CIT-Consult Emotion-Blog

Ich verstehe, wie du dich fühlst

04.07.2010 von: Paula Bemmann-Wöschler

Klebrig durchschwitzt von der langen Zugfahrt bei 31 Grad im Schatten drücke ich auf die Klingel und verharre einige Sekunden erwartungsvoll. Schritte nähern sich der Tür, die sich langsam öffnet, und zwei Augenpaare begegnen meinem Blick. Eines übernächtigt und müde, das andere offen und neugierig. Und irgendwie hängt ein Zauber von Verständnis und Einigkeit in der Luft, der mich in seinen Bann zieht.

Konrad sehe ich zum ersten Mal heute und seine strahlend großen Augen scheinen mich regelrecht herausfordern zu wollen, mich ganz zu erkennen zu geben. In seinem Gesicht kann ich lesen wie in einem Buch: Es arbeitet unentwegt. Kenn ich Die??, scheint er sich zu fragen. Dann ein kurzer prüfender Blick zu Mama: Wie geht sie mit der Neuen um? Freudig überschwänglich, eher zurückhaltend, distanziert oder gar abweisend? Laura ist eine alte Freundin, wir haben uns lange nicht mehr gesehen. Ich werde leicht zurückhaltend, aber freudig begrüßt. Den blauen Riesenaugen von Konrad entgeht nichts. Aufmerksam und konzentriert beobachtet er aus der Sicherheit in Mamas Arm heraus unsere Begrüßung, schaut mich einen langen Moment an und — ich atme innerlich durch — erwidert mein Lächeln. Freude steigt in mir auf. Getragen von der Geborgenheit in Mamas Schoß, werde ich in den nächsten zwei Stunden zum begehrten Forschungsobjekt.
 
Von der neuesten Hirnforschung weiß ich, dass gerade eine Unmenge Spiegelneurone im Gehirn von Konrad ihre Aktivität aufnehmen. Jede Bewegung und jede Regung, die seine Mama und ich zeigen, wird zeitgleich in ihm gespiegelt und abgespeichert. Prompt will auch Konrad aus der Tasse trinken oder den Verschluss der Wasserflasche mit zwei Fingern aufdrehen. Klappt aber leider nicht, die Motorik ist noch nicht ausgereift. Was jedoch bereits perfekt funktioniert, ist mitzufühlen. Ich lache, er lächelt zurück. Ich schaue gespielt überrascht, er forscht aufmerksam in meinem Gesicht. Wie ein Seismograph erfasst Konrad alle noch so winzigen Stimmungswechsel in seiner Umgebung. Natürlich registriert er sofort, dass seine Mama, schwatzend mit mir, nicht mehr so ganz bei der für ihn wichtigsten Sache ist, den mit Brei gefüllten Löffel treffsicher in seinen geöffneten Mund zu bugsieren. Lautstarker Protest soll sie zur Ordnung rufen und ihr klar machen, dass das mit Multitasking einhergehende Gefühlsgemisch (Lauras Zwiespalt, zwei Bedürfnissen, dem meinen und dem ihres Kindes, gleichermaßen gerecht zu werden) einfach unangenehm ist.
 
Als soziales Wesen ist Konrad die Fähigkeit, spontan mit jemanden mitzufühlen, angeboren. Bis zu einem halben Jahr hat er sich eins mit seiner Mutter erlebt und jede ihrer Stimmungen waren auch seine. Verhaltensforscher haben herausgefunden, dass Babys sich bereits nach wenigen Tagen komplett auf die Gefühlswelt ihrer Mütter einstellen. Dabei spiegeln sie die Gefühle der Erwachsenen weitestgehend ungefiltert. Sind die Eltern entspannt, fühlen sich auch die Kinder entspannt.
 
Kinder fühlen also spontan mit und wollen verstehen, was den Gefühlen zugrunde liegt. Damit zeigen sie Empathie, d.h. die Fähigkeit, ihrem Gegenüber genau zuzuhören und ihn aufmerksam zu beobachten, um seine Gedanken und Gefühle zu erkennen. Empathie ist uns allen angeboren. Aber in einer Zeit, in der Tempo und Geschwindigkeit zunehmend in den Vordergrund rücken, machen die meisten von uns viel zu wenig Gebrauch davon. Verständlich. Denn wie soll ich im Vorbeihuschen und im alltäglichen Hasten noch achtsam Details erkennen oder gar einer Atmosphäre im Raum oder einem Gefühl in mir selbst nachspüren? Es bleibt mir dann nur die Zeit, etwas aufzuschnappen und mir vorschnell ein Urteil zu bilden. Die auf diese Weise entstandene Wertung hat viel mehr mit meinen eigenen Vorurteilen und Vorannahmen zu tun als mit der Gefühlswelt des anderen.
 
Will ich also meine angeborene Empathie weiter entwickeln, dann muss ich den Kommunikationsprozess als erstes entschleunigen. Um zu spüren, um was es dem anderen eigentlich geht, brauche ich eine gewisse Zeit. Manchmal wird erst nach einigen Minuten klar, dass hinter einem starken ersten offensichtlichen Gefühl noch ein weiteres — meist das eigentlich wichtige — versteckt ist. Indem ich nicht vorschnell werte, nicht unterbreche oder anfange, gute Ratschläge zu erteilen, sondern konzentriert und aufmerksam zuhöre, ermögliche ich es dem anderen, seine Geschichte zu erzählen. Das bedeutet teilweise, mich bewusst zurückzunehmen, mein Gegenüber weder zu bremsen noch anzutreiben und darauf zu vertrauen, dass da noch etwas nachkommt.
 
Die richtigen Fragen, um zu erfahren, wie es dem anderen geht, sind offen. Sie geben keine Wertung vor. Sie laden zur Selbsterforschung ein. Ich signalisiere damit, dass ich wirklich an den Ansichten meines Gegenübers interessiert bin.
 
Die Körpersprache gibt mir zudem wichtige Hinweise darüber, was gerade bei meinem Gesprächspartner abgeht. Beobachte ich aufmerksam, sehe ich anhand der Mimik und Gestik, wie angespannt mein Gegenüber ist, ob sich die Augen mit Tränen der Freude oder des Schmerzes füllen oder ob ein Zucken um die Mundwinkel zurückgehaltene Wut signalisiert. Ich kann abgleichen, ob das Gesprochene mit dem körperlichen Ausdruck stimmig ist oder eben nicht.
 
Ein ganz wichtiger Punkt ist des Weiteren, dass ich an die Möglichkeit denke, dass das aktuelle Verhalten des anderen nicht zwingend mit der gegenwärtigen Situation und mit mir bzw. uns zu tun haben muss. Ein Arbeitskollege, der mir pampig auf meine freundlich gestellte Frage antwortet, hat vielleicht am Morgen einen heftigen Streit mit seiner pubertierenden Tochter gehabt, ist immer noch wütend und ich bin zufällig gerade sein Blitzableiter. Gelingt es mir, meinen Reflex zu unterdrücken, ebenfalls pampig zurück zu schießen, kann ich objektiv bleiben und sein Verhalten hinterfragen.
 
Und last but not least ist es zwar Voraussetzung, viele eigene Erfahrungen gemacht zu haben, um die Gefühle und Gedanken anderer in ähnlichen Situationen nachvollziehen zu können. Aber ich muss meine (damaligen) Gefühle und Gedanken von denen, die jemand anderes beschreibt, trennen können. Vermische ich nämlich meine mit den berichteten, kann es mir ganz schnell passieren, dass ich meine Geschichte dem anderen überstülpe.
 
Ein spitzer Schrei reißt mich jäh aus meinen Gedanken. Glücklich lachend kitzelt Laura Konrad und der quietscht vor Freude. Vielleicht ist Elternsein die größte Herausforderung an die eigene Empathie.
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