CIT-Consult Emotion-Blog

Entfaltung statt Profitmaximierung

14.05.2012 von: Paula Bemmann-Wöschler

Profitmaximierung und Egoismus sind Zeitgeist, was wir dringend benötigen sind aber Persönlichkeitsentwicklung, Selbstführung und SelbstbewusstseinIn den letzten Jahrzehnten hat sich eine Gruppe von sogenannten „Führungskräften“ in unserer Gesellschaft breit gemacht, die hauptsächlich ihr Eigeninteresse vertritt. Es gilt, in kürzester Zeit das Maximum für die eigene Person herauszuschlagen. Kollateralschäden werden bewusst in Kauf genommen und als marktgegeben, weg von der eigenen Verantwortung interpretiert, Profitmaximierung und Egoismus zum neuen Zeitgeist hochstilisiert. Sie sind unglaublich erfolgreich, diese Menschen, wenn man Erfolg – wie in unserer westlichen Gesellschaft – in Status, Einkommenshöhe, Titeln und prestigeträchtigen Ämtern mit millionenschweren Abfindungen und Pensionszusicherungen misst.

Am Wochenende hörte ich wieder von schwindelerregenden Bonuszahlungen an irgendwelche Manager, für deren Bankhäuser staatliche Bürgschaften hinterlegt wurden – ich habe vergessen für wen, wann und warum. Ein Kopfschütteln war meine einzige Reaktion. Und dann ging ich zurück zur Tagesordnung. Fast – wenn mich in diesem Moment meine eigene Abgestumpftheit nicht richtig erschreckt hätte. Diese Branche macht einfach so weiter, als hätte es keine Bankenkrisen gegeben und eine ganze Gesellschaft schaut zu, weil sie sich abhängig oder wie ich in diesem Augenblick machtlos fühlt.

Aber es wäre ungerecht, diese Ausbreitung von Profitmaximierern nur allein der Bankenbranche zuzuschreiben. In der Wirtschaft haben sie in allen Branchen mittlerweile Einzug gehalten und höhlen ganze Unternehmenskulturen aus. Ich höre immer wieder von Mitarbeitern und Führungskräften, dass sie diese Entwicklung nicht gut finden und sehe aber auch immer wieder die Hoffnungslosigkeit in ihren Augen, dem gemeinsam etwas entgegenzusetzen. Ich frage mich, woran das liegt. Reiben sich die meisten im Dauerstress des Alltags so sehr auf, dass sie grade noch ihre Aufgaben erledigt bekommen und keine Energie mehr bleibt für das Hinterfragen von dem, was, wie oder wozu sie etwas tun? Ist es der Mangel an Selbstliebe oder Selbstführung, der viele veranlasst, gegen als ungerecht empfundene Situationen nicht offen und klar Position zu beziehen oder einen Gegenentwurf zu entwickeln?

Wahrscheinlich muss jeder seine eigene Antwort finden. Denn erfolgreiche Gegenentwürfe von Führungskräften, die den Namen verdienen, gibt es viele. Sei es der Hochlandbauer aus Tessin, dessen Aktionäre ihre Rendite als Biofleisch beziehen, der Investmentbanker, der ehrenamtlich im Hospiz arbeitet, oder der Mittelständler, der sich für seine Region engagiert und einem anderen Traditionsunternehmen mit einer Übergangsfinanzierung hilft, als dessen Gläubiger auf ein Insolvenzverfahren dringen.

Maximalen Profit abzugreifen, um in irgendeiner Forbes-Liste zu stehen oder als besonders erfolgreich im Sinne von Status und Einkommen zu gelten, ist sicherlich kein innerer Treiber von diesen Menschen, die eine Vision verfolgen, ihre Umwelt mitgestalten oder der Allgemeinheit etwas zurückgeben wollen. Schon eher zeichnet sie ein sehr gutes Beziehungs- sowie sicherlich starkes Aktivitäts- und Handlungsmanagement aus. Darüber hinaus verfügen sie aber auch über eine große Fähigkeit, sich selbst zu führen.

Wenn es darum geht, noch nicht besetzte Marktnischen zu finden oder nachhaltig etwas aufzubauen – aber auch zunehmend im ganz normalen Führungsalltag handlungsfähig zu bleiben – ist ein konstruktiver Umgang mit mehrdeutigen Situationen von großer Bedeutung. Denn viele Situationen und Rahmenbedingungen sind nicht eindeutig definiert, die Informationslage unvollständig und strategische oder politische Entscheidungen konfliktträchtig, weil sie z.B. im Widerspruch zu bisher als gängig empfundenen Vorgehensweisen stehen. Das Aushalten dieser Zustände verursacht ein mehr oder weniger großes individuelles Stressempfinden. Je größer die Toleranz gegenüber solchen Zwei- oder Mehrdeutigkeiten ist, desto weniger wird das Wohlbefinden eines Menschen angegriffen. Er bleibt entscheidungs- und handlungsfähig trotz Unklarheiten. Diese Toleranz lässt sich steigern, indem man eingefahrene Wege verlässt und viele unterschiedliche Erfahrungen sammelt.

Die eigene Lernfähigkeit spielt dabei eine sehr wichtige Rolle. Wer sich gut selbst führen kann, steht neuen Themengebieten und Situationen offen und mit Neugier gegenüber, statt ängstlich abzublocken und Neues zu vermeiden. Er ist geübt in der Analyse von Datenmaterial, eigener und fremder Erfahrungen, zieht für sich Schlüsse daraus und wendet diese gewonnenen Erkenntnisse auf neue oder veränderte Gegebenheiten konsequent an. Was ihn jedoch am meisten von eher fremd gesteuerten Menschen unterscheidet, ist sein Bedürfnis nach persönlicher Weiterentwicklung und Entfaltung, ohne dass dies auf Kosten anderer geht.

Wer zudem für etwas brennt und das, was er tut, liebt, wird Einsatz zeigen und seine Kräfte mobilisieren. Ein Verzicht auf Freizeit in Stoßzeiten wird dann nicht als Stress, Belastung oder Einschränkung empfunden, weil sich die Führungskraft bewusst für diesen Weg entschieden hat.

Wenn Sie wissen wollen, in welchem Bereich (Beziehungs-, Handlungs- oder Selbstmanagement) Sie ansetzen können, um sich in ihrer Selbstführung zu verbessern, dann analysieren Sie doch einfach einmal Ihr Potenzial.

 

Foto: Eve Leupold/Pixelio.de

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