CIT-Consult Emotion-Blog

Keine Panik auf der Titanic

14.07.2012 von: Michael Blochberger

Es ist Mittwoch Abend und ich sitze im ICE 584 Richtung Heimat, als der Zug in einem Tunnel vor Kassel eine Vollbremsung einleitet und im Dunkeln zum Stehen kommt. Dank der sanften Verzögerung wird mir das erst bewusst, als der beißende Geruch überhitzter Elektromotoren in meine Nase dringt. Bevor ich mir Fragen nach dem Warum stellen kann, kommt die Durchsage, ein technisches Problem hätte die Bremsung ausgelöst, man versuche das zu lösen. Zugpersonal in Leuchtwesten eilt durch den Gang, dann ist alles wieder ruhig. Die Fahrgäste, die kurz aufgeschaut haben, vertiefen sich wieder in ihre Laptops oder fummeln an ihren Handys, aber wir haben kein Netz. Mein Blick durch die Scheibe verirrt sich im Schwarz, wegen der Innenbeleuchtung ist nicht einmal die Tunnelwand zu erkennen, aber voller Vertrauen schreibe ich weiter an meinem Protokoll.

Eine weitere Durchsage unterbricht die Ruhe im Wagon. Man kann nichts Neues melden und versuche den Fehler zu beheben. Die Stimme spricht offen und gelassen. Zielstrebig aber unaufgeregt eilen weitere Leuchtwesten vorbei. Alles macht den Eindruck, dass man die Situation im Griff hat. Ca. 20 Minuten sind um, als ein heftiges Rauschen sich nähert, ein ICE donnert mit voller Geschwindigkeit auf dem Gegengleis an uns vorbei. Die erleuchteten Fenster schießen vorbei wie Blitze und machen klar, wo wir stehen: Hilflos inmitten einer schwarzen Röhre, gefangen in einem toten Zug, den wir nicht verlassen können...

Zeit vergeht. Ich spüre aufsteigenden Hunger und mache mich auf den Weg zum Speisewagen, um zu erfahren, dass aufgrund des technischen Ausfalls keine warmen Speisen möglich sind. Ich entschließe mich zu warten. Aber im Gang zwischen den Wagons bekomme ich ein Netz und kann daheim Bescheid sagen. Zugpersonal macht sich an der Decke zu schaffen, holt Aluminiumteile hervor und beginnt sie im Vorraum zu montieren. Die Lautsprecherstimme verkündet, dass man den Defekt nicht mit eigenen Mitteln reparieren könne und den Zug evakuieren müsse. Der nachfolgende ICE würde aufs Nebengleis umgeleitet, um uns aufzunehmen.

Ich klettere über die Aluteile, die langsam zu einer kleinen Brücke werden, in mein Abteil zurück. Hier hat die Nachricht für Heiterkeit gesorgt. Man scherzt miteinander, aber niemand beschwert sich. Es dauert noch eine halbe Stunde, bis sich der rettende Zug ganz langsam neben uns schiebt, so dass sich die Türen exakt gegenüber stehen. Neugierige Gesichter auf beiden Seiten an den Fenstern. Wie muss sich das anfühlen, wenn nachts auf hoher See ein Rettungsboot anlegt? Über 20 Minuten vergehen noch, bevor sich die Türen öffnen und das Personal die Brücke langsam hinüber schiebt und verankert.

Ich bin einer der ersten, der in den dunklen Tunnel hinaustritt und über den Steg balanciert. Die Leuchtwesten stehen bereit, um zu helfen. Ich lande direkt im Speisewagen und fühle mich gleich zuhause. Die Züge gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Neugierige Blicke begrüßen mich. Was ist passiert? Wir teilen die Infos, die wir haben und freuen uns darüber, in dem schwach besetzten Zug genügend Platz zu finden. Während der vordere Teil unseres ICE noch evakuiert wird, suche ich mir schon mein warmes Abendessen in der Karte aus.

Ein Raunen, als sich 20 Minuten später der Zug langsam in Bewegung setzt. Noch im Dunkeln nehmen wir Fahrt auf, werden schneller und schneller und dann reißt das schwarze Loch um uns plötzlich auf und wie im Film gleiten wir durch eine wunderbare grüne Landschaft im warmen Licht des Sonnenuntergangs. Ist das die Realität? Nach fast zweieinhalb Stunden Isolation wirkt das auf mich viel zu schön, um wahr zu sein! Dankbar lasse ich meinen Blick über die wunderschöne Landschaft gleiten. Ich genieße jeden Löffel meines heißen Eintopfs und beschließe, mich nie wieder über das Essen im Zug zu beschweren. Dank der routinierten Umsicht des Personals, lief alles mit einer bewundernswerten Entspanntheit ab. Was sind schon zweieinhalb Stunden Verspätung, wenn man das Licht der Welt noch einmal erblicken durfte...?

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