CIT-Consult Emotion-Blog

Auftrag erfüllt – Erfolg als Bedrohung fürs System

15.05.2012 von: Miklas Wrieden

Auf dem Spielplatz lerne ich von meiner Tochter. Ihr Mut auf der Schaukel, sich hinzustellen und hoch hinaus zu schaukeln, geht mir tief ins Herz. "Guck mal, Papa!" Wir lachen uns an, stolz treffen sich unsere Blicke. Sie probiert ihre Grenzen aus. Das ist grad eine ihrer Aufgaben in unserem Familiensystem. Sie lernt, entwickelt ihr Bewusstsein und wächst an Herausforderungen. Mit so mancher Handlung fordert sie mich heraus. Dennoch, gelassen setzte ich mich an die Seite und beobachte sie, lange. Systematisch läuft dieser Prozess ab. Jedes Mal, wenn wir auf den Spielplatz gehen.

Ein System kann Halt geben, Struktur, die der Orientierung dient. Reibefläche, um das Selbst zu definieren durch Erfahren. Wer bin ich? Wo gehöre ich hin? Was will ich erreichen? In meiner Persönlichkeitsentwicklung brauche ich Kritik und Auseinandersetzung. Damit ich mich messen kann, an meinen eigenen Wertmaßstäben und denen der Anderen. Damit ich meine Einstellungen überprüfen kann. Passen diese so, wie ich sie mir theoretisch zurecht gelegt habe? Oder muss ich korrigieren?

Heute geht es um eine Geschichte aus meinem Arbeitsleben. Ein ganz persönliches Erlebnis. Es liegt noch kein Jahr zurück. Ich war angestellt, im öffentlichen Dienst. Keine sichere Arbeitsstelle, nur Jahresverträge für ein ESF-Projekt (Europäischer Sozial Fond). Wir betreuten junge Menschen, ihren persönlichen beruflichen Lebensweg zu finden, durch persönliches Coaching, nahe an der Person. Mein direkter Vorgesetzte schätzte meine Arbeit sehr. Von Projekt zu Projekt wurden mir verantwortungsvollere Aufgaben übertragen, bis hin zur stellvertretenden Leitung.

Aber jedes Jahr mussten neue Anträge für das Gesamt-Projekt gestellt werden. Im letzten Jahr war die Situation besonders schwierig, weil die Budgets weiter gekürzt wurden. Wir mussten noch genauer auf Formulierungen, Kofinanzierungen und Inhalte achten. Mitten in diesen Prozess platzte die Sachleiterin des öffentlichen Verwalters und nahm mir das Antragsverfahren aus der Hand. Ohne Erklärung. Auf meine Nachfragen hin kam die Antwort, dass sie andere Pläne hätte und sich selber kümmern würde.

Erst nach ein paar Tagen realisierte ich, dass die sicher geglaubte Zukunft, damit ins Wanken geriet. Da unser Projekt so erfolgreich war, hätten wir wie in den vergangenen Jahren sicher den Zuschlag erhalten. Nun hatte sie mir meinen Einfluss darauf genommen. In einem erzwungenen Gespräch wurde uns die neuen Pläne vorgestellt. Wir konnten uns demnach auf die zu erwartenden Stellen neu bewerben. Wie bitte? Ich soll mich für einen Job neu bewerben, den ich seit drei Jahre eigenverantwortlich gestaltete und leitete? Das sollte wohl ein schlechter Film sein! Mir wurde schwindlig vor Wut!

Diese Person wusste nicht, wer ich bin und was ich tat. Sie hatte noch nie mit mir gesprochen und mich noch nie nach meinen Erfahrungen gefragt. Und nun nahm sie sich das Recht heraus, unser Projekt – mein Projekt – neu auszuschreiben. Wir machten gute Arbeit. Nachweisbar durch Erfolgszahlen. Es interessierte sie nicht. Sechs Wochen vor Projektende erfuhren wir, dass der Antrag nicht gestellt wurde und die EU-Mittel nicht abgerufen wurden. Statt die Mittel für zwei volle Arbeitsplätze und Betreuungsmöglichkeiten für junge Menschen zu erhalten, wurden Gelder für nur eine Stelle aufgebracht, die weniger leisten konnte. Das war für mich nicht nachvollziehbar.

In diesem System glaubte ich an die Entscheidungsfähigkeit meines Vorgesetzten. Es war bitter, mit ansehen zu müssen, wie er und wir gleichzeitig demontiert wurden. Unsere Projektentwicklung und Zukunftsplanung für die nächsten Jahre wurde systematisch das Wasser abgestellt. Meine private Existenz war kurzfristig bedroht.

Die Gefühle in mir waren sehr vielfältig. Es ging los mit Wut, Unverständnis, Existenzängsten und Enttäuschung. Wieso hab ich mich so bemüht in meinem Job? Es gab keine Wertschätzung für das, was ich geleistet habe. Im Gegenteil. Die letzen Wochen vor meiner Arbeitslosigkeit waren inhaltlich nur noch Abwicklung. Traurigkeit begleitete mich, da ich mich nicht mehr und wohl auch niemand anderes um meine KlientInnen kümmern konnte. In dem System, in dem ich arbeitete, wurde eine politische Entscheidung ganz oben getroffen, ohne die wirklichen Folgen mit den Beteiligten zu besprechen. Ich hätte mir gewünscht, dass es die Möglichkeit zum Austausch gibt. Zum offenen Austausch. Stattdessen konnte ich mir nur zusammenreimen, welche Gründe es wohl gibt. Aus welchen Beweggründen tun Verantwortliche so etwas? Wieso wird nicht klar miteinander geredet und gemeinsam an der Zukunft gearbeitet? Liegt das am System Öffentlicher Dienst?

Wertschätzung, Achtsamkeit, Kritikfähigkeit? Drei Werte. Ich konnte sie in diesem Prozess nicht wieder finden. Sollte ich woanders suchen? Ich verbrachte viel Zeit mit Nachdenken. Letztendlich war es immer wieder mein Bauch, der mir half, Entscheidungen zu treffen. Bewusst habe ich mich entschieden, keine Neubewerbung abzugeben, weil ich nicht in Konkurrenz zu meiner Kollegin treten wollte. Und ich bereue es nicht.

Ich nahm also die aktuellen Entwicklungen an und bin heute froh darüber, dass ich nicht mehr in diesem System arbeite, in dem ich glaubte, sicher zu sein. Es war eben einfach nur ein Job auf meinem Lebensweg. Jetzt bin ich Selbstständiger Unternehmer. Na ja, ich arbeite stetig daran und bin froh, dass ich meine eigenen Entscheidungen treffen kann, um in meinem Leben glücklich und zufrieden zu sein. Ich betrachte dieses Erlebnis mittlerweile als Geschenk, da ich Lernerfahrungen machen konnte, die mir sonst verwehrt geblieben wären.

Und nun gehe ich schaukeln. Grenzen erfahren und leben.

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