CIT-Consult Emotion-Blog

Wie wir aus schmerzhaften Erfahrungen lernen können

26.06.2012 von: Michael Blochberger

Nach über fünf Jahren habe ich ihn gestern zum ersten Mal wiedergesehen: meinen Kollegen und ehemaligen Geschäftspartner Claus. Nachdem wir unsere damalige Zusammenarbeit im Streit beendet hatten, waren wir auf Distanz gegangen. Um so aufregender war es, mit ihm auf einen Kaffee verabredet zu sein. Nicht, dass ich großes Interesse an seinen neuen Erfolgsgeschichten gehabt hätte. Ich war einfach neugierig, wie ich nach den vergangenen Enttäuschungen und Verletzungen emotional auf ihn reagieren würde...

Über lange Jahre hatten wir eine recht erfolgreiche Zweckgemeinschaft gebildet, ich schätzte seinen Wissensdrang und seine Begeisterungsfähigkeit, und hatten uns in unserer Arbeit gegenseitig bereichert. Aber irgendwann häuften sich die Momente, in denen er uns durch sein ungeschicktes Verhalten um die Früchte unseres Engagements brachte: Unpassende Bemerkungen oder arrogantes Auftreten gegenüber Kunden führten zu Unstimmigkeiten und Konflikten zwischen uns und es kostete mich zunehmend Kraft, diese Themen anzusprechen, auszuräumen und unsere unterschiedlichen Vorstellungen aufeinander abzustimmen.

Zum endgültigen Eklat kam es, als Claus unsere finanziellen Abmachungen infrage stellte und einen größeren Anteil am Kuchen forderte, obwohl ich es war, der ihn ewig kontrollieren musste, damit er mit seinen Verrücktheiten das Gesamtprojekt nicht gefährdete! In mir kochte eine maßlose Wut und Enttäuschung hoch. Nach mehrfachen Versuchen, mich mit ihm auf der Vernunftebene zu einigen, überließ meine emotionale Intelligenz dem Selbsterhaltungstrieb im Stammhirn die Entscheidung, den Schlussstrich zu ziehen. In einer kurzen Mail teilte ich ihm mit, dass unsere Zusammenarbeit endgültig beendet sei.  

Aber erst Monate nach unserer Trennung war ich mit Hilfe der Transaktionsanalyse in der Lage, zu reflektieren, was wirklich zwischen uns passiert war: Solange wir auf der rationalen Ebene unseres Erwachsenen-Ich miteinander kommunizierten, wenn wir zum Beispiel ein Trainingskonzept entwickelten oder eine Stimmungsanalyse auswerten mussten, agierten wir klar und erfolgreich auf Augenhöhe.

Aber immer, wenn Claus im Rampenlicht stand, sich vor Kunden darstellen durfte oder es ihm zu nüchtern und harmonisch wurde, ging sein ausgeprägtes Kindheits-Ich mit ihm durch und er benahm sich schlicht daneben. Wie ein kleines Kind im Sandkasten den anderen Kindern die Sandförmchen wegnehmen muss, um im Mittelpunkt zu stehen, gefährdete er in wenigen Sekunden den "Burgfrieden". In solchen Momenten schlug mein kritisches Eltern-Ich Alarm und wies den "Jungen" in seine Schranken. Ich behandelte ihn plötzlich von oben herab und das Kindheits-Ich von Claus rebellierte gegen mein autoritäres Verhalten... Der Konflikt war da.

Zu Beginn hatte ich solche Momente durch meine kontrollierte Sachlichkeit noch auf eine konstruktive Ebene bringen können, aber ich hatte die Ursache seiner Ausbrüche nicht wirklich verstanden. Deshalb wuchs mein Misstrauen ihm gegenüber mit jedem seiner emotionalen Fehltritte weiter an, bis seine finanzielle Forderung das Fass zum Überlaufen brachte.

Wäre ich mir damals schon über die Triebfeder seines Handelns bewusst gewesen, hätten wir vielleicht die Chance gehabt, seinen kindlichen Geltungstrieb anderweitig zu befriedigen, dort wo es nicht zu wirtschaftlichem Schaden führen konnte. Aber selbst wenn das unsere Zusammenarbeit nicht auf Dauer gerettet hätte, weil wir von unseren Wertevorstellungen so unterschiedlich waren, so wären wir mit meinem heutigen Wissen in der Lage gewesen, unsere Kooperation mit mehr Sachlichkeit und schmerzfreier ausklingen zu lassen.

Und nun, fünf Jahre später, sollte ich ihm auf privater Ebene wieder begegnen... Hatte ich die Vorkommnisse von damals verarbeitet und überwunden? Würde ich ihm wertfrei begegnen können? Oder würden die alten Verletzungen durch sein Wesen, seine Stimme, seine Gestik wieder angetriggert? Als ich auf seinen Tisch zuging und ihm die Hand zur Begrüßung entgegenstreckte, spürte ich eine leichte Beklemmung in der Brust. Ich setzte mich, fragte nach seinem Befinden und er begann zu erzählen....

Meine Anspannung löste sich. Dieser Claus, der da vor mir saß und von sich erzählte, war nicht der, mit dem ich so lange und erfolgreich zusammengearbeitet hatte. Er hatte sich zwar äußerlich kaum verändert, aber mit jedem Satz, den er von sich gab, zeichnete er das Bild eines Menschen, der mir fremd war. Hatten wir uns wirklich so verändert? Hatte ich schon so viel innere Distanz entwickelt? Oder hatte ich mir damals nur ein idealisiertes Bild von ihm gemacht? ...

Nach zwei Stunden Smalltalk verabschiedeten wir uns voneinander und wünschten uns alles Gute. Auf dem Heimweg im Auto muss ich grinsen: Nein, es war gut, sich damals getrennt zu haben. Mit diesem Menschen möchte ich heute nicht mehr zusammenarbeiten. Aber warum habe ich ihn vor Jahren so anders gesehen?

Weil es keine objektives Urteil gibt! Wir alle schaffen uns unsere persönliche Wahrheit immer selbst. Getrieben von unseren Hoffnungen und Bedürfnissen interpretieren wir die Realität, um trotz aller Zweifel zu unseren Entscheidungen stehen zu können. Wenn sich unsere Wahrheit später als Illusion entpuppt, ist das zwar mit Enttäuschungen und Schmerzen verbunden, aber ohne emotionales Engagement kann sich keine wirkliche Beziehungen entwickeln.

Es wird nicht das letzte Mal in meinem Leben sein, dass ich mich in meinen Gefühlen verstricke. Die Neugier und Begeisterung meines Kindheits-Ich ist mir zu wertvoll, als dass ich sie mir verbieten könnte und ohne Eltern-Ich wären Zielstrebigkeit und Erfolg nicht möglich. Enttäuschungen wie diese werden meine Persönlichkeit nicht grundlegend verändern, aber sie machen mein Erwachsenen-Ich um eine Erfahrung reicher! Und diese Erfahrung werde ich nutzen, um in Zukunft seltener zum Opfer von Psychospielchen zu werden.

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