CIT-Consult Emotion-Blog

Des Apfels Kern

11.11.2010 von: Paula Bemmann-Wöschler

Seit über zwei Wochen sitze ich nun schon tagein, tagaus vor meinem Rechner, beginne, wenn es draußen noch dunkel ist, höre auf, wenn die Uhr schon längst den nächsten Tag eingeläutet hat. Ich will, ich muss, einfach Augen zu und durch... – hämmert es ununterbrochen in meinem Hirn. Aber ich will meine Augen nicht verschließen, dieses Mal nicht!

Da sitzt der Druck, schwer auf meinen Schultern, hat es sich bequem gemacht und krallt lustvoll seine kräftigen Pranken in mein Fleisch. Ich spüre, wie ich jeden Tag mehr im Rücken verkrampfe. Noch ein paar Tage, dann ist mein Rückenpanzer komplett und das Druckgefühl erträglich. Noch ein paar Tage, dann habe ich den perfekten Tunnelblick. Noch ein paar Tage und ich hetze nur noch vom Schreibtisch zum Klo und zurück. Noch ein paar Tage und ich kann mich auf kein tiefer gehendes Gespräch mehr einlassen. Noch ein paar Tage, dann funktioniere ich nur noch, ohne zu fühlen.
 
Aber dieses Mal will ich das Ganze bewusst erleben! Dieses Mal gibt es kein pardon! Dieses Mal will ich nicht flüchten in die Opferrolle und mir einreden, ich könnte nichts für meinen Stress, das „Außen“ würde mich so unter Druck setzen. Dieses Mal will ich den ganzen Mist, den ich mir selbst eingebrockt habe, ganz bewusst miterleben. Dieses Mal will ich spüren, was ich mir scheinbar immer und immer wieder selbst antue.
 
Vielleicht finde ich dann endlich den Dreh, mich besser zu organisieren. Ich weiß, dass ich das kann! Ich bin nicht der Chaot, der ich gern sein will, wenn ich nach Ausreden suche, warum ich schon wieder nur mit Gewalt einen zugesagten Termin halten werde. Ich weiß, dass ich strukturieren kann. Ich liebe tolle Ablaufpläne, nur halte ich mich selten daran.
 
Es fehlt mir etwas, der Sinn des Ganzen. Und plötzlich erinnere ich mich an die Geschichte vom Apfelkern aus dem Visionsbuch von Hans Kreis , die mich im Frühjahr so sehr berührte.
 
Da ist ein Apfelkern und in ihm ist von Anfang an eine große Vision angelegt. „Für den Unkundigen ist und bleibt diese Vision ein Geheimnis. Vielleicht bemerkt er, dass dort, wo ursprünglich ein fauler Apfel lag, im Folgejahr ein kleiner Sprössling wächst, als Folge einer für den Apfelkern lebensbedrohenden Krise. Den Apfelkern gibt es seit dieser Zeit nicht mehr. Dafür gibt es den Sprössling. Vielleicht bemerkt der Unkundige ihn nicht und tritt ihn achtlos um. Vielleicht übersieht er ihn und bemerkt ihn irgendwann. Aber dann ist er kein Sprössling mehr, sondern ein kleiner Baum. Kann sein, dass er diesen kleinen Baumstamm als störend empfindet, nutzlos und unsinnig.
 
Vielleicht ist dieser Unkundige ein gehetzter Manager und hat keine Zeit, sich um seinen Garten zu kümmern. Dann hat der kleine Apfelbaum Glück gehabt und seine Vision kann sich weiter erfüllen. Der kleine Apfelbaum wird wachsen, Knospen und Blüten bekommen. Irgendwann wird er Früchte tragen. Eine Frucht wird vom Baum fallen und dort, wo alles begann, wird sich eine Vision erfüllen, die Vision vom ewigen Leben. Jetzt wird auch der gehetzte Manager bemerken, dass sich der Garten verändert hat. Vielleicht wird er einen der Äpfel ernten und ihn mit den Äpfeln im Supermarkt vergleichen. Dann wird er ihn im hohen Bogen in den Nachbarsgarten werfen und sich fragen, warum es so einen kleinen, komischen Apfel geben muss, wo es doch im Supermarkt viele perfekte Äpfel gibt. Er wird (...) wahrscheinlich nicht verstehen, (...) dass sich mit diesem Apfel eine Vision erfüllen wollte. Er wird (...) noch weniger verstehen, (...) dass er soeben Geburtshelfer einer neuen Vision wurde, weil er den Apfel in die fruchtbare Nachbarswiese warf. Sollte sich diese Vision erfüllen, wird dies zwar wieder ein Apfelbaum werden, aber er wird ganz anders sein, weil kein Apfelbaum dem anderen gleicht.“
 
Noch ganz in die Erinnerung der Geschichte versunken, reißt mich ein vorsichtiges Klopfen aus meinen Gedanken. Du öffnest die Tür und überreichst mir einen mit einer Schleife verzierten Apfel. Er duftet frisch nach Natur und liegt prall in meiner Hand. „Das ist der letzte Apfel vom Baum aus unserem Garten und den schenke ich Dir.“, höre ich Dich sagen. Mir schießen die Tränen der Sehnsucht in die Augen – der Sehnsucht nach meiner eigenen und der Sehnsucht nach unserer gemeinsamen einzigartigen großen Vision im Leben.
 
Ich muss mich nur trauen, ihr die Tür zu öffnen, damit sie sich entfalten darf.
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