CIT-Consult Emotion-Blog

In den Fängen des Stresses – Rette sich, wer (noch) kann!

07.10.2010 von: Paula Bemmann-Wöschler

Die Schultern stark nach vorn gezogen, Rundrücken und glasige, unruhige Augen, die alles jederzeit im Blick haben – ich werde den Eindruck nicht los, Seit an Seit neben einem geprügelten Hund zu sitzen, der zum Angstbeißer mutiert ist. Die gesamte Körperhaltung meines Nebenmannes verströmt eine Mischung aus gehetzter, subtil-aggressiver Angespanntheit und schwarzseherischer Schicksalsergebenheit. Wer mit ihm spricht, benötigt entweder ein Schutzschild oder flinke Körperreaktionen, um sich von seinen Giftpfeilen getränkt in Zynismus und Sarkasmus nicht treffen zu lassen. Dabei sehe ich im Hintergrund seiner Augen, dass es einmal eine andere Zeit gab.

Die Warnungen von Psychologen und Ärzten vor den gesundheitsschädigenden Auswirkungen krankmachender Strukturen und Arbeitsprozesse im Job häufen sich seit Jahren. Krankenkassen und Unternehmensberater führen Statistiken, die schwarz auf weiß belegen, was die Mehrheit der Arbeitnehmer am eigenen Leib tagtäglich erfährt: der Stresspegel im Berufsalltag steigt. Burn-out ist in aller Munde. Neue Angebote zum Thema Stressmanagement sprießen im Trainings- und Coachingsektor und treiben die ausgefallensten Blüten. Aber sonst ändert sich nichts Grundlegendes.
 
Ganz im Gegenteil: Individuelle Erreichbarkeit überall und immer ist eine unausgesprochene Regel in vielen Unternehmen geworden, deren Erfüllung von allen erwartet und bei Nichteinhaltung sofort sanktioniert wird. Im Minutentakt hagelt es E-Mails, Termine, Anrufe und Besprechungen – am besten soll alles gleichzeitig und dabei auch noch hoch konzentriert abgearbeitet werden, mit halbem Budget in der Hälfte der Zeit, versteht sich. Das Zweithandy, mit dem Kollegen am Abend oder Wochenende weiterhin für alles und jeden erreichbar bleiben, gehört bereits für viele zum Standard. Ich kann mich nur mit Mühe an Inhouse-Workshops erinnern, in denen keiner der Teilnehmer nebenher dringend telefonieren und E-Mails beantworten musste oder von Vorgesetzten wegen Terminaufgaben aus der lange im Voraus vereinbarten Veranstaltung geholt wurde.
 
Jeder der Beteiligten und Entscheidungsträger weiß: Das kann auf Dauer nicht funktionieren! Überall und immer erreichbar zu sein, hält keiner lange durch. Aber alle machen dennoch mit. Warum? Wohlstandsverwahrlosung unserer Kinder, „Nebeneinander-her-leben“ in der Partnerschaft, funktionaler Sex oder so gut wie gar kein Sexualleben mehr, flüchtige, oberflächliche Bekanntschaften statt Freunde und weder Hobby noch Wohlfühlfigur ist keine außergewöhnliche Bilanz ab Mitte 30. Weil wir abends einfach nur platt und kaputt sind und absolut keinen Nerv mehr auf Spielen und „In-Beziehung-gehen“ haben. Sind die Folgen immer noch nicht schmerzhaft genug für uns? Oder ist unsere Flucht in Gefühlsarmut und reibungsloses Funktionieren, in Witz, Zynismus und Sarkasmus oder aber in Suchtverhalten (Zigaretten-, Alkohol-, Kauf-, Fress- und Fernsehrausch) einfach schon zu perfekt automatisiert, sodass es uns gar nicht mehr auffällt, wie sehr wir wirklich leiden?
 
Ich arbeite erst seit knapp drei Wochen für meinen neuen Kunden und habe bereits jetzt schon Mühe, mich für die Veranstaltungen vor Ort positiv zu motivieren. Jedes Training wird zur Qual. Die schlechte Stimmung schlägt mir auf den Magen. Nach der Hälfte der Zeit bekomme ich Kopfschmerzen und Schulterverspannungen. Es kostet mich die dreifache Kraft, eine konstruktive, effiziente Arbeitsatmosphäre zu schaffen und über eine längere Zeit zu halten. Keiner hält sich an Absprachen, alles wird ständig wieder über den Haufen geworfen, ein ständiges Kommen und Gehen, das ein konzentriertes Arbeiten an einer Sache völlig unmöglich macht – auf nichts und Niemanden ist in diesem Unternehmen wirklich Verlass. Und jeder Bereich schiebt die Schuld jeweils dem anderen zu.
 
Die Leistungsträger, deren Gestaltungswillen noch über dem Frust steht, hoffen auf bessere Zeiten. „Es ist eine Phase...“ oder: „Wenn wir erst dies und das durchgezogen haben, dann ...“ höre ich immer wieder. Auf meine Frage, wie lange denn diese Phase bereits andauert, erhalte ich die Antwort: „In dieser Intensität mehr als zwei Jahre.“ Jetzt spüre ich sogar so etwas wie Anerkennung für meinen Nebenmann, den „geprügelter Hund“, der in seiner Position tagtäglich im Kreuzfeuer steht und immer noch nicht ganz kaputt, sprich richtig krank, geworden ist. Zu meinem Glück habe ich noch andere Kunden!
 
Ich beginne mich dennoch zu fragen, was meinen Nebenmann von den anderen (noch) motivierten Führungskräften unterscheidet. Von all dem, was ich erhoben, beobachtet oder zwischen den Zeilen herausgehört habe, handelt es sich bei unserem „geprügelten Hund“ um eine unheilvolle Kombination aus der individuellen, destruktiven inneren Einstellung einerseits und dem Fehlen von Führung in seinem Bereich andererseits.
 
Die computergestützte Potenzialanalyse, mit der ich arbeite, bestätigte mir, was ich bereits anhand seiner Äußerungen vermutete: Bei ihm handelt es sich um einen Menschen, der über wenig innere Selbstsicherheit verfügt und zudem Ursachen sowie Ergebnisse außerhalb seiner Person attribuiert. D.h. er schreibt Erfolge wie Misserfolge nicht seinen eigenen Fähigkeiten, Anstrengungen und Begabungen zu, sondern externen Einflüssen wie Zufällen, ungünstigen Umständen oder der Laune seines Chefs. Demnach liegt es in seinen Augen auch weniger in seinen eigenen Händen, Geplantes zu erreichen und die persönlichen Interessen umzusetzen. Dies führt dazu, dass er sich immer auf andere angewiesen fühlt und in seiner Opferrolle verharrt. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen den hohen Dauerstressfaktor, der entsteht, wenn Menschen der Überzeugung sind, nicht mitbestimmen zu können.
 
Jetzt könnte man natürlich auch auf die Idee kommen, dass aufgrund der fehlenden Führung in der Abteilung unser „geprügelter Hund“ doch Eigeninitiative zeigen und selbst bestimmt seinen Aufgabenbereich beackern kann. Unglücklicherweise ist er aber keine selbstsichere Persönlichkeit, die klar und deutlich sagt, was sie braucht und eindeutige Grenzen setzt oder angekündigte Konsequenzen zieht. Aber auch wenn er dazu imstande wäre, würde ihn das destruktive Führungsverhalten seines Chefs mit jedem Tag mehr und mehr zermürben. Sein Chef führt nämlich nicht nur nicht und zeigt dadurch keine klare Linie, sondern ändert ständig seine Meinung.
 
Jede Eigeninitiative wird im Keim erstickt, weil morgen nicht mehr gilt, was heute vereinbart und erarbeitet wurde. Zudem arbeitet unser „geprügelter Hund“ nicht nur fast täglich für den Papierkorb, sondern wird – bildlich gesprochen – ständig aus dem Hinterhalt angeschossen. Denn sein Chef gibt seinen eigenen Frust über die desolaten Ergebnisse der Abteilung, wen wundert es, in Form von subtiler Aggression mit Zynismus und Sarkasmus an seine Mitarbeiter weiter.
 
Seligman und Maier, zwei US-amerikanische Psychologen, zeigten bereits in den 1960er Jahren, dass Menschen und Tiere infolge von Erfahrungen der Hilf- oder Machtlosigkeit ihr Verhaltensrepertoire dahingehend einengen, dass sie als unangenehm erlebte Zustände nicht mehr abstellen, obwohl sie es (von außen betrachtet) könnten. Als erlernte Hilflosigkeit wird dieses Phänomen bezeichnet, das natürlich schneller bei einem Menschen greift, der dazu passende, destruktive innere Einstellungen und Glaubenssätze mitbringt.
 
Das Prekäre für mich an dieser Situation ist aber vor allem das Nichtstun aller Menschen drum herum, die noch nicht in den Fängen stresserzeugender Führungsstile und/oder Strukturen erstarrt sind. Da ist eine untätige Geschäftsleitung, die unterrichtet ist, sich aber außer Stande fühlt, in dieser „Phase“ aufzuräumen und Abhilfe zu schaffen. Da ist ein Betriebsrat, der sich lieber in Machtspielchen um materielle Vergütung ergeht, statt Solidarität mit den Mitarbeitern dieser Abteilung zu üben und auf Abstellen dieser gesundheitsschädigenden Struktur zu drängen. Da sind aber auch Kollegen und Vorgesetzte anderer Abteilungen, die ihre Teamfähigkeit lieber nur im eigenen Bereich leben und gar nicht auf die Idee kommen, verantwortungsbewusst und mit Fingerspitzengefühl zu diesem allgemein bekannten Problem Stellung zu beziehen.
 
Und genau hier schließt sich für mich der Kreis. Wenn ich selbst im Dauerstress bin und nur noch funktioniere, dann schaltet meine Seele auf „Autopilot“, um mich selbst zu retten, solange ich dazu aus eigener Kraft noch in der Lage bin. Wenn ich mir dann noch lange genug selbst einrede, dass „Aufstieg und Zukunft durch Leistung“ gesichert wird, spüre ich bald auch kein Mitgefühl mehr für diejenigen, andere Menschen oder eigene innere Anteile, die durchs Raster fallen.
 
Was könnte entstehen, wenn wir es immer wieder im Kleinen schaffen würden, gemeinsam Bedingungen und Strukturen neu zu schaffen, in denen wir wieder mit Spaß und Freude leistungsstark sein können. Und wer behauptet eigentlich, dass das nicht funktionieren sollte?
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