CIT-Consult Emotion-Blog

Unfaire Prozesse

09.09.2010 von: Michael Blochberger

Wer in diesen Tagen die Zeitung liest, findet die Presse in heller Aufregung. Die Diskussion über Thilo Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" wird wie ein Glaubenskrieg zwischen Integrationsdogmatikern und Islamismusgegnern geführt. Und zu Beginn des Prozess gegen Jörg Kachelmann hat die protestantisch geprägte Presse des Nordens eine Front gegen die Vertreter des katholischen Südens gebildet. Zwei Themen, die die Nation spalten: Die einen sehen die Freiheitsrechte gefährdet, die anderen fürchten um Moral und Anstand.

Obwohl wir weder das Buch noch die Anklageschriften gelesen haben, haben wir alle eine Meinung dazu und viele geben dem Drang nach, diese auch öffentlich kund zu tun. Was lässt den Einzelnen so sicher sein, ohne sachlich relevante Informationen zu besitzen? Was passiert mit uns, dass sogar Alice Schwarzer im Feindesblatt "Bild" glaubt, das "Opfer" verteidigen zu müssen?
 
Wir benötigen in der Regel nicht viele Informationen, um uns eine Meinung zu bilden. Schon ein Zeitungsartikel oder eine Nachrichtenmeldung reicht aus, um unser Kopfkino in Gang zu setzen, die eigenen Erfahrungen und Glaubenssätze zu diesem Thema abzurufen, zu vergleichen und Stellung zu beziehen, ohne dass wir das intellektuell hinterfragt hätten.
 
Unser emotionales Gedächtnis ist darauf trainiert, schnelle Entscheidungen zu treffen. Auf der Basis unseres persönlichen Weltbildes wählen wir die für uns bisher erfolgreichste Alternative und fühlen uns mit dieser Entscheidung in der Regel sicher. Im privaten Alltag mag uns diese Spontanität häufig nützlich sein; um komplexe Sachlagen oder die Psychologie von Menschen zu verstehen, ist sie nicht tauglich. Diese sind oftmals viel zu vielschichtig, um aus der einseitigen Perspektive des Einzelnen beurteilt werden zu können.
 
Uns sollte bewusst sein, dass wir der objektiven Wahrheit allein selten gerecht werden können: Unsere Meinung basiert ausschließlich auf unseren ebenso individuellen wie beschränkten Erfahrungen. Es ist und bleibt eine persönliche Wahrheit und Menschen mit anderen Erfahrungen, einem anderen Weltbild oder einer anderen Kultur kommen zu ganz anderen Ergebnissen.
 
Viele der einseitigen und oft polarisierenden Stellungnahmen zu Sarrazin und Kachelmann in den letzten Tagen sind aus der Betroffenheit der Autoren nachvollziehbar, eine Entschuldigung für diese hemmungslose Form der Glaubenskriege ist es allemal nicht. Wer in Politik und Medien Verantwortung übernimmt, sollte sich seiner eigenen Muster und Werte bewusst sein und seine emotionale Betroffenheit von der Sachlage weitgehend zu trennen verstehen.
 
Das, was wir an Schuldzuweisungen und Vorverurteilungen zu lesen und zu hören bekommen, hat wenig mit der Realität zu tun. Vielmehr kann es als Spiegel des Weltbildes des jeweiligen Autoren dienen. So wird auch verständlich, warum Alice Schwarzer in der "Bild" das "Opfer" zu verteidigen gedenkt: Ihr Männerbild scheint so von der "männlichen Täterrolle" dominiert, dass sie bereit ist, selbst politische Positionen aufzugeben und für das ehemals gehasste Blatt zu schreiben.
 
Ich halte es für emotional intelligenter, in kritischen Fällen wie denen von Sarrazin und Kachelmann, nicht gleich Partei zu ergreifen. Zu undurchsichtig ist die Sachlage und zu komplex die menschliche Psyche, als dass ich es mir zutraue, aus der Ferne ein Urteil zu fällen. Nach diesem Pressekrieg ist zunehmend fraglich, ob ein faires Urteil oder ein fairer Prozess überhaupt noch möglich sind. In der Rolle des Bundespräsidenten oder der von Kachelmanns Richter möchte ich jedenfalls nicht stecken.
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