CIT-Consult Emotion-Blog

Zauberformel für Beziehungsglück

16.02.2012 von: Paula Bemmann-Wöschler

Lieber streiten als Gleichgültigkeit und Entfremdung - pünktlich am Valentinstag fiel mir die „Eheformel“ von Oxford-Professor James Murray und dem Psychologen John Gottman von der Universität Washington in Seattle erneut in die Hände. Diese soll mit einer Vorhersagegenauigkeit von 94 Prozent aufzeigen, welches Ehe-Paar sich wieder trennen wird und welches nicht. Die beiden Wissenschaftler waren vor knapp 10 Jahren selbst überrascht, „...dass menschliche Emotionen sich in eine mathematische Formel übersetzen lassen, und damit dann Vorhersagen getroffen werden können“, so Murray.

Nun ist Murray in der Wissenschaftsszene bekannt für abgefahrene Forschungsansätze, aber er gehört zu denen, die ihre Ansätze auch mit eindrucksvollen Zahlen belegen können. Seine Daten stützen sich auf eine 1992 begonnene Langzeitstudie mit 700 frisch vermählten Paaren, die sich im Labor von Gottman einem Beziehungsstresstest unterzogen: Jedes Paar musste 15 Minuten über heikle Themen wie Schwiegereltern, Sex, Geld und Zukunftsplanung miteinander diskutieren. Das Ganze wurde durch physiologische Messungen (Blutdruck und Schweißproduktion) begleitet sowie gefilmt, um die Kommunikation im Anschluss nach einem genau festgelegten Punktesystem zu analysieren.

Es gab Minuspunkte für offen gezeigte Gleichgültigkeit, Drohgebaren gegen den Partner oder Opferverhalten wie Jammern und Anklagen. Pluspunkte bekam das Paar, wenn ein aufrichtiges Interesse an der Meinung des anderen, Zuneigung oder Humor gezeigt wurde. So kam eine ordentliche Datenmenge zusammen, aus denen die Forscher Regeln ableiteten und schließlich zwei Differenzialgleichungen aufstellten - eine für den Mann und eine für die Frau. Ihre sich daraus ergebenden Prognosen überprüften die Forscher regelmäßig in jährlichen Befragungen der Paare.

Das Forschungs-Fazit: Laut Murray und Gottman ist das Rezept für eine dauerhafte und glückliche Beziehung ein ideales Punkteverhältnis von 5:1 - d.h., ein Minuspunkt wurde durch fünf Pluspunkte vom Paar wieder wett gemacht. Paare mit diesem idealen Punkteverhältnis ließen sich nicht scheiden. Paare, die stark davon abwichen trennten sich im Schnitt bereits nach fünf Jahren wieder, Paare, die nur minimal abwichen deutlich später erst nach 16 Jahren.

Nach Gottman gibt es „vier apokalyptische Reiter“, sprich 4 Kommunikationssünden, die ordentlich Minuspunkte bringen und die, treten sie dauerhaft auf, eine Beziehung sicher in die Trennung führen:

  1. Schuldzuweisungen und Anklagen, um sich selbst ins rechte Licht zu setzen und dem Partner zum Buhmann zu machen. Verallgemeinerungen und Generalisierungen werden zum alltäglichen Verurteilungsritual: „Immer machst Du...“, „Wenn Du wenigstens einmal...“

  2. Schleichend kommen spöttische, sarkastische oder abschätzige Bemerkungen, Beschimpfungen und Bloßstellungen hinzu, die den Partner herabwürdigen und mit Verachtung strafen.

  3. Wenn Rechtfertigungen die Abwärtsspirale nicht mehr aufhalten, schlagen viele um in Opfer- oder Täterverhalten: es wird gejammert, das Wort im Mund umgedreht, moralisch erpresst oder (körperlich) gedroht. Nicht wenige entwickeln die tollsten psychosomatischen Erkrankungen, um den Partner in einem Netz aus Schuldzuweisungen und schlechtem Gewissen zu halten.

  4. Die Kommunikation ist endgültig am Tiefpunkt, wenn einer der Partner dauerhaft eine Mauer errichtet und sich emotional immer mehr zurückzieht.

Wer in seinen Beziehungen über die Schmetterlinge im Bauch hinaus gekommen ist, kennt natürlich alle vier Kommunikationssünden aus eigenem Erleben. Und natürlich schauen die „vier apokalyptischen Reiter“ auch in glücklichen Ehen hin und wieder vorbei, besonders gern, wenn wir „zu sind“ vom Arbeits- oder Familienstress.

Werden sie allerdings zum Dauergast, führen sie nach Gottman in 90 Prozent der Fälle zur Scheidung. Denn haben sich die Vier erst einmal gemütlich eingenistet, laufen Rettungsversuche wie Einlenken, Blumenstrausskäufe o.ä. Wiedergutmachungsaktionen nur noch ins Leere oder schüren neues Misstrauen. Eine Studie hierzu ergab, dass 82 Prozent der geschiedenen Männer und 50 Prozent der geschiedenen Frauen die „Brückenschläge“ ihrer Partner kaum noch wahrnehmen konnten - im Vergleich dazu waren es nur 19 bzw. 14 Prozent bei den Nicht-Geschiedenen.

Die Erinnerung der gemeinsamen Vergangenheit ist laut Gottman sogar noch ein besserer Indikator dafür, ob eine Ehe hält oder nicht. 94 Prozent der Paare, die ihre Beziehungsgeschichte spontan positiv schilderten, blieben zusammen. Unglückliche Paare erinnerten nicht nur weniger, sondern negativere Ereignisse, da ihre Konzentration auf die Fehler des Partners gerichtet ist.

Murrays und Gottmans Ergebnisse passen auch zu anderen Partnerschaftsstudien, die zu einem meiner Lieblings-Beziehungsmodellen führten: zum Beziehungskonto. Ich mag dieses Modell so sehr, weil es so einfach und anschaulich aufzeigt, wie der Aufbau und die Pflege glücklicher Beziehungen sowohl im privaten als auch im beruflichen Kontext funktioniert.

Wie bei einem Konto bringe ich meine Beziehungen mit anderen ins Plus, wenn ich Einzahlungen tätige (z.B. in Form von Anerkennung und Wertschätzung, aber auch Verlässlichkeit und Termintreue). Ich belaste meine Beziehungen durch Abhebungen wie Unpünktlichkeit, Nichteinhaltung von Zusagen, sich bei Dritten beklagen. Abhebungen kosten mich Zinsen - je nach Studie kann ich sie mit 5-10 Pluspunkten/Einzahlungen wieder ausgleichen. Hier spielt auch die Persönlichkeit meines Gegenübers eine Rolle. Bei nachtragenden oder pessimistisch veranlagten Menschen fallen - auch versehentliche - Abhebungen stärker ins Gewicht als bei Optimisten.

Das Gute am Beziehungskonto oder der „Eheformel“ ist jedoch, dass ich nicht auf den anderen/meinen Partner warten muss, bis der sich hoffentlich irgend wann in die „richtige“ Richtung verändern wird, sondern dass ich zu jeder Zeit erneut investieren kann - zumindest solange die Beziehung noch besteht. Meine eigene Bereitschaft, aktiv zu werden, auf den anderen mit Respekt und Wertschätzung zuzugehen, mich emotional ihm gegenüber zu öffnen und gern auch hitzig an der Sache statt an der Person zu streiten sowie die Bemühungen des anderen wieder anzuerkennen, Dinge mit Humor zu nehmen und den anderen zum Lachen zu bringen ist vielleicht kein Garant für ewiges Beziehungsglück, aber eine Zauberformel für ein liebevolleres Miteinander ist es aus meiner eigenen Erfahrung allemal.

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