CIT-Consult Emotion-Blog

Das rote Tuch

09.09.2010 von: Paula Bemmann-Wöschler

Da steht der Torero mitten in der Arena und schwingt das rote Tuch. Der Stier ist aufgebracht, scharrt mit den Hufen und senkt die Hörner zum Angriff. Mit einem Schnauben bläst er zur Attacke gegen den vermeintlichen Aggressor, der ihm daraufhin Schmerzen zufügt. Aus Sicht des Stieres ist es immer der gleiche Ablauf: wedelndes rotes Tuch – Empfindsamkeit dagegen (es wird nicht das erste rote Tuch im Leben des Stieres sein) – körperliche Erregung – Interpretation als Bedrohung – Angriff als Abwehr – Schmerz – noch mehr Erregung und die Kettenreaktion beginnt zu eskalieren.

Was dem Stier sein rotes Tuch, ist uns Menschen irgendetwas aus unserer Umwelt, das treffsicher unseren wunden Punkt erwischt. Rote Tücher kennt jeder – ein abwertender Gesichtsausdruck, eine spitze Bemerkung, ein provokanter Satz – und ab gehen wir wie ein Zäpfchen oder verharren urplötzlich, weil uns der Atem stockt. Nicht selten ist es sogar egal, wer mit dem roten Tuch wedelt. In Nullkommanichts läuft immer das gleiche eigene Verhaltensabwehrmuster ab. Unsere Reaktion ist der Situation fast immer unangemessen und folgt einem individuellen „Schema F“. Im Nachhinein sind wir mit uns selbst unzufrieden. Nicht selten plagen uns Schuldgefühle. Wir nehmen uns vor, beim nächsten Mal ganz gelassen zu reagieren. Dann sehen wir das rote Tuch erneut und ehe wir einen klaren Gedanken fassen können, sind alle guten Vorsätze zum Teufel. Wir befinden uns schon wieder in der gleichen Eskalationsschleife.
 
Jetzt beginnen wir nicht selten mit immer ausgeklügelteren Vermeidungsstrategien: Wir versuchen vielleicht das rote Tuch zu ignorieren und uns ein dickes Fell zuzulegen, welches aber sofort durchlässig ist, sind wir bereits von etwas anderem gestresst. Weil gestresst sein nicht selten vorkommt, beginnen wir Situationen, in denen jemand mit unserem roten Tuch wedeln könnte, möglichst frühzeitig und weiträumig zu umgehen. Wir laufen Umwege, flüchten uns in Ausreden oder sichern uns immer stärker ab, um ja nicht wieder unverhofft in die Situation zu gelangen, in der das rote Tuch auftauchten könnte. Andere von uns blasen lieber gleich zum Angriff und knallen dem Tuchwedler kräftig eine vor den Latz, damit der gar nicht mehr auf die Idee kommt, das rote Tuch zu zücken.
 
Psychologen sprechen hier von einer „automatischen emotionalen Reaktion“, die wie im obigen Bild vom Torero und Stier mit einer bemerkenswerten Vorhersagbarkeit immer wieder in sehr ähnlicher Art und Weise abläuft, so als gäbe es keine Möglichkeit, anders zu reagieren. Der einzige Ausstieg aus einem Automatismus läuft über das Innehalten und Wahrnehmen, was bei einem selber passiert.
 
Nehmen wir ein konkretes Beispiel einer „automatischen emotionalen Reaktion“ aus dem unerschöpflichen Repertoir eines typischen Eltern-Kind-Verhältnisses. Nennen wir den erwachsenen Sohn Thomas. Er ist ein gestandener Teamleiter, um die 40, verheiratet, 2 pubertierende Kinder, fast abbezahltes Eigenheim und einer 60-Stunden-Woche. In der ersten freien Minute seines Wochenendes ruft er gut gelaunt bei seiner Mutter an, die ihn mit dem Satz: „Endlich meldest Du Dich mal wieder...“ begrüßt.
 
Für Thomas ist der vorwurfsvolle Klang der mütterlichen Stimme ein rotes Tuch (der Auslöser), denn es reizt ihn „bis aufs Blut“, wenn seine Mutter Ansprüche an ihn stellt.
 
Die Ursache seiner Empfindlichkeit ist sein wunder Punkt, der mit diesem mütterlichen Reizsatz getroffen wird. Aufgrund seiner negativen Vorerfahrungen ist seine gute Laune sofort dahin. Denn egal, was er für seine Mutter erledigt hat oder wie viel seiner knappen Zeit er mit ihr verbringt, es ist ihr immer zu wenig. Für einen Sekundenbruchteil fühlt sich Thomas schuldig, gemaßregelt und übergangen in seinem guten Willen. Auch wenn er im weiteren Gespräch seinen Ärger darüber nicht mehr bewusst wahrnehmen wird, bleibt dieses negative Grundgefühl die gesamte Zeit latent vorhanden.
 
An seinem wunden Punkt getroffen (nie genug für für seine Mutter tun zu können), werden sofort Körperempfindungen bei Thomas ausgelöst. Sein Magen krampft sich empfindlich zusammen und sein Hals schnürt sich zu, gleichzeitig steigt Hitze in seinen Kopf und er ringt nach Atem. Auch wenn Thomas dies alles nicht bewusst bemerkt, sein Körper bereitet sich nach dem empfundenen Angriff auf einen Abwehrkampf vor.
 
Jetzt, wir befinden uns immer noch in einem Zeitraum von wenigen Sekunden, die bisher vergangen sind, springt als innere Verarbeitung das Kopfkino von Thomas an und löst Gedanken und Gefühle aus. Gekoppelt sind diese meist an frühere Erlebnisse und beinhalten eigene oder übernommene Bewertungen wie z.B.: „Ich kann es ihr sowieso nie recht machen!“ oder „Ständig hängt sie sich an mich und will mich abhängig machen.“ Die innere Verarbeitung bei automatischen Reaktionen ist fast immer der Versuch, die zugrunde liegenden Emotionen in irgendeiner Weise zu steuern. Thomas versucht sie beiseite zu schieben und seine Empfindlichkeit, sein Gefühl der Vereinnahmung sowie seinen Ärger darüber der Mutter gegenüber nicht anklingen zu lassen. Dies ist eine spontane innere Schutzfunktion von Thomas, um seinen wunden Punkt abzuschirmen und anderen nicht zu zeigen. Sie geht so schnell vonstatten, dass sie Thomas nicht bewusst wird.
 
Sein Verhalten wird jedoch dadurch maßgeblich gesteuert. Was Thomas jetzt tut, ist das Ergebnis des zuvor in Sekundenbruchteilen abgelaufenen und daher völlig unbewussten (!) Verarbeitungsprozesses in seinem Gehirn. Thomas beginnt sich im genervten und aggressiven Ton zu rechtfertigen. Er erzählt erst minutenlang, was er alles um die Ohren hat, um dann mit den Worten abzuschließen: „Und dann willst Du auch immer noch was von mir!“
 
Thomas Verhalten zeigt natürlich eine Wirkung bei der Mutter. Ein wesentliches Merkmal einer „automatischen emotionalen Reaktion“ ist, dass diese meist eskalierende Wechselwirkungen nach sich zieht. Thomas letzte Aussage ist nun wiederum ein rotes Tuch für die Mutter und damit der Auslöser einer „automatischen emotionalen Reaktion“ ihrerseits. Sie fühlt sich nun ebenfalls zu unrecht angegriffen und kontert jammernd, dass das nun der Dank für vier Jahrzehnte aufopferungsvolle Mutterliebe sei und ein Hochschaukeln beginnt bis einer der beiden beleidigt das Telefonat abbricht.
 
Am Ende sind beide verärgert. Mutter wie Sohn haben ein schlechtes Gefühl und sind der Überzeugung, dass jeweils der andere daran Schuld ist.
 
Wie aber kann man aus so einem eskalierenden Kreislauf ausbrechen? Das Hauptproblem, will man eine automatische Reaktion unterbrechen und sein Verhalten gegenüber roten Tüchern verändern, besteht darin, dass eine Automatik einmal ausgelöst wie „von selbst“ abläuft. Sie ist uns nicht bewusst. Meist geht uns erst ein Licht auf, d.h. sie wird uns erst bewusst, wenn wir uns bereits in den Wechselwirkungen und der Eskalation befinden. Auslöser (rotes Tuch) – Treffen unseres wunden Punktes – Körperempfindungen – innere Verarbeitung – eigenes Verhalten – all diese Phasen haben wir gar nicht bewusst registriert! Damit wird ein wesentlicher Knackpunkt sichtbar: Ich kann nichts bewusster steuern, wenn ich zu wenig oder gar nichts über meine Ablaufmuster weiß.
 
Entschleunigung und Achtsamkeit für die eigene Innenwelt sind die beiden Schlüssel zur Veränderung und Selbststeuerung. Innehalten und wahrnehmen, was in solchen Situationen genau bei mir abläuft ist der erste Schritt. Dafür muss ich nicht warten, bis ich wieder mit meinen Eltern telefoniere. Ich kann mir sofort ein weißes Blatt Papier nehmen, mir die letzte konkrete Situation, in der ich eine „automatische emotionale Reaktion“ zeigte, in Gedanken vorstellen und dann versuchen die einzelnen Phasen „Auslöser“, „wunder Punkt“ etc. so präzise wie möglich zu erfassen und für mich selbst aufzuschreiben.
 
Damit habe ich bereits die „halbe Miete“, denn indem ich um meine Körperempfindungen weiß, habe ich für die nächsten ähnlichen Situationen gute Verbündete. Da meine Aufmerksamkeit künftig stärker als bisher auch meine Körperreaktionen einschließt, dienen diese mir als Hinweisgeber. Ich nehme jetzt viel eher wahr, wann sich z.B. mein Magen zusammen krampft. Nun kann ich bewusst reflektieren, was gerade passiert und somit den Automatismus unterbrechen.
 
Will ich langfristig meine Reaktion auf rote Tücher verändern, werde ich nicht umhin kommen, mich mit meinen „wunden Punkten“ zu beschäftigen, um sie besser zu verstehen. Wo liegen meine Empfindlichkeiten? Welche Ängste verbergen sich dahinter? Wann ist es gut auf sie zu hören? Wann schränken sie mich ein? Das alles sind hilfreiche Fragen, um Teile meiner Persönlichkeit immer besser kennen zu lernen und sie dadurch für meine Ziele erfolgreich einzusetzen. In dieser Auseinandersetzung mit mir selbst werden mir auch viele persönliche Möglichkeiten meiner Selbststeuerung bewusster, die ich ausprobieren oder bewusst trainieren kann, um mich in „roten Tuch-Situationen“ künftig anders zu verhalten.
 
Indem ich darüber hinaus ebenfalls auf meine eigene Wirkung auf andere und die entsprechenden Wechselwirkungen achte, kann ich meine Einstellungen und inneren Bewertungen gegenüber dem roten Tuch hinterfragen und somit auch auf diese Phase bewusster Einfluss nehmen.
 
Sobald ich aufhöre nach Schuldigen zu suchen und statt dessen auf Entdeckungsreise zu meiner eigenen Innenwelt mit ihren Wirkungen und Wechselwirkungen gehe, werde ich eines Tages überraschend wahrnehmen, dass mein Gegenüber mit einem Tuch wedelt, das für mich nicht mehr rot, sondern bunt aussieht.
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