CIT-Consult Emotion-Blog

Ich helfe und tue dabei Gutes?!

16.12.2009 von: Paula Bemmann-Wöschler

Ich sitze im Plenum und bin verwirrt. Denn ich spüre nichts, weil in der Schilderung meines Gegenübers kein Gefühl mitschwingt. Dabei haben wir eben noch in der Kleingruppe zusammen geweint. Und jetzt? Null Emotionalität. Nur ein versteinertes Gesicht und eine monotone Stimme. Ich bin traurig, denn ich fühle mich auf Distanz gehalten. Wie kam es bloß zu dieser Wendung?
Ein Zuhörer in der Kleingruppe wollte helfen. Sichtlich berührt von den Gefühlen des Erzählers befand er, dass so etwas Intimes nicht in die Großgruppe gehöre. Er wolle den Erzähler schützen. Denn wisse der, wie die anderen reagieren werden? Mit Nachdruck bestand er auf seine Bedenken und schaffte es tatsächlich, den Erzähler umzustimmen. Um den Kern des Erlebten gebracht, hatte dieser im Plenum später tatsächlich nichts mehr zu erzählen, was emotional berührt hätte.
 
Der „Beschützer“ hatte durch seine „Hilfe“ regelrecht verhindert, dass sich der Erzähler vor der Großgruppe öffnet und alle an seinen Gefühlen teilhaben lässt. Schlimmer aber war die Einsicht des Helfers, dass er damit auch dem Erzähler die Erfahrung genommen hat, von den anderen ganz gesehen und angenommen zu werden – nicht nur als der Erfolgreiche, dem alles gelingt, sondern auch als Mensch, der schmerzhafte Niederlagen einstecken musste, die ihn heute noch beschäftigen.
 
Wenn die Intervention des Helfers für den Erzähler nicht hilfreich war, welchem Zweck diente sie dann? In diesem Fall seinem eigenen: Der Helfer hatte selbst Angst vor starken Emotionen und stoppte daher den Erzähler in seinen Gefühlsäußerungen. Indem der „Helfer“ den Erzähler in absonderliche Gedankenketten über die Zumutbarkeit seiner Geschichte und der daraus folgenden Konsequenzen verstrickte, bestand keine Gefahr mehr für ihn, sich emotional betroffen zu fühlen.
 
Derartige Beispiele gibt es im Alltag viele. Ein Freund weint vor Trauer und schwups ist schon jemand zur Stelle, der ein Taschentuch reicht, um seine Tränen zu trocknen. Ein Mitarbeiter steht hilflos vor einer neuen Herausforderung und schimpft über diese Zumutung, worauf der Vorgesetzte neue Aufgaben für ihn anders aufbereitet. Ein Kind beklagt sich bitterlich über rowdyhaftes Verhalten seiner Mitschüler bei seiner Mutter, die sogleich Lehrer und Eltern zur Rede stellt. Allen Situationen ist erst einmal gemeinsam, dass einer seine Gefühle, die gesellschaftlich eher als unangenehm interpretiert werden, offen ausdrückt. Allen Helfern ist gemeinsam, dass sie bemüht sind, diese „negativen“ Gefühle schnellstmöglich „wegzumachen“. Warum diese Hast? Was ist so schlimm daran, Wut und Ärger, Ängsten und Verzweiflung oder Trauer und Hoffnungslosigkeit Raum zu geben? Weshalb scheuen wir uns so sehr auch diese Gefühle miteinander zu teilen, obwohl wir dadurch Nähe zum anderen schaffen, Beziehung zueinander aufbauen und Wertschätzung füreinander austauschen?
 
Die Gründe hierfür können so vielfältig und individuell sein, wie es unterschiedliche Menschen mit ihren Erfahrungsschätzen gibt. Ein Mechanismus scheint aus meiner Sicht aber immer wieder eine maßgebliche Rolle hierbei zu spielen. Es ist das menschliche Bestreben Schmerzen und Unwohlsein zu vermeiden. Dafür verzichten wir sogar auf unseren möglichen Gewinn an einer Sache. So haben psychologische Experimente gezeigt, dass Menschen vor die Wahl gestellt, für das Meistern unangenehmer Situationen reichlich belohnt zu werden oder Unangenehmes umgehen zu können, dafür aber auch keine Belohnung zu erhalten, sich überzufällig häufig für Letzteres entschieden. Neuere Ergebnisse der Hirnforschung zeigen zudem, dass wir aufgrund unserer Spiegelneurone automatisch mit-fühlen, wenn wir das Verhalten und die Gefühlsäußerungen von Lebewesen beobachten.
 
Dadurch wird erst verständlich, dass in meinen Hilfsangeboten auch ein eigennütziger Anteil stecken kann, der mir in diesem Moment nicht bewusst sein muss. Will ich den Schmerz anderer nicht mit-fühlen, darf ich mich nicht auf seine Gefühlsebene einlassen. Dafür bleiben mir nur zwei Möglichkeiten. Entweder ich unterbinde mein eigenes Mit-Gefühl, indem ich mich emotional abschotte oder ich reagiere so, dass mein Gegenüber seine Gefühlsäußerung schnellstmöglich beendet. Zur Abschottung besonders gut geeignet sind Feindbilder, Schuldzuweisungen oder Dogmen. Das Abstellen bzw. Verändern von Gefühlen erreiche ich am besten durch Versachlichung, gutes Zureden oder indem ich selbst aktiv werde. Gemeinsam ist allem, dass ich mich moralisch über den anderen erhöhe und ihn damit zum (Hilfs)Bedürftigen mache. In der Position des Gutmenschen kann ich nun großzügig Hilfe leisten ohne Anteil an meinem Gegenüber zu nehmen. Ich regele die Dinge für ihn aus meiner Sicht heraus und so, wie ich glaube, dass es zweckmäßig und zielführend ist. Ob die Art und Weise meiner Hilfe aber auch entwicklungsfördernd für den anderen ist, steht in den Sternen.
 
Wenn ich andere fördern und fordern will, sie unterstützen möchte in notwendigen Veränderungen und ihrer langfristigen Persönlichkeitsentwicklung wird das nicht gehen, ohne mich auf seine Gefühlswelt und seine Sicht der Dinge einzulassen. Denn wenn ich andere nicht manipulieren und abrichten will, brauche ich individuelle, auf seine Persönlichkeit zugeschnittene Hilfsangebote. Sie zielen nicht auf eine „richtige“ oder „gute“ Lösung, sondern auf die Stärkung der Selbstwirksamkeit des anderen, auf die Verbesserung seiner Selbstsicherheit und auf das Erlernen neuer Fertigkeiten. Neben Wissentransfer, Vorbild sein und dem Austausch von eigenen Erfahrungen, heißt dies aber vor allem: nicht immer zur Stelle zu sein, den anderen die Konsequenzen seiner Fehler selbst tragen zu lassen, dem anderen Zeit zu geben, die Dinge selbst zu lösen, offen zu sein für unterschiedliche Lösungsansätze, andere lediglich zu ermuntern, es erneut zu versuchen statt es ihnen abzunehmen, aber auch angekündigte Konsequenzen folgen zu lassen, wenn Vereinbarungen nicht eingehalten wurden.
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