CIT-Consult Emotion-Blog

Neue Freunde

03.06.2010 von: Paula Bemmann-Wöschler

„Krisen sind meine Freunde. Sie halten mich auf. Sie veranlassen mich innezuhalten, damit ich nicht weiter den falschen Weg gehe, damit ich aufhöre, vor mir und den Schmerzen meiner Vergangenheit wegzulaufen und mein eigenes Wesen im Stich zu lassen.“ – Hä?!, stutze ich, das ist ja mal eine ganz andere Betrachtungsweise als meine gelernt negative Sicht auf Konfliktsituationen. Schwer, zäh, hemmend sind eher meine früheren Deutungen gewesen und entsprechend fielen meine Abwehr- und Vermeidungsreaktionen aus, wenn ich bemerkte, dass ich mich in einer Krise befand. Ich muss den obigen Satz mehrmals lesen und spüre, dass er mich immer stärker fasziniert. Aber warum?

Ich gehöre zu den Menschen, die gerne alles perfekt können und umsetzen wollen: Beruf, Familie, Partnerschaft, Selbstenfaltung. Gepaart ist dies mit einer ungeheuren Ungeduld mir selbst gegenüber: es geht mir nicht schnell genug, meine Arbeit ist immer noch nicht fehlerfrei, ich wollte eigentlich schon viel weiter sein... Und wenn mir diese persönlichen destruktiven Bewertungen für meinen Ansporn noch nicht ausreichend genug erscheinen, dann vergleiche ich mich zusätzlich noch mit anderen – selbstverständlich nicht mit denjenigen, die ungefähr auf meinem „Level“ und Erfahrungshintergrund stehen, sondern mit denen, die schon „viel weiter und erfolgreicher“ sind als ich. Natürlich lasse ich dabei außer Acht, dass sich auch der andere gequält hat für seinen Erfolg. Nein, ich will die „eierlegende Wollmichsau“ sein, die alles kann, der alles zufällt und die dafür von allen bewundert wird.
 
Was für ein überzogener, irrealer Anspruch! Weiß ich natürlich, würde ich auch öffentlich niemals zugeben, ja, entkräfte ich selbstverständlich bei meinem Gegenüber, wenn ich bemerke, dass der ähnlich tickt wie ich. Dann kann ich auf den verkorksten Gesellschaftsanspruch schimpfen, anderen meine Hilfe anbieten und mich damit prima ablenken von meinen eigenen überzogenen Ansprüchen, die jedweder Wirklichkeit entbehren. Ich reihe mich nur allzu gerne ein in das Heer derjenigen, die viel zu viel auf einmal wollen. Regelmäßig hänge ich meine Messlatte viel zu hoch. Rede mir ein, dass ich mich gerade dadurch selbst am besten motiviere. Aber allzu oft ist das Gegenteil der Fall. Vor lauter überzogenen Ansprüchen an mich selbst fange ich gar nicht erst an.
 
Ich bin dann wie erstarrt, fast gelähmt und unheimlich energielos. Denn ich weiß ja bereits den Ausgang. Dank meiner überhöhten Messlatte, werde ich eh nur zehn Prozent schaffen und dies als absoluten Misserfolg für mich verbuchen. Richtig Klasse, denn dann habe ich wieder einen Grund, mich selbst nieder zu machen und mich für mein ungenügendes Können oder meine unzureichende Leistung zu bestrafen. Aber noch bin ich gefangen im alten Kreislauf. Ich mache Überstunden, zwinge mich bei schönstem Wetter an den heimischen Schreibtisch, gönne mir keine Pause und bemerke erst nach Wochen, wie schwer und zäh mein Dasein geworden ist und wie herrlich freudlos und ineffizient ich gerade wieder bin.
 
Doch bevor mir selbst ein Licht aufgeht oder ich durch einen wahren Freund auf mein Stress förderndes Verhalten aufmerksam gemacht werde, tyrannisiere ich noch meine gesamte Umgebung. Warum? Weil es mir noch nicht bewusst geworden ist, weshalb ich mich schwer, gehetzt und unzufrieden fühle, obwohl ich doch angestrengt, diszipliniert und voller Engagement an meiner Zielerfüllung arbeite. Ich tue doch wirklich alles, was in meiner Macht steht! Dann muss etwas im Außen nicht stimmen. Meine Familie, zum Beispiel, stiehlt mir wichtige Zeit, meine Arbeit besser zu erledigen oder mich nach all dem Stress in der Firma wirklich gut genug zu erholen. Oder meine lieben Kollegen, ständig sind die in Eile, haben keine Zeit, meine Fragen zu beantworten, bringen immer wieder neue Einwände, obwohl bereits alles längst besprochen wurde, oder halten sich mal wieder nicht an Absprachen. Wenn ich es mir recht überlege, kommt eigentlich ständig einer und hat irgendwelche Ansprüche und Forderungen an mich. Wie soll ich das denn auch noch schaffen? Also fange ich an, mir die ganze Bagage auf Distanz zu halten. Kann ich mich nicht mehr unsichtbar machen und helfen auch kein Augenrollen oder genervte Blicke als Reaktionen meinerseits aus, dann verteile ich rücksichtslos fiese Sprüche und lasse meinen Aggressionen freien Lauf. Wer mir dann noch in die Parade fährt, ist selber schuld!
 
Ich übertreibe maßlos? Schön wär´s! Zugegeben, ich habe meine Formulierungen an der ein oder anderen Stelle etwas auf die Spitze getrieben. Aber alle der oben beschriebenen Reaktions- und Verhaltensketten habe ich schon an mir selbst erlebt oder von Teilnehmern unserer Trainings beschrieben bekommen. Und allen ist gemeinsam, dass sie destruktive, Stress fördernde Bewertungen enthalten sowie davon ablenken, sich mit der wahren, meist dahinter liegenden, Ursache zu beschäftigen. Jede Form der Aggression, egal ob Äußerung oder Handlung, trägt einen großen eigenen unbefriedigten Anteil von mir, den ich nur all zu gern auf andere projiziere, um mich nicht damit beschäftigen zu müssen. Dann sind nämlich die anderen die Versager, die, die hinschmeißen, aufgeben, krank werden.
 
Krisen als Freunde anzusehen, klingt im ersten Moment absurd. Mit Freunden fühle ich mich leicht, eher fröhlich, nicht selten glücklich. Stecke ich in einer Krise, könnte ich am liebsten vor Katzenjammer und (Welt)Schmerz vor die Hunde gehen. Dabei zeigen sie mir nur die Konsequenzen meines Umganges mit mir selber oder mit anderen auf. So als wollten sie sagen: Hey, das ist doch gar nicht das, was Du willst! Oder: Stopp! Du erreichst damit nicht das, was Du Dir erträumst. Oder: Höre endlich auf mit Deinen überzogenen Ansprüchen! Sie lassen Dich immer scheitern.
 
Gelingt es mir, vor dem Schmerz dieser Erkenntnis nicht sofort wieder davon zu laufen, dann habe ich jetzt die Gelegenheit, einen neuen Weg einzuschlagen, mich anders zu entscheiden, mich vielleicht neu auszurichten und Erfolg nach meinen eigenen Maßstäben und Wünschen zu definieren. Mein Gewinn dieses Kraftaktes ist ein Gefühl von Glück und Leichtigkeit, weil ich meine echten Bedürfnisse lebe.
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