CIT-Consult Emotion-Blog

Bildung und Einbildung

09.05.2012 von: Michael Blochberger

Bewerbung-coaching hilft Studienabsolventen die von der Wirtschaft geforderte Soziale Kompetenz nachzuholen, die in der Uni nicht beigebracht wirdEinmal jährlich erhalten Studienabgänger an der Bremer Uni die Chance, aus ihrem Ausbildungsghetto auszubrechen und Kontakt mit der realen Wirtschaft aufzunehmen. Dann stellen sich zahlreiche Unternehmen der Region auf einer Messe vor und suchen den Kontakt zu den Studienabgängern. Im Rahmenprogramm werden den Studenten Vorträge, Workshops und Bewerbungs-Coaching angeboten. Auch ich hatte gestern wieder die Chance, einigen Absolventen auf dem Weg ins Berufsleben zu helfen und dabei berührende Momente erlebt!

Eine junge spanische Architektin war eine der Absolventen, die sich bei mir für eine Bewerbungsberatung angemeldet hatten. Aufgrund der hohen Arbeitslosenquote spanischer Berufseinsteiger hatte sie sich von Madrid aus auf den Weg gemacht, um in Deutschland ihr Glück zu versuchen. Wild gestikulierend saß sie mit ihren langen schwarzen Haaren und großen Augen vor mir und versuchte, in gebrochenem Deutsch ihre Begeisterung für Architektur, insbesondere für die Planung und Gestaltung moderner Lernräume Ausdruck zu verleihen. Ganz im Gefühl zwischen Sehnsucht, Hoffnung und Verzweiflung.

"Was muss ich sprechen, um ein Chance zu bekommen? Mein Deutsch ist ganz schlecht. Und ich bewege zu viel..." Ich musste lachen. "Nein, Ihre Körpersprache sagt mehr als 1000 Worte! Bleiben Sie so, wie Sie sind. Ihre Begeisterung, Ihre Emotionen brauchen keine perfekte Sprache. In Ihrer leidenschaftlichen, lebendigen Art sind Sie viel überzeugender als die meisten Deutschen!"

Weil sie mich so ungläubig ansah, erklärte ich ihr, dass ein gewisser Mehrabian vor 40 Jahren in einer Studie nachgewiesen habe, dass Glaubwürdigkeit und Vertrauen zu 55% durch Körpersprache, zu 38% durch die Stimme und nur zu 7% durch das gesprochene Wort entstehen. Und ihre Körpersprache wäre mehr als überzeugend. Für eine Festanstellung wäre es allerdings von Vorteil, ihre Sprachkenntnisse zu verbessern.  

"Nur Praktikum, ohne Geld. Ich suche noch Erfahrung." Baff erstaunt über so viel Bescheidenheit und Realitätssinn, suchte ich mit ihr gemeinsam nach den treffenden Argumenten für Ihre Bewerbung und Qualifikation. In drei mehrmonatigen Praktika hatte sie bereits in Spanien Projekte betreut und Erfahrungen gesammelt, die sie als Referenzen vorlegen konnte.

Mit ihr erlebte ich einen Dialog auf Augenhöhe, ganz von Vertrauen und Offenheit geprägt. Sie war eine temperamentvolle Spanierin, die trotz Sprachbarriere ihre schnelle Auffassungsgabe und kreative Neugier bewies. Wer dieser jungen Frau eine Chance gab, konnte nur gewinnen! Also versprach ich ihr am Ende, ihre Kontaktdaten an ein befreundetes Architekturbüro weiterzugeben, froh, ihr ein wenig weiterzuhelfen.  

Wie anders dann der folgende Kandidat: eine Mischung aus Naivität, Selbstüberschätzung und Geldgier. Ihm ging es nicht um Selbstreflexion, er wollte nur den Weg gezeigt bekommen, nach Abschluss seines IT-Studiums, so viel Kohle wie möglich zu machen. Er stellte seine Erfahrung und seine Kenntnisse zu keinem Zeitpunkt in Frage, sondern glaubte noch an die Garantie, sich mit seinem Studienabschluss den Arbeitsplatz aussuchen zu können. Das einzige Problem, das ihn umtrieb, war die Höhe seines Anfangsgehaltes.

"Was meinen Sie, kann ich ein Anfangsgehalt von 60.000 Euro fordern?" Es verschlug mir fast die Sprache... "Ja, Sie können, aber Sie werden keine Antwort darauf bekommen!" gab ich zurück. War es Zufall oder symptomatisch, dass die deutschen Studienabsolventen, mit denen ich sprach, so viel weltfremder und lebensuntüchtiger waren als die Absolventen ausländischer Herkunft? Diejenigen, die im Ausland studiert hatten, besaßen deutlich mehr Lebenserfahrung und Realitätssinn, als die Zöglinge deutscher Bildungsstätten.

Ist diese Generation nur das Abbild unserer entfremdeten, materialistischen Gesellschaft? Oder sind unsere Universitäten tatsächlich so weltfremd, dass es ihnen nicht gelingt, ihre Kunden (nämlich die Studenten) auf die wirtschaftliche Realität vorzubereiten? Trotz guter Vorsätze scheint unser Bildungssystem die Entwicklung von Reife und Emotionaler Intelligenz mehr zu behindern als zu fördern. Die jungen Hoffnungsträger werden sich selbst überlassen und wer es vom Elternhaus nicht mitbringt, hat kaum eine Chance. Es ist traurig!

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