CIT-Consult Emotion-Blog

Gefühlsklug

17.11.2011 von: Paula Bemmann-Wöschler

Was bringt mir Emotionale Intelligenz? In meinem Streben, erfolgreich meine Frau zu stehen, mich durchzusetzen, pünktlich meine Arbeitsaufgaben zu meistern, die irgendwie immer zu viele auf einmal sind, können aufkommende Gefühle der Überforderung, Zukunftsängste oder Schuldgefühle ganz schön nerven. Ich bin gestresst, muss durchhalten, funktionieren. Also Zähne zusammen beißen und Emotionen runter schlucken, sonst...

...sonst, was? Dieser Frage auf den Grund zu gehen, habe ich jetzt aber leider keine Zeit. Vielleicht morgen, übernächste Woche oder wenn mal wieder „Luft“ dafür sein sollte. Ich scheine kein Einzelfall zu sein. Gehe ich vor die Tür, sehe ich viele Gleichgesinnte – mir kommen die grauen Männer aus „Momo“ in den Sinn. Ist es heute nur das fahle Novemberlicht, das mich all die mit mir hastenden Menschen in Schleiergrau erscheinen lässt? Keiner von uns hat Lust mit einem anderen zu reden, selbst ein flüchtiges „Guten Morgen“ geht den meisten fast über ihre Kraft. Um mich herum verschlossene, zusammengekniffene Münder, die Lippen zu dünnen Strichen mutiert, die Augen in die Ferne gerichtet – oder auf Text fixiert. Ich schaue in die Runde. Keiner der körperlich Anwesenden ist hier. Alle sind woanders, in sich gekehrt, schotten sich ab vom Hier und Jetzt. So sehr ich mich auch mühe, ich kann in den Gesichtern nicht mehr lesen, wie es dem Einzelnen wirklich geht. Also schaue ich aus dem Fenster und erschrecke vor der harten Maske meines Spiegelbildes.

Eine Gesellschaft im Erschöpfungszustand und dennoch weiter in Bewegung und die Beschleunigung scheint zuzunehmen. Wir sind fast immer in Zeitnot und sehen uns ständig neuen Erwartungen gegenüber. Alles ist möglich, aber die scheinbar grenzenlosen Wahlmöglichkeiten lassen uns einfach nicht mehr zur Ruhe kommen. Jede Entscheidung kann ein Fehler sein – ein kleiner oder auch ein großer. Gefühlte Unsicherheit macht sich breit und unsere Ängste nehmen zu. Eine ganz natürliche biologische Reaktion auf Unübersichtlichkeit und Reizüberflutung, wie bei dem Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer zu lesen ist. Doch statt sich Auszeiten zu nehmen, um durchzuatmen, den Angstgefühlen auf den Grund zu gehen und sich neu zu orientieren, beißen mehr und mehr Menschen die Zähne zusammen, schlucken ihre Gefühle runter und hasten weiter. Mein Mann kann ein Lied davon singen. Er fertigt in seiner Praxis immer häufiger Zahnschienen an, damit die vielen Zähne-Zusammen-Beißer und Zähne-Knirscher sich wenigstens nachts etwas entspannen können.

Trotz ausgeklügelter Techniken, optimalem Zeitmanagement und hoher Verstandesleistung will uns das Leben einfach nicht leichter von der Hand gehen. Wir erhöhen zwar ständig unsere Effizienz, Zufriedenheit oder das Gefühl von innerer Sicherheit wollen sich dadurch jedoch nicht einstellen. Wir können perfekt vorbereitet sein und dennoch sind wir nicht vor Überraschungen gefeit. Wir können unser Familienleben perfekt geplant haben und bleiben dennoch kinderlos. Wir haben uns alles über Selbstführung und Konfliktaustragung angeeignet und brechen dennoch immer wieder an der gleichen Stelle ein. Es nützt uns scheinbar nichts, rein sachlich an Entscheidungen heran zu gehen und unsere Karrieren oder unser Privatleben nur nach der Logik und Sachzwängen auszurichten.

Ganz im Gegenteil. Unsere Emotionen spielen für unser Verhalten und dem Gefühl emotionaler Sicherheit eine entscheidende Rolle. Sie lenken unsere Aufmerksamkeit auf die wichtigen Aspekte unseres Lebens. Sie helfen uns, uns an gelernte Erfahrungen zu erinnern. Sie unterstützen uns bei der Sortierung der unzähligen Sachargumente, die unser Intellekt vor einer Entscheidung erarbeitet hat.

Nur dafür muss ich sie erst wieder wahrnehmen und für mich deuten können. Das gelingt mir jedoch nicht, wenn ich mit meiner Aufmerksamkeit oder Sorge immer nur in der Zukunft bin. Das gelingt mir auch nicht, wenn ich ständig im Tun bin oder mich zwinge, in der mir (von außen oder von mir selbst) zugedachten Rolle zu funktionieren, ohne die dahinter stehende Motivation zu hinterfragen.

An Tagen, an denen ich mich vor der Maske in meinem Gesicht erschrecke, spüre ich mich kaum noch. Wenn ich Glück habe, fühle ich meine Verspannungen im Rücken, mein inneres Getriebensein oder mein Gedankenkarussell, das nicht aufhören will, sich immer um das gleiche Thema zu drehen. Mittlerweile nehme ich diese Signale als Hinweiszeichen, dass ich langsam in eine Schieflage gerate. Dann versuche ich bewusst für einen Moment innezuhalten. Selten komme ich sofort auf die genaue Ursache, aber immer ist es so, dass meine Selbststeuerung „versagt“ – Ich bin zu sehr im Kopf (bin übersteuert) oder hänge in alten Emotionen (basierend auf meinen bisherigen Erfahrungen) fest, die mich steuern. Auf jeden Fall arbeiten Verstand und Gefühl nicht miteinander, sondern das eine hat das andere „lahm“ gelegt und die alleinige Regie übernommen. Kein Wunder, dass hierunter dann auch meine Motivation leidet, denn ich verliere an innerer Sicherheit und innerer Orientierung. Verbleibe ich in dieser Einseitigkeit, bleibt mir nichts anderes übrig, als vermeintliche Absicherungen im Außen zu suchen.

Nehme ich mir jedoch die Zeit, mich bewusst in mich einzufühlen und meine Wahrnehmung an der realen Situation im Hier und Jetzt zu prüfen, werde ich mindestens zwei Alternativen finden, wie ich mich erfolgreich verhalten kann. Ich werde erkennen, ob meine Gefühle aus der Situation entstanden oder von schlechten früheren Erfahrungen herrühren und ich werde erkennen, ob das vermeintlich logisch richtige auch emotional zur entsprechenden Situation passt. Dann brauche ich dieser Erkenntnis nur noch vertrauen: ich werde die für mich richtigen Worte, die für mich richtige Tonlage, den für mich richtigen Gesichtsausdruck und das für mich richtige Verhalten finden. Und alle um mich herum werden dies als „stimmig“ und authentisch ebenfalls spüren.

Das bringt mir emotionale Intelligenz: ich gewinne innere Sicherheit und Entscheidungsstärke – ich erhöhe meine Selbstwirksamkeit. Ich bin nicht länger die Getriebene, ich treibe die Dinge an oder ich lasse die Dinge auch einmal ruhen. Denn am klügsten handeln wir, wenn wir Rationalität und Emotionen Hand in Hand gehen lassen, d.h. wenn wir unsere Gedanken von Gefühlen lenken lassen und unsere Gefühle wiederum vom Verstand auf die derzeitige Situationsadäquatheit hin überprüfen. Wir werden „gefühlsklug“ oder verhalten uns nach Golemanemotional intelligent“.

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