CIT-Consult Emotion-Blog

Sinn und Unsinn von Vorurteilen

10.10.2010 von: Michael Blochberger

Seit unserer Kindheit sammeln wir täglich unzählige Erfahrungen, die sich im Laufe unseres Lebens in unserem Unterbewusstsein zu einem ganz individuellen Weltbild aus Millionen von großen und kleinen Puzzleteilchen zusammensetzen. Auf der Basis dieser Summe an Erfahrungen, Erinnerungen und Gefühlen bilden wir unsere ganz subjektive Realität und jeder von uns hat seine eigene Realität, weil er andere Erfahrungen gemacht hat als der Mensch von nebenan.

 

Dank dieser Erinnerungsbilder können wir die Mehrzahl unserer Entscheidungen ganz intuitiv treffen ohne darüber nachzudenken, denn wir haben für viele Situationen und Konstellationen bereits eine Meinung parat, die sich in vergleichbaren Momenten bereits bewährt hat: Wir leben und handeln auf der Basis unzähliger Vorurteile und das meist sehr erfolgreich. Würden wir unseren Vorurteilen nicht vertrauen, kämen wir nicht mehr zum Handeln, weil wir jeden Schritt, jedes Verhalten, jede Entscheidung erst hinterfragen, prüfen und analysieren müssten.
 
Vorurteile sind stark mit positiven oder negativen Gefühlen verknüpft, sie lenken unser Tun und nehmen uns einfach die Entscheidung ab. Ob beim Kauf eines Kleidungsstückes, der Auswahl eines Buches oder der Frage, ob ich einem fremden Menschen vertrauen kann, Vorurteile weisen uns den Weg und sorgen dafür, dass wir nicht vom bewährten Weg abkommen.
 
Aber das Wort selbst beschreibt ja schon das Problem: Ein Vor-Urteil ist ein vorab gefälltes Urteil, also eine Wertung, die getroffen wurde, bevor eine Sache oder eine Person in ihrem ganzen Wesen reflektiert oder gewürdigt werden konnte. Diese unreflektierte Wertung ist eben nur dann zweckdienlich, wenn eine schnelle Entscheidung und ein schnelles Handeln geboten ist. Geht es um das Beurteilen so komplexer Systeme wie der Menschen eines darstellt, sind Vorurteile nur in Notfällen hilfreich. Dazu ein kleines Beispiel:
 
Sie haben nachts auf einer einsamen Straße eine Autopanne und benötigen Hilfe. Ein Auto hält, um Sie mitzunehmen. Der Mann am Steuer ist Ihnen aber unheimlich, Sie haben nur wenige Sekunden Zeit, um Ihr Vorurteil zu hinterfragen. Wenn sein Verhalten in den Sekunden Ihre negative Vorverurteilung nicht entkräften kann, steigen Sie nicht in das Auto ein.
 
Ein andere Situation: Der Ihnen unheimliche Mann bewirbt sich um eine Stelle in Ihrem Team und hat die idealen fachlichen Voraussetzungen. Wenn Sie den Mann nicht einstellen, nur weil er Ihnen unsympathisch ist, so haben Sie sich unnötigerweise Ihrem Vor-Urteil ergeben und eine Chance verpasst, dieses zu revidieren und dem Wesen des Mannes auf den Grund zu gehen. In diesem Fall sollten Sie sich die Zeit nehmen und vielleicht stoßen Sie dabei auf Wesenszüge, die Ihrem Team noch fehlen und dieses Ihnen bisher noch Unbekannte war der Auslöser Ihrer Vorverurteilung.
 
Selbst wenn sich Ihr Vorurteil bei genauerem Hinsehen als richtig erweist, sind die Nachfragen zu Ihrem Vorteil, denn die zusätzliche Erfahrung hat Ihre Intuition gestärkt und macht Sie sicherer und bewusster im Umgang mit Ihren Mitmenschen. Und Sie haben dem anderen Menschen eine faire Chance gegeben, denn Sie sind trotz Ihrer Vorbehalte in Beziehung getreten.
 
Wenn es um die Beziehung zu Menschen geht, ist es immer eine sinnvolle Investition, sich Zeit zu nehmen und hinzufühlen. Als Führungskraft ist es eine Ihrer wichtigsten Aufgaben, Ihre Mitarbeiter zu verstehen und deren Wesen zu erkennen. Jeder Mensch ist das Produkt seiner Erfahrungen. Das, was uns an anderen Menschen abstößt, kann für diese eine erfolgreiche Überlebensstrategie sein, die sie aufgrund ihrer Geschichte entwickeln mussten. Deshalb sollten wir im Umgang mit uns fremden Menschen nie die Schuld beim anderen suchen, sondern die Differenzen hinterfragen:
 
• Was stört mich konkret am Anderen und warum?
• Welche Probleme fürchte ich mit diesem Menschen?
• Was sind die Ursachen für seine Eigenarten?
• Was in seiner Biografie gibt mir Aufschluss darüber?
• Welche kritischen Verhaltensmuster kann ich erkennen?
• Welche nützlichen Qualitäten kann ich daraus ableiten?
 
Auszug aus: Emotionale Intelligenz in der Mitarbeiterführung
 
 
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