CIT-Consult Emotion-Blog

Der Hass der Unzufriedenen

03.06.2010 von: Michael Blochberger

Der unerwartete Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler hat viele überrascht. Wirklich erschreckt haben mich aber erst die unanständigen Reaktionen der Journalisten, Politiker und Möchtegern-Promis, die sich jetzt in Talkshows, Presse und Internetforen als allwissende Richter betätigen, um mit arroganter Häme über einen Menschen zu urteilen, der ihnen NICHTS getan hat, außer aus einem Spiel auszusteigen, dessen Regeln ständig von anderen missbraucht werden. Wo liegen die eigentlichen Ursachen für so viel Wut, Hass, Überheblichkeit und Missgunst? Warum wird hier Amt und Mensch besudelt, wo Köhler doch nur seine letzte Chance der Selbstbestimmung nutzte, nämlich NEIN zu sagen...?
Mit der Person Horst Köhlers sind diese ungehemmten Aggression nicht zu erklären. Er ist ein feinsinniger Diplomat, der kritisiert, ohne den Konsens zu gefährden, immer aufgeschlossen, höflich und sympathisch. Er ist ein Mensch, dem man vertrauen, aber nicht wirklich böse sein kann. Also muss die Wut wohl mit dem Amt des Bundespräsidenten zu tun haben und den Erwartungen, die die selbsternannten Richter mit diesem Amt verknüpfen.
 
Tatsächlich kritisieren die meisten Köhlers Verhalten in seiner Rolle als oberster Repräsentant des Staates: Als "feige und illoyal" wird er beschimpft und als "Fahnenflüchtling" gebranntmarkt. Das martialische Kriegsgeschrei der Kritiker lässt vermuten, wie sie unser Staatsoberhaupt am liebsten sehen würden: Als Galionsfigur auf dem Schlachtfeld der Politik: Leidensfähig, "hart wie Kruppstahl" und die Fahne hochhaltend – bis zum "Endsieg"!...
 
Aber um wessen Kampf geht es hier? Der Bundespräsident hat unseren Staat zu repräsentieren, in dem er NICHTS zu bestimmen hat. Er ist zur strikten Überparteilichkeit verpflichtet, wird aber schon bei seiner Wahl von der Parteipolitik instrumentalisiert und missbraucht. Seine eigentliche Aufgabe ist es, Kraft seines Amtes die politischen Machenschaften zu legitimieren. Und das hat Horst Köhler nach bestem Wissen und Gewissen getan. Er hat das ernst genommen, Gesetze abgelehnt und versucht, uns zu erklären, wofür deutsche Soldaten in Afghanistan und vor Somalia zu kämpfen haben. Nur will das keine der politischen Cliquen verraten wissen.
 
Horst Köhler hat das falsche Spiel durchschaut. Im Gegensatz zu den meisten Politikern zeigt er menschliche Züge und fand deshalb bei denen, die sich als Bauernopfer des herrschenden Systems verstehen, die Sympathie und Anerkennung, die seine Parteifreunde ihm vorenthalten haben. Köhler hat die Aufgabe, die Menschen dieses Staates zu vertreten "wahr" genommen und damit die Erwartungen der politischen Klasse verletzt. Er war ein echter Vertreter unseres Volkes und mit seinem Rücktritt hat er ein Zeichen gesetzt, wie man die falsche Politik erschüttern kann: Indem wir aussteigen, bevor wir die Selbstachtung verlieren und uns zum Opfer machen lassen.
 
Und da sehe ich noch einen wichtigen Grund für die unsäglichen Beschuldigungen gegen Horst Köhler: Diejenigen, die jetzt aus Neid und Missgunst am hemmungslosesten auf ihn einschlagen, das sind die Angepassten, die nicht den Mut finden, ihren eigenen Weg zu gehen oder auszusteigen. Ihr Hass auf sich selbst und ihre Umwelt ist unermesslich. Sie suchen einen Schuldigen für ihr eigenes zwanghaftes Unglück und finden in Horst Köhler ein geeignetes Opfer. Sie geißeln seine Pensionsansprüche. Sie werfen ihm mangelnde Pflichterfüllung vor. Sie beschimpfen ihn als Weichei und Versager. Und wären doch die ersten, die hinschmeißen würden, wenn sie es sich finanziell leisten könnten! Sie sollten die Chance nutzen, vor ihrer eigenen Haustür zu kehren und die wahren Ursachen ihrer aggressiven Unzufriedenheit zu erkennen.
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