CIT-Consult Emotion-Blog

ICH und WIR – zwischen Selbstbestimmung und Verantwortung

16.04.2012 von: Michael Blochberger

Persönlichkeitsentwicklung von Führungskräften sollte durch Coaching professionell begleitet werden, damit der Transfer in den beruflichen Alltag gelingtBernd hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Es begann mit der Entscheidung, die Leitung eines Teams von Ingenieuren zu übernehmen, was ihn vor ungeahnte Herausforderungen stellte. Als erfolgreicher Spezialist war er es gewohnt, dass seine Fachkompetenz respektiert wurde, aber in der Führungsrolle waren plötzlich Sozialkompetenz und persönliche Autorität gefragt – Bereiche, in denen er sich doch sehr unsicher fühlte. Da ihm die Personalabteilung seines Unternehmens keine Unterstützung anbot, beschloss er, auf eigene Kosten seine Persönlichkeit zu entwickeln.

Auf Empfehlung entschied er sich für einen Anbieter von Selbsterfahrungstrainings, der schon einer früheren Freundin aus ihrer Lebenskrise geholfen hatte. In einer Gruppe von 18 Teilnehmern war er einer der wenigen Männer, die sich auf eine Forschungsreise in ihr Unterbewusstsein einließen und begannen, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Ihnen allen war gemeinsam, mit ihrer derzeitigen Lebenssituation unzufrieden zu sein.

Die Seminarreihe zieht sich über einen Zeitraum von über zwei Jahren, in denen Bernd in die ungeahnten Tiefen seiner Persönlichkeit eintaucht, seine tiefen Ängste und Verhaltensmuster erkennt und beginnt, deren Ursachen zu verstehen und zu verändern. Als ungewolltes Kind hatte er wenig Liebe und Anerkennung von seinen Eltern bekommen und sich zum stillen, aber begabten Einzelgänger entwickelt. Der Versuch, sich mit seinen Eltern auszusprechen, endet nun in Vorwürfen und Unverständnis.

Doch die Zeit der Anpassung und Rücksichtnahme ist vorbei. Bernd spürt einen tiefen Drang, Grenzen zu setzen und sich von alten Zöpfen zu verabschieden. Ja, er sucht diese innere Befriedigung, all das nachzuholen, was er in seinem Leben bisher versäumt hat. Als seine ohnehin oberflächliche Beziehung in die Brüche geht, weil sie mit seinen Veränderungen nicht zurecht kommt, ist es ihm nur recht. Stehen doch jetzt sein neues Leben und seine neuen Erfahrungen für ihn im Mittelpunkt.

Auch seinen Mitarbeitern in der Firma können seine Veränderung nicht verborgen blieben. Fokussiert auf seine persönliche Entwicklung bleibt ihm wenig Kraft, sich um die Nöte und Bedürfnisse seiner Mitarbeiter zu kümmern. Wo er sich in der Vergangenheit als Führungskraft zu hilflos und zögerlich zeigte, um Akzeptanz gewinnen zu können, reagiert er immer häufiger impulsiv und aggressiv, was seine Mitarbeiter zunehmend verunsichert. Jede Frage, jeden Fehler, jeden Konflikt interpretiert Bernd nun als persönlichen Angriff auf seine Autorität und schlägt mit Schuldzuweisungen um sich. Bernd ist zwar den Schritt gegangen, sich zu öffnen und seine Gefühle zu zeigen, aber diese Gefühlsausbrüche sind noch Ausdruck seiner Hilflosigkeit und lassen die Sicherheit und Souveränität einer Führungskraft vermissen, die es notwendigerweise braucht, um kritische Momente lösen zu können.

Seine Mitarbeiter fürchten sich bald vor ihm und seinen hysterischen Reaktionen. Das Team spaltet sich in die, die um seine Wertschätzung buhlen und diejenigen, die sich gegen ihn solidarisieren. Weil auch Bernd die Anerkennung seiner Kollegen benötigt, ist er empfänglich für die Schmeicheleien seiner Befürworter und wird zum Opfer derer Psychospielchen. Wer sich mit Bernd gut steht, nimmt sich Sonderrechte raus, kommt nicht zu Meetings oder feiert krank. Die Gegenseite nutzt jede Gelegenheit, das System infrage zu stellen. Zwischen den emotionalen Fronten ist eine konstruktive Zusammenarbeit kaum noch möglich, Missverständnisse, Fehlerquote und Fehlzeiten steigen, die Leistungsfähigkeit sinkt. Bernd sieht sich vor einem emotionalen Scherbenhaufen, dem er nicht mehr gewachsen ist.

Wie ist Bernd zu helfen? Sicher braucht er noch etwas Zeit, um in seine Verantwortung hineinzuwachsen. Ein begleitendes Coaching könnte ihm eine Hilfe sein. Aber es hätte nicht soweit kommen müssen, wenn sich die Personalabteilung für seine Entwicklung stark gemacht hätte.

Ich bin der festen Überzeugung, dass die Entwicklung von Persönlichkeit keine private Angelegenheit bleiben darf, sondern für jedes Unternehmen von unschätzbarer Bedeutung ist. Diese Entwicklung sollte von der Personalentwicklung des Unternehmens beauftragt und beobachtet werden, um die Mitarbeiter auf ihre Führungsarbeit vorzubereiten. Wer die Verantwortung dem Mitarbeiter allein überlässt, muss sich nicht wundern, dass die Aspekte der Führungsverantwortung nicht genügend berücksichtigt werden.

Zahlreiche alternative Anbieter setzen ihre wert- und wirkungsvollen Methoden ausschließlich zur Entwicklung intrapersoneller Aspekte der Persönlichkeit ein. Sie arbeiten vornehmlich an der Entwicklung des "Ich" und der Überwindung gesellschaftlicher Konditionierungen. Grundsätzlich ein wichtiger und notwendiger Weg zur Persönlichkeitsentfaltung – wenn der Transfer in den Alltag gelingt. Hier liegt das Problem vieler Angebote, die sich an private Interessenten richtet: Hier steht das individuelle Glück im Fokus und nicht die soziale Verantwortung einer Führungskraft.

Dem stehen die meisten Programme zur Führungskräfte-Entwicklung entgegen, die ausschließlich auf das Vermitteln von Modellen und Techniken setzen und methodisch an der Oberfläche bleiben. Sie beschäftigen sich vornehmlich mit interpersonellen Aspekten, lassen aber Persönlichkeitsaspekte weitgehend unberührt. Es fehlt die methodische Tiefe, um Ängste und Traumata zu überwinden und die Teilnehmer zur authentischen Führungskraft reifen zu lassen.

Hier bieten wir neue Lösungen. In unseren Trainings kombinieren wir persönlichkeitswirksame Methodik zur Stärkung intra- und interpersoneller Kompetenzen mit einem nachhaltigen Transfer für den beruflichen Führungsalltag. Ein großer Teil des Erfolges erwächst aus der Vielfalt der teilnehmenden Führungspersönlichkeiten aus unterschiedlichen Branchen und deren Reflexion. So entsteht persönliches Wachstum von Verständnis, Vertrauen und Verantwortung für Mensch und Organisation. Denn die Anforderungen der Zukunft machen es notwendig, unser globales Wissen zu bündeln, um endlich bewusstseinsbildende Entwicklungsschritte zu ermöglichen. Die Lösungen liegen oft nahe, wenn wir nur den Mut haben, systemübergreifend voneinander zu lernen.

 

Foto: Andrea Kusajda/pixelio.de

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