CIT-Consult Emotion-Blog

Das System: Sich frei fühlen oder eingezwängt sein

20.04.2012 von: Miklas Wrieden

Ich fühle mich gut, wenn ich etwas selbstständig erreicht habe. Das fängt als Kind schon an, wenn ich bspw. die ersten Schritte alleine gehe. Den Stolz und das Glücksgefühl in den Augen meiner Tochter werde ich nie vergessen. Wir konnten uns gemeinsam über diesen Schritt in ihre Selbstständigkeit freuen. Es stärkte sichtlich ihr Selbstbewusstsein. Bestimmt ging es mir genauso, als ich klein war. Ich kann mich erinnern, dass ich zur Zeit meiner Pubertät angefangen habe, mir Gedanken über meine Selbstständigkeit zu machen. Und mir wurde bewusst, dass ich einen Teil aufgeben musste, um in einem System zu bestehen. Es war das System Schule. Klar, Struktur ist wichtig, damit ich Orientierung lerne. Nur, welches System passt zu mir? Passt überhaupt irgendein System zu mir?

Wahrscheinlich leben wir immer irgendwie in einem System. Fragt sich nur, wie wohl wir uns gerade darin fühlen. Die Veränderbarkeit eines Systems hat mehrere Faktoren. Einer davon bin ich selber. Denn, wie stark und in welche Richtung ich mich verändere, es wirkt sich immer auf das System aus, in dem ich gerade agiere.

Stoße ich an die Grenzen des Systems, in dem ich mich bewege, spüre ich dies. Ausbrechen aus einem System beispielsweise in der Arbeitswelt wird bestraft. Damit meine ich nicht die Abmahnung oder ein Personalgespräch, wenn ich regelmäßig zu spät komme oder Arbeitsaufträge nicht korrekt und rechtzeitig ausführe. Vielmehr habe ich dabei im Sinn, wenn man als Macher mit seinen eigenen Ideen an die Führungskraft herantritt, diese davon aber aus verschiedenen Gründen nichts hören will.

Noch schlimmer scheint es, wenn man nach seiner persönlichen Überzeugung handelt und mit dieser Handlung im System eines Kooperationspartners für Unruhe sorgt, sodass es zu einem Klärungsgespräch kommt, indem man sich für seine Überzeugung entschuldigen soll, weil sich Mitarbeiter in ihrer Persönlichkeit beleidigt fühlten. Wo führt das hin?

Schauen wir uns an, was ein System ist, um zu verstehen, warum Menschen Grenzerfahrungen oder Ausbrüche irritieren. Im "Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm" steht, dass "System ein aus mehreren Dingen zusammengesetztes Ganzes" ist. Nehmen wir dies als Ausgangssituation im Arbeitsalltag. Das Ganze ist die Firma. Und ihre Philosophie. Und ihre Produkte. Und ihre Mitarbeiter. Einer ist für das Ganze verantwortlich. Alles funktioniert nach einem erwarteten Muster. Dem System. Alle fühlen sich wohl. Alle!? Ein Mitarbeiter denkt gern über seine Arbeitsplatzbeschreibung hinaus. Es macht ihm Spaß, Neues zu erdenken und Altes über Bord zu schmeißen. Er nutzt sogar seine Freizeit dafür. Der Verantwortliche für das Ganze sieht dies zunächst nicht. Er fühlt sich sicher. Hat alles in der Hand.

Nun geht der Mitarbeiter zum Verantwortlichen und stellt ihm seine Ideen vor. Verbesserungsvorschläge, die in seiner Abteilung und für das Ganze einen Nutzen haben. Ich denke mir an dieser Stelle: Toll, so einen Mitarbeiter hab ich gern. Opfert seine Freizeit für die Weiterentwicklung seiner Firmenstrukturen. Seinem System. Das denkt sich übrigens auch der Mitarbeiter. Jedoch wird er im nächsten Moment herbe enttäuscht. Der Verantwortliche hört ihm zwar zu, zeigt aber überhaupt kein ehrliches Interesse. Wie kommt das? Wie geht es dem Mitarbeiter?

Mir bleibt nur Spekulation für sein Verhalten, da ich die wahren Beweggründe des Verantwortlichen nicht erfahre. Mangelt es ihm an Führungsqualitäten? Hat er gerade viel zu viel auf seinem Schreibtisch liegen? Fühlt er sich vom Mitarbeiter übertrumpft, weil er nicht selber darauf gekommen ist? Die Gründe können vielfältig sein.

In die Lage des Mitarbeiters kann ich mich hineinversetzen. Passiert so etwas zum Ersten Mal beschwichtige ich das Verhalten. Ich denke: Ach, er wird schon verstanden haben, was ich ihm sagen wollte. Wenn er Zeit findet, kommt er sicher auf mich zu. Zeit finden? Beim Zweiten Mal wird mir ein feiner Hauch von Groll in meinem Bauch bewusst. Ich fühle es ganz deutlich, dass mich etwas stört, kann es aber noch nicht so ganz greifen. Dieses Gefühl trage ich eine Zeit lang mit mir herum. In meinem Kopf formen sich Worte wie Ablehnung, mangelnde Wertschätzung, Übereifer, auf die Füße getreten, und Sätze wie Ich bin bestimmt zu weit gegangen. Habe ich mich respektvoll verhalten? Dieser Blick aus dem Augenwinkel war echt unangenehm..., bis nur noch ein Klumpen Gefühlschaos in meinem Körper bleibt. Für ein drittes Mal nehme ich all meinen Mut zusammen. Dennoch spüre ich meine Verunsicherung. Ich sitze da und sehe ihn viel größer als sonst. Ich wünsche mir, dass ich gleich aus der Tür rennen kann und alles vorbei ist. Ich fühle mich eingeschüchtert, nicht wahr genommen und irgendwie auch lächerlich, dass ich hier zum wiederholten Mal mit der selben Idee auftauche.

In diesem Moment schiebt sich mir ein Bild vor mein inneres Auge. Mein Vater hockt vor mir, schaut mir in die Augen, lacht mich an und freut sich mit mir über meine ersten Schritte als kleines Kind. Ich werde selbstständig. Kann alleine gehen. Mich hinbewegen, wo auch immer ich hin will. Mit meinem kindlichen freien Willen mache ich das, was ich will. Wieder in der Wirlichkeit setze ich mich gerade in den Stuhl vor dem Verantwortlichen. Ich straffe meinen Körper, atme tief durch und spüre den Ruck von Kopf bis Fuß. In meiner Spontaneität spreche ich den Kopf des Ganzen, des Systems, an und beschreibe ihm meine Gefühle. Ich lege ihm dar, was seine Reaktionen bzgl. meiner Idee mit mir machen. Ich berichte ihm von meiner Lust am über die Grenzen denken. Er erfährt von meiner Irritation über seine Zurückhaltung. Ich spreche ihm meinen Wunsch aus, eine klare Rückmeldung von ihm zu bekommen.

Er saß nur da. Hörte sich alles an. Runzelte die Stirn. Stützte sein Kinn in die Hand und rieb sich mit dem Finger über die Wange. Er gab nur einen Laut von sich: "Mhm."

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