinste Anlässe, die für andere oft nur Nebensächlichkeiten sind, reagieren sie mit affektartigen, rücksichtslosen Aggressionen, die an die Reflexe eines in die Enge getriebenen Tieres erinnern. Diese destruktiven, verletzenden Reaktionen wirken auf ihre Mitmenschen häufig abschreckend und erschweren jede Art von Beziehung, weil sie für Außenstehende nicht nachvollziehbar sind.

Die Aggressionen des Schizoiden dienen also nicht primär der Ausübung von Macht und Einflussnahme, wie das beim Choleriker der Fall ist. Sie sind vielmehr als archaische Abwehrreaktionen gegen die ihm gefährlich erscheinenden Einflüsse auf seine Person zu verstehen. Dahinter stecken tiefe existenzielle Ängste vor Abhängigkeit und emotionaler Bindung.

Aufgrund frühkindlicher Ablehnung durch die Mutter konnte der schizoide Charakter nicht das nötige Grundvertrauen in eine zwischenmenschliche "Berührung" entwickeln. Durch das Fehlen dieser fundamentalen Erfahrung hegt er ein tiefes Misstrauen gegen jede Form von Nähe, Geborgenheit und zwischenmenschlichem Gefühl. Zärtlichkeit, Zuneigung, selbst Sympathiebekundung empfindet er schnell als persönliche Bedrohung und als Angriff auf seine Autonomie und Individualität.

In seiner Unfähigkeit, Beziehungen zu knüpfen und aufrecht zu erhalten, liegt die größte Schwäche des schizoiden Charakters, denn in einer Atmosphäre des Misstrauens können Nähe und echte Beziehung nicht gedeihen. Deshalb meidet er dauerhafte Bindungen und sucht sein Heil in einer größtmöglichen Unabhängigkeit und Selbständigkeit. Die ihm gefährlichen Emotionen versucht er durch kalte Sachlichkeit zu rationalisieren. Oft flieht er in eine intellektuelle Scheinwelt, in der Gefühle keine Rolle zu spielen scheinen.

Aus Angst vor der Selbstaufgabe vermeidet er jegliche Art von Nähe, Vertrauen, ehrlicher Auseinandersetzung und echter Beziehung. Dies zwingt den schizoiden Menschen in einen Teufelkreis aus Isolation, Erfahrungslosigkeit und sich verstärkender Angst, denn durch seine Beziehungslosigkeit ist er nicht in der Lage, seine Unsicherheiten im zwischenmenschlichen Umgang abzubauen.

So erlebt man beim schizoiden Charakter einen deutlichen Unterschied im Reifegrad zwischen Rationalität und Emotionalität. Grundsätzlich fällt es ihm sehr schwer, Gefühle in sein Denken und Handeln zu integrieren. Er ist kaum in der Lage, seine Affekte zu steuern, und empfindet auch keine Schuldgefühle für sein Tun. Auf der Palette seiner emotionalen Ausdrucksmöglichkeiten fehlen die wichtigen Mitteltöne für eine verbindliche zwischenmenschliche Kommunikation.

Verständlich, dass Anpassungsfähigkeit, Kooperationsbereitschaft und Teamfähigkeit nicht die Stärken der schizoiden Persönlichkeit darstellen. Durch ihre Kontaktarmut und ihre emotionale Unberechenbarkeit wird sie innerhalb einer Gruppe schnell als Fremdkörper oder Störenfried empfunden. Wer aber ihr kreatives Potential integrieren will, sollte ihr eine gewissen Sonderrolle zugestehen und sie, wenn möglich, mit sozialer Verantwortung verschonen.

Der Umgang mit schizoiden Führungskräften ist nicht leicht, weil diese oft versuchen, ihrer Verantwortung zu entfliehen und die Nähe zu ihren Mitarbeitern zu vermeiden. Sie pflegen eine kalte, intellektuelle Distanz zu ihren Mitarbeitern und Kollegen und sind deshalb schwer einzuschätzen. Da sie Schwierigkeiten haben, auf Emotionen zu reagieren, ist es angebracht, schonend mit ihnen umzugehen. Hilfreich ist hier eine offene aber sachliche Kommunikation, um Konflikte zu vermeiden und Vertrauen aufzubauen. Auf dieser Basis können sich Mensch und Beziehung langfristig weiterentwickeln.

Für denjenigen, der in sich selbst schizoide Züge entdeckt, ist es am wichtigsten, den Gegenpol zum Streben nach Selbstbewahrung und Unabhängigkeit zu entwickeln: Die Suche nach echten Beziehungen, das Zulassen menschlicher Nähe und letztendlich die Integration der Emotionen in das eigene Denken und Handeln sind die wichtigen Schritte zu einer reifen und integrationsfähigen Persönlichkeit. Wenn es Ihnen gelingt, Ihr Leid und Ihre Ängste durchzustehen und zu überwinden, können Sie höchste Menschlichkeit und soziale Kompetenz erlangen.

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